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Hutten-Buchhandlung
Dienstälteste Buchhändlerin von Frankfurt geht in Rente

Thomas Gutke / 31.03.2020, 06:00 Uhr - Aktualisiert 31.03.2020, 10:22
Frankfurt (Oder) (MOZ) Ein letztes Mal Bücher einsortieren. Bestellungen von Kunden entgegen nehmen. Leseempfehlungen geben. All das kam für Monika Heise schneller als erwartet. Am 18. März mussten auch in Frankfurt zahlreiche Geschäfte aufgrund der Corona-Pandemie vorübergehend schließen. Für die Buchhändlerin hieß das: vorzeitiger Dienstschluss nach 47 Jahren in der Hutten-Buchhandlung. Ihr offiziell letzter Arbeitstag ist heute, am 31. März.

Es ist eine Arbeitsbiografie, der man 30 Jahre nach der Wende in Ostdeutschland nur noch selten begegnet. Fast ein halbes Jahrhundert lang hat sie für Nachschub in Hunderten Bücherregalen in Frankfurter Wohn- und Arbeitszimmern gesorgt. Die 64-Jährige ist stolz darauf – und freut sich zugleich auf ihren Ruhestand, auf mehr Zeit mit ihren Enkelkindern, und auf ihren Garten.

Monika Heise wohnt in Pillgram, wo sie auch aufgewachsen und zur Schule gegangen ist. Schon als Kind verbrachte sie viele Stunden in der Schulbibliothek. Auch ihre Eltern lasen viel. "Für mich war schnell klar: Moni, Du musst später irgendetwas mit Büchern machen", erinnert sie sich. 1973 begann Monika Heise ihre Lehre an der Leipziger Buchhändlerschule. Als Ausbildungsbetrieb wurde ihr die 1953 gegründete Volksbuchhandlung Ulrich von Hutten zugeteilt – für sie ein Glücksfall. Das Geschäft war 1973 gerade erst von der Richtstraße an den damals noch nicht ganz fertigen Oderturm gezogen. "Die Ausbildung in Leipzig war breit gefächert", sagt sie. Wert gelegt wurde auf eine umfangreiche Allgemeinbildung. Jeder Buchhändler sollte mit möglichst allen Fachrichtungen vertraut sein.

Fotos aus dem ersten Jahr am Frankfurter Oderturm

Bilder aus dem ersten Jahr am Oderturm zeigen aufgeräumte, weitgehend volle Regale. Mit Parteiliteratur, Kinderbüchern aber auch viel gelesenen Romanen von Heinrich Böll, Balzac oder Jorge Amado.  "Das Angebot entsprach trotzdem oft nicht der Nachfrage", formuliert Monika Heise vorsichtig, wie der zentral organisierte Volksbuchhandel oft am Leserinteresse vorbei die Lager bestückte. Besonders begehrte Bücher wurden wie überall in der Republik als Bückware unter dem Ladentisch verkauft.

Eine Besonderheit bei Huttens zu Ost-Zeiten: "Wir waren Testbuchhandlung für den Bereich Medizin. Bei uns deckten sich auch viele westdeutsche Ärzte mit Fachliteratur ein." Einen reichen Bestand an Titeln habe es ebenso zum Thema Datenverarbeitung gegeben. Schließlich waren Tausende Frankfurter damals im Halbleiterwerk beschäftigt. 30 bis 40 Leute arbeiteten in der Buchhandlung, die bis in die frühen 1980er Jahre von Georg Kotterba geführt wurde, Vater von MOZ-Journalist Jörg Kotterba.

Hutten-Buchhandlung nach der Währungsunion

Dann kam die Wende. Und mit der Währungsunion am 1. Juli 1990 schaltete die Hutten-Buchhandlung über Nacht von Plan- auf Marktwirtschaft um. Die Unsicherheit war groß. Überall in der DDR schlossen Buchläden. In Frankfurt (Oder) aber übernahm der renommierte West-Berliner Buchhändler Robert Kiepert im August 1991 die Hutten-Buchhandlung. 1993 zog sie nach einer Übergangszeit in Containern in die neue Einkaufszeile des modernisierten Oderturms.

Monika Heise erinnert sich an spannende Aufbaujahre. "Plötzlich haben wir mit Katalogen dagesessen und sollten die Verantwortung für den Buchbestand übernehmen. Das war eine große Herausforderung. Und überforderte uns am Anfang manchmal auch". Zu den absoluten Verkaufsschlagern nach der Wiedervereinigung hätten Bewerbungsbücher und Autoatlanten gehört, erzählt sie. Auch das anfangs sehr schmale Regal mit Reiseführern sollte sich bald füllen. Die Bürger der Stadt suchten nach den Massenentlassungen mit Unterstützung von Fachliteratur nach neuen beruflichen Perspektiven und wollten zugleich die wiedergewonnene Reisefreiheit auskosten.

Viele Lesungen in der Frankfurter Buchhandlung

In Erinnerung geblieben sind Monika Heise auch die vielen Lesungen mit prominenten Gästen wie Rio Reiser oder Matthias Platzeck. Als absolutes Highlight nennt sie außerdem die lange Harry-Potter-Nacht 2003. Damals erschien der fünfte Harry-Potter-Band. Huttens fieberte mit einem großen Fest der Veröffentlichung entgegen – und Hunderte Menschen füllten zu nächtlicher Stunde den Oderturm.

Strausberger Buchhändler übernahm Geschäft

Der Tiefpunkt folgte 2010/2011, als die Hutten-Buchhandlung kurz vor dem wirtschaftlichen Aus stand. Kiepert schickte die Beschäftigten in Kurzarbeit, "es sah nicht gut aus für uns", blickt Monika Heise zurück. Dann übernahm im Juli 2011 der Strausberger Buchhändler Falko Micklich das Geschäft, dessen Leitung er 2015 an seinen Sohn Jan und seine Schwiegertochter Katja Micklich übergab. Beide haben mit einem neuen Konzept das Traditionsgeschäft gegen die starke Online-Konkurrenz von Amazon und Co. wieder auf Kurs gebracht. Zu verdanken sei dies vor allem erfahrenen, engagierten Kolleginnen wie Monika Heise, sagt Jan Micklich. Er hebt insbesondere ihr Organisationstalent beim Schulbuchverkauf hervor, bei dem jeden Sommer mehr als 3000 Tüten mit Lehrbüchern über den Ladentisch gehen – und bei dem sie stets den Überblick behielt.

Sie selbst werde vor allem die Kundengespräche zur Weihnachtszeit vermissen, sagt sie. "Wenn Stammkunden nach dem Fest vorbeikommen und sich für die Buchempfehlung bedanken, hat man alles richtig gemacht." Ihre Nachfolgerin hat Monika Heise bereits eingearbeitet. Den Kollegen wünscht sie auch angesichts der Corona-Krise nun vor allem, "dass sie die neuen Herausforderungen meistern".

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