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Psychiatrischer Gutachter hält Angeklagten für voll schuldfähig

Prozess
"Jan G. wusste, was er tat"

Der Kriminalpsychiater Hans-Ludwig Kröber sitzt in seinem Büro in Berlin.
Der Kriminalpsychiater Hans-Ludwig Kröber sitzt in seinem Büro in Berlin. © Foto: dpa/Britta Pedersen
Mathias Hausding / 19.12.2017, 06:45 Uhr - Aktualisiert 19.12.2017, 14:31
Frankfurt (Oder) (MOZ) Die Staatsanwaltschaft ging in ihrer Klageschrift davon aus, dass Jan G. im Zustand verminderter Schuldfähigkeit tötete. Der psychiatrische Sachverständige kommt nun gegen Ende des Verfahrens zu einem anderen Schluss. Außerdem kritisiert er die eigene Zunft für eine verhängnisvolle Fehldiagnose.

Auch wenn es niemand wieder lebendig macht, drängt sich im Prozess immer wieder die Frage auf, ob drei Menschen noch am Leben sein könnten, wenn diverse Fachleute ihnen aufgetragene Arbeiten besser erledigt hätten. Das betrifft Richter, die den gefährlichen Intensivstraftäter auf freiem Fuß ließen sowie den gesetzlichen Betreuer, der über Rechtsverstöße seines Schützlings gleichgültig hinwegsah, aber auch Ärzte, die bei ihm die Fehldiagnose Schizophrenie stellten. Sie sorgten dafür, dass er für schuldunfähig erklärt wurde und über Jahre hinweg schwere Straftaten begehen konnte, ohne dafür zur Verantwortung gezogen zu werden.

"Es wurden bei Jan G. nie Symptome für eine Schizophrenie festgestellt", sagte der psychiatrische Gutachter Hans-Ludwig Kröber am Montag vor dem Landgericht Frankfurt (Oder). Dass es trotzdem zu der Diagnose kommen konnte, erklärt der 66-Jährige mit der nach seiner Einschätzung in der Psychiatrie verbreiteten Gewohnheit, frühere Befunde einfach fortzuschreiben und großzügig zu interpretieren.

So sei Jan G. im Frühjahr 2013 im Haftkrankenhaus Brandenburg/Havel erstmals als "psychotisch" beschrieben worden. "Weil er sich komisch verhielt. Das ist aber nicht Schizophrenie", tadelt Kröber. Zurück im Jugend-Gefängnis Wriezen sei daraus jene Diagnose geworden, auf die später gerne ohne neue Feststellungen zurückgegriffen wurde. Zur Begründung habe es geheißen, dass frühere Ärzte Anzeichen für diese Erkrankung gesehen hätten, so Kröber. "Die hatten aber gar nichts gesehen, sondern nur einen Verdacht geäußert", sagt der Gutachter nach dem Studium der Akten. Es sei darum gegangen, Jan G. "ein Etikett" zu verpassen. Dies lasse Zweifel an der Kompetenz der beteiligten Mediziner aufkommen, so Kröber.

Nach seiner Einschätzung sei Jan G. nicht mehr und nicht weniger als "emotional instabil". Sein eigenes Fazit aus einem Zwischen-Gutachten, in dem er Jan G. als "Borderline-Typen" beschrieben hatte, nahm er am Montag vor Gericht zurück. Zugutehalten müsse man ihm, dass er in seiner Kindheit durch seine Mutter offenbar wenig Zuneigung erfuhr. Kröber hat nach eigenen Angaben sechs längere Gespräche mit dem Angeklagten geführt. Weitere wichtige Erkenntnisse habe er in der Hauptverhandlung gewonnen.

Kröbers Fazit: Als Jan G. am Morgen des 28. Februar seine Oma erst misshandelte und dann erstach, stand er unter dem Einfluss von Drogen. "Eine erheblich verminderte Steuerungsfähigkeit ist nicht auszuschließen", sagt der Experte. Anders als Jan G. einige Stunden später die beiden Polizisten überfuhr. Im Vorfeld dieser Tat habe er "erstaunlich geordnet gehandelt". Auch die Tatbegehung zeige "nichts Pathologisches und nichts Irrationales". Jan G. sei in einem "Kampf-Rausch" gewesen, habe sich von nichts stoppen lassen wollen, sein Fahrzeug "bewusst" auf die Polizisten gelenkt. "Jan G. wusste, was er tat. Er ist voll schuldfähig."

Hans-Ludwig Kröber hält ihn darüber hinaus für weiterhin gefährlich, will aber nicht ausschließen, dass eines Tages Besserung eintritt. Er sei ja noch jung. Bis dahin möge man ihn im Gefängnis an ein "normales Arbeitsleben mit einfachen Regeln" heranführen. Mit Hilfeleistungen hingegen müsse Schluss sein. Diese seien in der Vergangenheit kontraproduktiv gewesen. Jan G. einen Betreuer zur Seite zu stellen, verspottet Kröber als "glorreiche Idee."

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Jan G . Fehldiagnose Hans - Ludwig Kröber Schuldfähigkeit Klageschrift

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