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Mordprozess
Witwe eines Polizisten richtet emotionale Worte an Jan G.

Fordern eine milde Strafe: Jan G. (l.) und sein Anwalt Stefan Böhme
Fordern eine milde Strafe: Jan G. (l.) und sein Anwalt Stefan Böhme © Foto: dpa/Patrick Pleul
Mathias Hausding / 30.01.2018, 10:25 Uhr - Aktualisiert 19.09.2018, 16:46
Frankfurt (Oder) (MOZ) Am vorletzten Verhandlungstag des Müllroser Mordprozesses hat sich erstmals die Witwe eines der getöteten Polizisten mit einer emotionalen Erklärung zu Wort gemeldet. Der Angeklagte selbst bagatellisierte seine Taten im „letzten Wort“ auf unerträgliche Weise. 

Immer wieder hatte sie die Kraft gefunden, das Strafverfahren im Gerichtssaal zu verfolgen. Manche Zeugenaussagen zum Tod ihres Mannes ertrug sie nicht. Sie blieb dann zu Hause oder verließ den Raum für kurze Zeit. Aber der Prozess war ihr auch als Teil der Verarbeitung jener schrecklichen Ereignisse vom 28. Februar 2017 wichtig, wie ihre Anwälte betonten.

Am Dienstag nun hat sich die Witwe des von Jan G. getöteten Polizisten Torsten P. persönlich zu Wort gemeldet. Die Nebenklägerin in dem Dreifachmordprozess stellte ein großes, gerahmtes Foto ihres Mannes vor sich auf den Tisch und drehte es in Richtung des Angeklagten. „Ich möchte Ihnen jemand vorstellen“, begann sie an Jan G. gerichtet mit fester Stimme. „Wir haben uns darauf gefreut, gemeinsam alt zu werden, waren glücklich und zufrieden“, sagte sie über sich und ihren Mann. „Sie aber haben unser Leben, unsere Zukunft, unsere Träume zerstört.“

Sie hoffe, dass er die Zeit im Gefängnis nutzt, um sich darüber klar zu werden, was er getan hat. Und sie wünsche sich, dass er die Bilder nicht vergisst, auch nicht das Porträt ihres Mannes. Jan G. verfolgte die Aussagen ernst und aufmerksam, einmal nickte er leicht, vielleicht ein Zeichen: „Ja, ich habe verstanden.“

An die Kammer gerichtet, erklärte die Ehefrau schließlich noch: „Es gibt für den Angeklagten keine gerechte Strafe. Aber ich bin überzeugt, dass Sie die richtige Strafe finden werden.“

Dass das alles andere als einfach wird, verdeutlichte am Dienstag das Schlussplädoyer jenes Anwalts, der die Angehörigen von Torsten K. vertritt, des zweiten getöteten Polizisten. Anders als die übrigen Nebenklage-Vertreter widersprach Bernhard von Elling der Argumentation der Staatsanwaltschaft, die Jan G. des dreifachen Mordes überführt sieht.

Mord oder „nur“ Totschlag – diese Frage steht und fällt im viel kritisierten Mord-Paragrafen aus der Nazi-Zeit mit den sogenannten Mordmerkmalen. Seit einigen Jahren wird bislang ergebnislos an einer Reform  des Strafgesetzbuchs, Paragraf 211, gearbeitet. Mörder ist bislang, wer aus Heimtücke, niedrigen Beweggründen oder aber mit dem Ziel tötet, eine andere Straftat zu verdecken. All das treffe auf die Taten des Jan G. nicht zu, betonte von Elling.

Das Fazit des Anwalts: Jan G. sollte wegen dreifachen Totschlags zu lebenslanger Haft und anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt werden. Ungewöhnlich erscheint, dass er genau wie seine Vorredner das Mordmerkmal der „niedrigen Beweggründe“ verneinte, ohne dies ausführlich zu begründen. Womöglich geht die Kammer am Freitag ja über diese Brücke, um den Angeklagten doch als Mörder verurteilen zu können. Einfach so bei Tempo 130 mit voller Absicht und ungebremst zwei Polizisten überfahren – ist das nicht „sittlich auf tiefster Stufe“, wie es Paragraf 211 für ein Mordurteil verlangt?

Ganz andere Vorstellungen hat indes der Anwalt des Angeklagten. Stefan Böhme beantragte für seinen Mandanten am Dienstag lediglich eine Gesamtstrafe von zwölf Jahren Haft. Die Messerattacke auf die Großmutter wertet er wie Bernhard von Elling als Totschlag, das Überfahren der Polizisten allerdings nur als fahrlässige Tötung. „Es war ein simpler Verkehrsunfall, ein Fahrfehler“, so Böhme. Begangen außerdem unter erheblichem Drogeneinfluss. 

Jan G. glaubt wohl selbst nicht, dass diese Strategie aufgeht. „Das Urteil steht sowieso schon fest“, sagte er in seinem „letzten Wort“. Es gebe „viel schlimmere“ Taten als seine. Schließlich sei seine Oma schon alt gewesen, als er sie an ihrem 79. Geburtstag tötete, „zwei Jahre über der Lebenserwartung“. Ein Wutausbruch habe zu dem Angriff geführt. „Das passiert jedem mal.“ Mit Blick auf die Tötung der Polizisten prangerte er an, dass diese den Selbstschutz vernachlässigt hätten, als sie sich am Straßenrand postierten. „Das waren doch keine kleinen Kinder, die nicht wissen, was sie tun.“

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Torsten P . Jan G . Witwe Mordprozess Verhandlungstag

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