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Natur
Mein Nachbar, der Wolf

Sieht die Lage entspannt: Anselm Ewert.
Sieht die Lage entspannt: Anselm Ewert. © Foto: Brian Kehnscherper
Markus Kluge / 29.03.2019, 14:00 Uhr
Ostprignitz-Ruppin (MOZ) Er macht Schlagzeilen, taucht in Handyfilmen im Internet auf und versetzt manche Tierhalter und Jäger in Angst und Schrecken: der Wolf. Anslem Ewert von der unteren Naturschutzbehörde des Landkreises hält die Panikmache um das Raubtier für unangebracht.

Es vergeht kaum eine Woche, in der Wölfe keine Rolle spielen. Zu besonders ist ihr Vorkommen noch und zu groß sind die Ängste, die jeder seit dem Märchen vom "Rotkäppchen" kennt. "Wir sollten uns daran gewöhnen, mit dem Wolf zu leben", sagte Ewert am Mittwoch. Allerdings wird das Thema heiß diskutiert – geprägt von Sorgen, die der Naturschützer oft nicht teilen kann. Eine Gefahr für den Menschen stelle der Wolf laut Ewert nicht dar, da der Mensch nicht auf dem Speiseplan von Canis lupus steht. Zur Gefahr können sie nur werden, wenn sie an Tollwut erkrankt sind oder sich an den Menschen gewöhnen konnten. Ewert warnt deshalb davor, Tiere anzufüttern.

Dass es eines Tages mehr Wölfe gibt, als es die Umwelt vertragen kann, glaubt Ewert nicht. Die besten Beispiele seien dafür die Wiederansiedlung von Biber und Kolkrabe. Die Tiere würden sich ihren Lebensraum suchen. Tummeln sich darin zu viele Artgenossen, gibt es Konkurrenz, die Nahrung wird knapp, es kommt zu Stress, wodurch Tiere abwandern oder auch die Geburtenrate sinkt.

Letzteres verhalte sich anders herum bei den Tieren, die der Wolf jagt. Wildbiologen würden die die Auffassung vertreten, dass Beutetiere Bestandsrückgänge durch eine höhere Reproduktion ausgleichen können. Dass der Wolf den Jägern kein Wild übrig lasse, sieht Ewert nicht so. Ein Rudel bestehe üblicherweise aus sechs Tieren, die pro Jahr 552 Stück Wild – vornehmlich Rehe, Rotwild und Wildschweine reißen. "Das hört sich sehr viel an. Aber das bezieht sich auf die Größe des Reviers", sagte Ewert. Und ein Rudel beanspruche für sich eine Fläche von rund 250 Quadratkilometern, was doppelt so groß ist wie die Kyritz-Ruppiner Heide. Umgerechnet auf 100 Hektar seien das am Ende nur noch 1,6 Rehe, 0,2 Stück Rotwild und 0,4 Stück Schwarzwild. "Ein Jäger erlegt in einem solchen Gebiet aber ein Vielfaches", so Ewert.

Allerdings: Der Wolf unterscheidet nicht zwischen Jagd in freier Wildbahn und auf der Weide. "Übergriffe auf Nutztiere stellen einen Konflikt dar, der sehr ernst genommen werden muss", findet Ewert. Er ist deshalb dafür, dass Tierhalter beim Herdenschutz unterstützt werden – auch finanziell. Sei anfangs die Hilfe vom Land noch unzureichend gewesen, habe sich diese nun verbessert. "Da sind wir auf dem richtigen Weg", sagte er und betonte, dass es eine hundertprozentige Sicherheit nie geben wird. Dabei gingen in den vergangenen Jahren nicht alle toten Weidetiere auf das Konto des Raubtiers. Vermeintliche Wolfsrisse entpuppten sich nach der Untersuchung als verhungertes Gatterwild, totgeborene Kälber und Tiere, die von Hunden gerissen wurden. "Wenn die Tiere erst einmal auf der Weide liegen, bedienen sich daran auch Füchse, Greifvögel und Raben", sagt der Experte und erklärt damit, warum mancher Kadaver so übel zugerichtet aussieht.

Was den Abschuss von so genannten Problemwölfen betrifft, sei das nicht grundsätzlich unmöglich, räumt Ewert mit einer weiteren Mär auf. Wenn das Raubtier mehrfach Schutzvorkehrungen überwindet und Tiere tötet oder ein auffälliges Verhalten an den Tag legt, könne der Abschuss zugelassen werden. Die oft geforderte Bestandsregulierung der Wolfspopulation ändere aber nichts an der nötigen Qualität des Herdenschutzes und helfe nicht dabei, Probleme zu lösen. "Konflikte werden sich nicht vermeiden lassen. Diese sind aber lösbar. Das kann umso besser gelingen, je sachlicher mit dem Thema umgegangen wird", findet Ewert.

Die Rückkehr der Wölfe

■ Der Wolf wurde in weiten Teilen West- und Mitteleuropas im 18. und 19. Jahrhundert ausgerottet. Die ersten wildlebenden Wölfe wurden 2000 in der sächsischen Lausitz geboren.

■ In Brandenburg wurde der erste freilebende Wolf im Jahr 2006/2007 nachgewiesen, das erste Paar im Jahr danach. 2017/18 wurden 26 Rudel mit zwölf Paaren und insgesamt 84 Welpen in 38 Territorien im Land gezählt.

■ In Ostprignitz-Ruppin soll es mindestens zwei Rudel geben, eines in der Kyritz-Ruppiner Heide und eines im Raum Rheinsberg.

■ Wolfsrisse gab es seit 2007 unter anderem in Netzeband, Katerbow, Zietenhorst, Basdorf, Flecken Zechlin, Breddin und Wittstock. Zuletzt hatte ein Rudel mit sieben Tieren bei drei Angriffen in Krangen Dam-, Rot- und Muffelwild in einem Gehege gerissen. ⇥(kus)

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