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Warum die Mühe aufbringen und Polnisch lernen? / Eine Betrachtung von Nancy Waldmann

Zum Grenzöffnungsjubiläum
Stolz und Vorurteil

Viadrina-Studenten bei der Vokabelkontrolle in Volkspolizisten-Uniformen (Nancy Waldmann 2.v.l.)
Viadrina-Studenten bei der Vokabelkontrolle in Volkspolizisten-Uniformen (Nancy Waldmann 2.v.l.) © Foto: PRIVAT
Nancy Waldmann / 20.12.2017, 19:45 Uhr
Frankfurt (Oder) /Slubice (MOZ) Im Vorfeld des Schengenbeitritts von Polen vor zehn Jahren veranstalteten Viadrina-Studierende die "Vokabel- statt Passkontrolle" auf der Stadtbrücke. Sie testeten die Deutsch- und Polnischkenntnisse der Passanten. Nancy Waldmann, damals Studentin, erinnert sich und plädiert für das Lernen der Nachbarsprache.

Mitte Dezember 2007, noch drei Tage bis zum Wegfall der Grenzkontrollen: eine Horde von 20 Viadrina-Studierenden postiert sich an den vier Ein- und Ausgängen zur Grenzabfertigung. Eine Kontrolle steht an: Test der Polnisch- und Deutschkenntnisse von Grenzgängern, die nach Frankfurt kamen oder nach Slubice gingen. In alten Volkspolizei-Uniformen, die wir im Kostümverleih des Theaters gefunden hatten, traten wir den Passanten entgegen: "Guten Tag, Vokabel- statt Passkontrolle." Wir genossen die irritierten Blicke der Leute, die eine Stange Marlboro hinübertrugen und geretteten Sperrmüll nach Slubice schafften.

"Dziekuje" war oft das einzige Wort, womit die Deutschen einen Punkt sammeln konnten. "In Polen können`se doch Deutsch", redeten sich viele heraus. Andere schämten sich ein wenig. Erwartungsgemäß hatten die Polen ein paar mehr Vokabeln drauf, aber für ein Gespräch reichte es oft nicht. Mit Glühwein versuchten wir die Zunge der Getesteten zu lockern und die Ohren zu öffnen. Hinter der Aktion steckte das damals junge Institut für angewandte Geschichte.

Wir gaben den Leuten Kärtchen mit einem Grundwortschatz für den Alltagsgebrauch mit: "Pani jest ßympatitschna", stand da drauf, "rewellatzijne!" (toll!) oder "ich kann kajn dojcz". Wir hingen auch Plakate auf mit Wendungen in Lautschrift, und durch die Lautsprecher auf der Brücke sprachen wir sie den Vorbeigehenden vor.

"Entszuldigung." hatten wir auch in den Grundwortschatz getan. Ein Reporter wollte der Symbolik dieses Wortes unbedingt auf den Grund gehen. Wofür sich denn die Polen bei den Deutschen entschuldigen sollen? Und wofür die Deutschen bei den Polen, fragte er. Eigentlich mochte ich auf diese Frage nicht einsteigen. Wir wollten den Doppelstädtern lediglich mit einem verschmitzten Augenzwinkern eine praktische und nützliche Lektion erteilen. Besonders den Frankfurtern, bevor sie in die, nicht ganz selbstgewählte, Bewegungsfreiheit entlassen wurden. Wir wussten selbst, dass "Schengen" kein Kinderspiel ist, besonders nicht an den neuen EU-Außengrenzen.

Dennoch, für unser Grenzland lag darin eine Chance. Etwas Leichtigkeit und Vorfreude wollten wir einbringen, die Stimmung vor Ort war schwer genug. Im Jahr zuvor hatten die Frankfurter gegen die Straßenbahn nach Slubice gestimmt, nun wurde vielen wegen der bald unbewachten Grenze bange. Die Diskussion um den Abzug der Bundespolizei war bestimmt von Panik und von offenen oder versteckten Warnungen vor Kriminellen, Kriminellen aus dem Osten, klauenden Polen. In meinem Umfeld fanden wir das peinlich, hielten das für gefährlich ressentimentbeladene Schrebergartendenke. Wir hatten auch keinen Schrebergarten und kein Haus, in das eingebrochen werden konnte. Die Bereitschaft, die steigenden Zahlen zur Diebstahlskriminalität zur Kenntnis zu nehmen, entwickelte ich erst Jahre später.

Von uns Vokabelkontrolleuren wohnten damals viele in Slubice. Fast alle lernten Polnisch und Deutsch sowieso. Die Kontraste, Widersprüche und lebensweltlichen Schichten des Grenzlands boten vielen Stoff und Inspiration für unser Studium und unsere Ideen vom Leben. Ich zelebrierte die letzten täglichen Grenzübertritte mit Pass und die ersten ohne. Uns stand eine großartige symbolträchtige Nacht bevor, eigentlich das letzte große deutsch-polnische Datum.

Tage später, am 21.12.2007 um Mitternacht feierten auf der Brücke wir Studierenden mit Slubicern und Polen aus der Region. Für sie bedeutete die vollständige Grenzöffnung einen Aufstieg, ein Angenommensein. In Slubice hatte sich um Mitternacht eine Star Wars-Fan-Formation in Stellung gebracht, die auf Frankfurt vorrückte: "The Polish Outpost of the 501st Legion". In weißen Anzügen und goldenen Schulterklappen, voran mit dem Banner "Möge die Macht mit uns sein", inszenierten sie die Invasion aus dem All. Mir gefiel dieser ironische Kommentar, der das in Frankfurt vorherrschende angstbeladene Bild von Polen für Momente in eine Fantasy-Geschichte enthob. Ich glaube, das sahen nur wenige Frankfurter, denn die meisten blieben in jener Nacht zuhause.

Für Aliens halten die Frankfurter ihre polnischen Nachbarn heute kaum noch, auch wenn ein Fremdeln manchmal da ist. Das hat sehr viel mit der psychologischen Wirkung der offenen Grenze und der grenzübergreifenden Normalität zu tun, die sich leise, aber nachhaltig eingeschlichen hat. Dieser Prozess ist noch zu wenig erforscht, es fehlt noch die Sprache, um seine Tragweite zu beschreiben. Er scheint weitgehend resistent zu sein gegen die ruckelnden politischen Beziehungen zwischen Warschau und Berlin.

Das Sicherheitsgefühl hat abgenommen, es wurde erkannt und es wurde darauf nicht mit erneuten festen Grenzkontrollen reagiert. Zum Glück, die Diskussion über Kriminalitätsbekämpfung ist sachlicher geworden. Das Problem ist kein rein deutsch-polnisches mehr, sondern wird als Effekt von Globalisierung verstanden.

Wie würde wohl die Vokabelkontrolle heute ausfallen? Mehr und mehr Kinder wachsen in zweisprachigen Familien auf, es gibt eine zweite Eurokita. Doch im verbalen Alltag des Grenzlands herrscht oft weiter Zigarettenladendeutsch. Da liegen ungeahnte Chancen verborgen, und das ist keine Verständigungsromantik. Im Ernst, Polnisch zu lernen ist das Beste, was ich je für mein Selbstwertgefühl getan habe. Ein wichtiger Grund, warum die Sprache in mein Leben gewachsen ist, ist die Wärme, die eine Unterhaltung auf Polnisch erzeugt. Schon durch den Klang. Oder wurde Ihnen auf die Frage, ob es Blumenkohl gibt, als Antwort schon mal gesungen: "Ale oczywiscie, Sloneczko!" (Selbstverständlich, Sönnchen!). Wer sich als deutscher Muttersprachler in Polen passabel auf polnisch unterhalten kann, wird sein Gegenüber anrühren, wird Respekt und Anerkennung ernten, wird womöglich Geheimnisse erfahren.

Vergleichbare Erlebnisse sind Menschen, die Deutsch lernen so nicht vergönnt, denn in Deutschland entspricht man damit einfach einer indiskutablen Erwartung. In Polen übertrifft man als Deutsche nicht nur Erwartungen, sondern durchbricht eine alte, bis heute lebendige Erfahrung, kleiner, schwächer, ärmer, vielleicht sogar: dominiert zu sein - so formulieren es PiS-Politiker in Warschau gerne.

Polnisch lernen löst nicht unmittelbar die Kriminalitätprobleme im Grenzgebiet. Aber kann es nicht einen gefühlten Mangelzustand, die vermisste Sicherheit, in Teilen an anderer Stelle kompensieren, indem man sich einen neuen Kommunikationsraum und damit eine Quelle von Stolz erschließt? "In Polen sprechen`se doch Deutsch" ist eine postkoloniale Halbwahrheit. Vokabel um Vokabel kann man sie unterwandern und überwinden.

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