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Isabell von Dechend und Jens-Marcel Ullrich über die Überwindung von Stufen in Straßenbahnen, Schulen´und auf Gehwegen.

MOZ-Interview
Bewegung beim Thema Barrierefreiheit

Isabell von Dechend und Jens-Marcel Ullrich:  Barrierefreiheit darf nicht an Brücken enden. Auch eine gemeinsame Stadtplanung findet statt.
Isabell von Dechend und Jens-Marcel Ullrich:  Barrierefreiheit darf nicht an Brücken enden. Auch eine gemeinsame Stadtplanung findet statt. © Foto: Christopher Braemer
Christoper Braemer / 06.06.2019, 08:30 Uhr - Aktualisiert 06.06.2019, 09:23
Frankfurt (Oder) (MOZ) Der Beigeordnete für Soziales Jens-Marcel Ullrich (SPD) und die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Isabell von Dechend antworten im Interview auf Fragen zum Thema Barrieren und Freiheit in Frankfurt.

Herr Ullrich, werden Sie als ehemaliger Fahrer die alten Frankfurter Straßenbahnen vermissen?

Ullrich: Natürlich, ich bin aber nicht die Tatra, sondern noch die Gotha-Bahn gefahren, die waren schon prägend im Stadtbild. Aber die modernen Niederflurbahnen ab 2022 sind ein Schritt vorwärts, gerade für Leute, die mit Stufen zu kämpfen haben. Der Ausbau der Brücke nach Markendorf und die Modernisierung des Straßenbahnnetzes sind ein Zeichen dafür, dass Frankfurt zu seinen Straßenbahnen steht – das freut mich. Und für Traditionalisten bietet ein Verein Rundfahrten mit den alten Bahnen an. Es geht also voran in Frankfurt.

Inwiefern?

von Dechend: Die Busse sind bereits barrierefrei, die Straßenbahnen werden folgen. In der Magistrale entsteht derzeit für viel Geld eine barrierefreie Haltestelle. Weitere barrierefreie Haltestellen folgen: Anger, Stadion, Klingestraße.

Ullrich: Im Rahmen von Inklusionsförderprogrammen haben wir zuletzt drei Schulen barrierefrei modernisiert: Die Erich-Kästner-Grundschule, die Lessingschule und die Lenné-Schule. Das Rathaus wird bis zum Jahr 2023 folgen und barrierefrei werden. Die Wohnungsbauunternehmen sanieren die Plattenbauten, der Bund wird da hoffentlich künftig noch intensiver mit Förderprogrammen unterstützen. Aber auch die Krankenkassen geben finanzielle Unterstützung, da die Gesamtbevölkerung in Deutschland nun einmal älter wird.

von Dechend: Bis April 2020 sollen auch sämtliche Webseiten der Stadt barrierefrei sein. Daran arbeiten wir derzeit mit Hochdruck.

Trotzdem stolpert der Frankfurter regelmäßig…

von Dechend: Ja, Defizite gibt es unter anderem bei den Gehwegen. Dafür fehlen uns ausreichend Mittel, obwohl wir im aktuellen Haushalt bereits erhöhte Mittel hierfür eingestellt haben.

Ullrich: Dass wie in der Wollenweberstraße ein ganzes Quartier umgestaltet werden kann, war ein glücklicher Umstand. Wir können momentan nur an den wichtigsten Stellen Verbesserungen vornehmen oder im Zusammenhang mit einer Sanierung wie in der Markendorfer Straße die Gehwege gleich mitmachen. Zu sehen ist hier aber auch, dass Beschwerden über mangelnde Barrierefreiheit auch handfeste Interessen von Anwohnern gegenüberstehen. Zum Beispiel wehren sich viele Anwohner derzeit vehement gegen die Sanierung ihrer Straßen, weil sie die noch gültigen Ausbaubeiträge zu zahlen hätten.

Können Sie den Frust der Autofahrer angesichts der vielen Baustellen in der Stadt verstehen?

Ullrich: Natürlich. Mir geht es ja selbst nicht anders, wenn ich durch die Stadt fahre. Aber wer das eine will, muss das andere mögen. Es geht nicht ohne Beeinträchtigungen. Die Karl-Marx-Straße ist das beste Beispiel. Aber wenn Kräne und Baufahrzeuge zu sehen sind, dann heißt das: hier passiert etwas.

von Dechend: Die Verantwortlichen unserer beteiligten Fachämter haben hier auch aus der Vergangenheit viel gelernt. Das finde ich wichtig, anzumerken. So finden im Vorfeld von Baumaßnahmen Absprachen mit verschiedenen Bauträgern statt. Das vermeidet Parallelsperrungen und manch chaotische Zustände, wenngleich nicht alle Probleme vermeidbar sind.

Wird dieser Ablauf auch in Zukunft so bleiben?

Ullrich: Ja. Beim Ausbau der Marktostseite und der Sanierung des Rathauses sowie der Slubicer Straße gibt es Vorabstimmungen, um die Beeinträchtigungen, die es naturgemäß geben wird, für die Bürger so gering wie möglich zu halten.

Spielt die Kooperation mit der Nachbarstadt Slubice eine Rolle bei der Barrierefreiheit?

von Dechend: Natürlich. Barrierefreiheit darf nicht an der Brücke enden. Wir versuchen Schritt für Schritt, eine gemeinsame Städteplanung hinzubekommen. Auch in Slubice passiert derzeit viel in dieser Richtung, was man zum Beispiel an den Fußgängerüberwegen im Kreisverkehr und an anderen Stellen sieht.

Wo stößt Frankfurt an Grenzen?

Ullrich: Mehr geht immer. Aber im Rahmen der gegebenen Möglichkeiten versuchen wir, was wir können. Keiner kann sagen, hier passiert nichts. Es gibt da eben auch widerstreitende Interessen: Barrierefreiheit auf der einen, Straßenausbaubeiträge auf der anderen Seite. Die künftige Streichung der Ausbaubeiträge dürfte uns als Stadt auch in Bezug auf Barrierefreiheit mehr Spielräume geben. Ich bin mir sicher, dass Frankfurt in naher Zukunft barrierefreier wird.

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06.06.2019 - 16:16:07

Barrierefreiheit neu definieren!

Wir setzen uns dafür ein, dass die geschätzt 1.000 hörgeschädigten Menschen in Frankfurt (Oder) in alle Überlegungen zur Barrierefreiheit einbezogen werden. Im Wahlkampf gab es dazu interessante Informationen und auch klare Forderungen vom Gehörlosenverband, der deutlich gemacht hat, dass man mit vergleichsweise wenig Aufwand, die Lebensqualität der hörgeschädigten Menschen in Frankfurt (Oder) merklich verbessern kann, indem man bei allen Sanierungsvorhaben ihre Interessen berücksichtigt. Wir erwarten und setzten uns dafür ein, dass sich die Stadtverwaltung dieser Thematik ernsthaft annimmt!

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