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Europa-Universität
Frankfurter Historikerin sorgt für Aufsehen

Claudia Weber liest Ende November aus ihrem neuen Buch.
Claudia Weber liest Ende November aus ihrem neuen Buch. © Foto: Heide Fest
Anna Pröschild / 17.11.2019, 15:00 Uhr - Aktualisiert 17.11.2019, 15:25
Frankfurt (Oder) (MOZ) Die neueste Publikation von Professorin Claudia Weber hat für einiges Aufsehen gesorgt. Am 26. November stellt sie im Logenhaus der Europa-Universität ihr Buch "Der Pakt. Stalin, Hitler und die Geschichte einer mörderischen Allianz 1939-1941" vor. Die MOZ sprach mit der Frankfurter Historikerin über Reaktionen auf die Publikation.

Der emeritierte Kölner Historiker Jost Dülffer hat Ihr Buch in der Süddeutschen Zeitung zerrissen. Es würde einen ungerechtfertigten "innovativen Anspruch" erheben. Hat sie die öffentliche Kritik überrascht?

Ich weiß nicht, welche Hintergründe diese Rezension hatte. Ehrlich gesagt ist es nahezu der einzige Verriss. Es hat mich nicht überrascht, im Gegenteil. Ich habe mit einer viel stärkeren Kritik gerechnet, bei diesem  sensiblen Thema der deutsch-sowjetischen Zusammenarbeit, der zwischen NKWD (Innenministerium der UdSSR) und SS. Ich war überrascht, wie positiv die Reaktionen darauf waren, dass dieses sehr dunkle und schwierige Kapitel des Hitler-Stalin-Paktes behandelt und dargelegt wurde. Es fehlen noch Akten, aber es hat jemand angefangen. Insofern würde ich Dülffer ganz eklatant widersprechen. Das Buch hat für mich einen innovativen Anspruch, weil nicht nur nach den Augusttagen geschaut wird, sondern auf den Zeitraum vom 23. August 1939 bis zum 22. Juni 1941. Und wie die beiden Diktaturen tagtäglich zusammenarbeiten. Das ist  tatsächlich sehr innovativ und ist mir auch von anderen bescheinigt worden. Ich werfe der älteren Geschichtswissenschaft vor, diese Zusammenarbeit nicht behandelt zu haben.

Warum hat die Süddeutsche Zeitung bei der Buchkritik auf den Historiker zurückgegriffen?

Ich habe mir auch diese Frage gestellt. Es ist einigen Menschen ganz unverständlich gewesen. Warum Jost Dülffer? Der doch stärker in der Friedensforschung, in der Forschung zum Kalten Krieg unterwegs ist und nicht für die Zeit, die ich behandle. Ich kenne ihn auch persönlich. Letztendlich habe ich keine Ahnung, wieso auf Jost Dülffer für die Kritik zurückgegriffen wurde. Ich finde es nur bemerkenswert, dass sich keiner der etablierten NS-Forscher zu diesem Kapitel der Geschichte hat melden wollen. Offiziell waren die Reaktionen etablierter NS-Forscher sehr zurückhaltend. Ich befürchte, da bin ich mit meinen Äußerungen in ein Wespennest gestoßen. Meine Beobachtung ist, dass den NS- und Dikaturforscherinnen nur Themen zugestanden werden, wie - salopp -  gesagt Kochbücher im Dritten Reich. Über die wirklich harten Themen, wie Gewaltverbrechen und Zusammenarbeit der Geheimdienste, dürfen Historikerinnen nicht forschen. Es sind Männer-Themen. Und wenn sie es doch machen, dann machen sie es halt schlecht. Und dann bin ich als ostdeutsche Historikerin gekommen und habe den Vorwurf erhoben, "ihr habt da was jahrzehntelang übersehen, ihr habt da nicht hingeduckt".

Wie waren die Reaktionen nach dieser Buchkritik?

Die Reaktionen auf das Buch waren für mich sehr erfreulich. Es hat für mich eine sehr große Aufmerksamkeit ausgelöst mit der ich gerechnet habe. Es ist immer noch ein sehr sensibles und hochspannendes Thema und es ist noch überhaupt nicht ausreichend erforscht. Es gab Reaktionen aus dem In- und Ausland, ich habe eine wunderbare Lesung in Weimar erlebt. Der Saal war mit weit über 100 Leuten voll besetzt. Es gab großen Zuspruch. Über 300 Leute waren bei der Gedenkveranstaltung der Stiftung Topographie des Terrors in Berlin. Ich hatte Anfragen vom russischen Fernsehen, aus Polen und eine Anfrage vom Europäischen Parlament. Ich bin im Oktober nach Brüssel gefahren und habe das Buch im Parlament vorgestellt. So etwas ist mir mit meinen anderen Veröffentlichungen nicht passiert. Insofern war es ein großes Interesse. Ich habe auch jenseits von Jost Dülffers Rezension Kritik erfahren. Demnach fehlt die europäische Vorgeschichte, das Machtspiel in den 1930er Jahren. Das habe ich nur angerissen. Mich haben auch böse E-Mails und Reaktionen erreicht.

Waren diese Nachrichten persönliche Anfeindungen?

Ja. Mit diesem Buch würde ich die Leiden des sowjetischen Volkes relativieren, was ich überhaupt nicht mache. Es gab auch die Aussage, Stalin hätte alles richtig gemacht.

Kamen diese Reaktionen aus dem Ausland?

Die waren zum Beispiel aus Neubrandenburg, aus der Regionalpresse. Da wurde geschrieben, Stalin hätte sich doch nur genommen, was ihm gehört hätte. Und wie ich so etwas veröffentlichen könnte, ich sollte mich schämen. Die Junge Welt hat einen Verriss gemacht und geschrieben, ich hätte im DDR-Geschichtsunterricht besser aufpassen sollen. Die Zeitung streitet ab, dass es eine Allianz zwischen Hitler und Stalin gab. Ich habe eine ganze Bandbreite an Reaktionen bekommen. Es gab aber auch viele Stimmen, die gesagt haben, wir möchten mehr davon erfahren. Mehr und detaillierter. Insofern fühle ich mich ermutigt.

Führte die Kritik zum verstärkten Interesse am Werk oder war sie schädlich?

Das Buch verkauft sich gut. Die erste Auflage verkaufte sich innerhalb von vier Wochen. Jetzt gibt es eine zweite Auflage. Das Interesse nimmt nicht ab. Insofern hat mir die Rezension von Dülffer nicht geschadet.

Die Bedeutung des Hitler-Stalin-Paktes sei laut Dülffer schon früher in der Geschichtswissenschaft und vor allem auch von den betroffenen Staaten, besonders von westdeutschen Historikern ausreichend diskutiert worden. Stimmt dass?

Er versucht, die westdeutsche Historiographie zu verteidigen. Und tatsächlich hat es in den 40er und 50er Jahren Diskussionen um den Hitler-Stalin-Pakt gegeben, durch die 68er Generation sind sie aber in den Hintergrund getreten. Man hat die Augusttage, die reinen Verhandlungen und das Zustandekommen des Paktes immer diskutiert und es ist auch Gegenstand vieler Bücher. Was meines Erachtens nach nicht aufgearbeitet worden ist, sind solche Aspekte, wie die Zusammenarbeit bei der Umsiedlungspolitik. Die deutsch-sowjetische Flüchtlingskommission wurde nicht aufgearbeitet, der Austausch von Flüchtlingen.

Bereits nach Kriegsende wurde das Kapitel laut Dülffer aufgearbeitet. Es gab eine Debatte. Warum beharrt er auf einer westdeutschen "Aufarbeitung", fast so als müsse er sie verteidigen?

Ich kritisiere die westdeutsche NS-Forschung der letzten Jahrzehnte. Wir haben zwar gute Studien zur deutschen Besatzungspolitik. Nicht aber zur Verflechtungsgeschichte der Diktatoren.

Warum ist es ihrer Meinung nach nicht aufgearbeitet und diskutiert worden?

Das fragen mich viele. Darauf gehe ich in meinem Buch ein. Ich habe mich mit renommierten NS-Forschern darüber unterhalten, die haben mir zugestimmt und gesagt, so was machte man nicht. Wir haben uns rein auf die deutschen Verbrechen fokussiert. Die deutsch-sowjetische Zusammenarbeit zu diskutieren, hätte den Vorwurf der Relativierung der  deutschen Verbrechen zur Folge gehabt, wenn man darüber schreibt, dass auch die Sowjetunion zwischen 1939 und 1941 Verbrechen begangen hat. Was sie mit Katyn auch haben. Ich habe versucht, in meinem Buch zu zeigen, selbst wenn man diese Zusammenarbeit behandelt, dass es nichts an der Schuld des NS-Regimes ändert. Wir müssen diese Zeit offen behandeln, sonst überlassen wir sie rechtsextremen Historikern.

Die Aufarbeitung direkt nach Kriegsende war vielleicht auch nicht möglich, da die Vergangenheit noch nicht lange zurück lag.

Es war politisch nicht gewollt. Mein Eindruck ist, man hat sich lieber mit diesem August 1939 beschäftigt und ist dann gleich zum 22. Juni 1941 übergegangen. Die logische Frage, die Diktaturen sind über 22 Monate Verbündete, was machen die da zusammen? Die Frage ist nicht behandelt worden in der damaligen Historiographie.

Wie sind sie selbst darauf gestoßen?

Durch die Arbeiten zu Katyn. Ich vertrete in meinem Buch zu Katyn die These, dass Stalin den Erschießungsbefehl vorgeschlagen bekam, auch weil sich die deutsche Seite weigerte, die polnischen Offiziere zu nehmen. Daraufhin folgte der Befehl zum Erschießen. Und das hat etwas mit dem Pakt zu tun. Darüber war ich überrascht, da hatte bisher niemand genauer hingeschaut.

Hitlers Umsiedlungsmaßnahme der Volksdeutschen habe im Buch, laut Dülffer, keine Erwähnung gefunden. Außerdem seien die Wirtschaftsbeziehungen zu kurz gekommen. Ist es tatsächlich so?

Es ist vieles zu kurz gekommen. Das Buch verstehe ich als Auftakt, als Anregung, sich mit diesem Thema und Zeitraum zu beschäftigen. Ich habe jetzt zum Beispiel aus Moskau erfahren, dass es eine deutsch-sowjetische wissenschaftliche Arktisexpedition gab. Es gibt eine Zusammenarbeit, von der wir kaum etwas wissen.

War es schwer zu forschen, an die Quellen heranzukommen?

Nein. Viele haben vorab gesagt, es wird nicht gelingen, weil die russischen Archive zu sind. Stimmt, dass sind sie. Es war aber ein deutsch-sowjetischer Vertrag. Die Dokumente liegen in Berlin. Im Archiv des Auswärtigen Amtes sind sie seit Jahrzehnten zugänglich.

Dülffer kritisiert Ihre Vorgehensweise. "Die grundlegende deutsche Edition in über einem Dutzend Bänden scheint unbekannt zu sein. Das ist für eine Wissenschaftlerin nicht seriös." Warum haben sie auf die Dokumentenbände des Auswärtigen Amtes in Ihrem Buch nicht zurück gegriffen?

Ich kenne diese Dokumentenbände. Für meine Fragestellung, wie denn die Zusammenarbeit war, sind die Dokumentenbände nur von einem begrenzten Aussagewert, in ihnen finde ich keine Tagebuchaufzeichnungen dieses SS-Offiziers, der in die Sowjetunion ging. Memoiren spielen in den Dokumentenbänden keine Rolle. Wie die Zusammenarbeit tatsächlich lief, dafür brauchte ich die Versammlungsprotokolle und die fand ich im Archiv. Und Dülffers unterschwellige Aussage, ich habe publizierte Quellen nicht genutzt, ich sei ins Archiv gegangen und das sei schlecht, kann ich nicht nachvollziehen.

Muss man jetzt die deutschen Geschichtsbücher in den Schulen neu schreiben?

Grundsätzlich ist mir wichtig, dass der Hitler-Stalin-Pakt als Auftakt zum Zweiten Weltkrieg und die Zusammenarbeit der beiden Diktatoren 1939 bis 1941 überhaupt behandelt wird.

Hat sich die Süddeutsche Zeitung bei Ihnen aufgrund der Rezension gemeldet?

Nein, aber renommierte Kollegen haben sich bei ihr beschwert. Auch darüber, dass dort vorrangig Männer rezensieren.

Das Interview führte Anna Pröschild.

"Der Pakt" ist im C.H. Beck Verlag erschienen (276 Seiten, 26,95 Euro). Beim Kolloquium im Logenhaus (101/102) wird das Buch am 26. November, um 16.15 Uhr, vorgestellt.

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