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Linsenlandwirt-Paar sammelt Geld per Crowdfunding

Am Start: Johannes Erz baut einen Bauernhof im Oderbruch auf. Er hat zum ersten Mal Linsen ausgesät, zusammen mit Hafer, dessen Halme die Linsen stützen.
Am Start: Johannes Erz baut einen Bauernhof im Oderbruch auf. Er hat zum ersten Mal Linsen ausgesät, zusammen mit Hafer, dessen Halme die Linsen stützen. © Foto: Ina Matthes/MOZ
Ina Matthes / 26.05.2020, 03:30 Uhr
Frankfurt (Oder) (MOZ) Johannes Erz mag Linsen. "Ich ess die einfach gern", sagt er. Erz stammt aus Baden-Württemberg: Die schwäbische Alb ist eines der wenigen Anbaugebiete der eiweißreichen Hülsenfrucht in Deutschland.

Johannes Erz und seine Frau Hanna haben Linsen jetzt auch in Brandenburg ausgesät, auf  ihrem Bauernhof in Rathstock im Oderbruch.  Die Pflanzen kommen gut mit der hiesigen Trockenheit klar.

Auf der Internetplattform startnext. com haben die jungen Landwirte ein Foto von ihrem Linsenacker gepostet. Startnext ist eine Crowdfunding-Plattform. Gründer, Künstler, Vereine  werben hier um Unterstützer, die ihre Ideen gut finden und sie mit meist kleinen Summen unterstützen.  Johannes und Hanna Erz brauchen für ihren Linsenanbau einen kleinen, gebrauchten Mähdrescher, Technik für Getreide­reinigung und Lager. Geld dafür wollen sie per Crowdfunding einsammeln.

Eine Aktie an der Brauerei

Crowdfunding ist eine Form bürgerschaftlicher Finanzierung.  Die Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde (HNEE) und das Institut für Ländliche Strukturforschung an der Goethe-Universität in Frankfurt/Main  haben verschiedene bürgerschaftlicher Finanzierungsmodelle untersucht. Sie haben Potenziale und Herausforderungen für  Geldgeber und Empfänger herausgearbeitet.  Das Ergebnis ist eine Webseite – das Biofinanzportal www.biofinanz.info. Es gehe nicht nur darum, einen Überblick zu geben, sagt Anna Maria Häring, Professorin für Agrar-und Ernährungswirtschaft an der HNEE. Die Wissenschaftler wollen Erfahrungen darstellen. Dafür haben sie online 68 Betriebe, vor allem Kleinstunternehmer und Gründer, aus ganz Deutschland befragt. Bürgerschaftliche Finanzierung sagt Anna Maria Häring "ist eine Nische." Aber das Interesse daran steigt.

Beim Crowdfunding beispielsweise rechnet der Dienst Statista für 2020 mit einem Transaktionsvolumen von rund 33 Millionen Euro und einer Steigerung auf 40 Millionen Euro bis 2024. Darüber hinaus können Bürger beispielsweise über Genussrechte, Genossenschaften oder  Bürgeraktiengesellschaften Unternehmen finanzieren.

Wer sein Geld so investiert, hofft nicht in erster Linie auf hohe Rendite. Die Kapitalgeber wollen sich für ein nachhaltiges System der Lebensmittelerzeugung und -vermarktung engagieren. Für die Betriebe der Land- und Lebensmittelwirtschaft wiederum ist es interessant, weil ihnen teils der Zugang zu Bankkrediten fehlt, heißt es in der Studie.  Manche lehnen Bankkredite ab.  Knapp 60 Prozent der Befragten nutzen aber klassische Geldquellen wie Bankkredite. Eine bürgerschaftliche Finanzierung wird zumeist als Ergänzung gesehen. Das ist auch bei Johannes und Hanna Erz so. Derzeit bewirtschaften sie 20 Hektar, betreiben Gemüsebau und Tierhaltung mit EU-Biozertifikat. "Es ist Entwicklungskapital, das wir jetzt brauchen", sagt Johannes Erz. Rund 20.000 Euro wollen sie über Startnext einwerben.

Johannes Erz hat sich für diese Plattform entschieden, weil sie aus seiner Sicht einfach zu bedienen ist. Startnext funktioniert meist nach dem Motto: Alles oder nichts. Wird die Zielsumme nicht erreicht, fließt das Geld zurück an die Geber. Den Kampagnenbetreibern entstehen dann keine Kosten. Erreichen sie aber ihr Ziel, wird nach den Regeln von Startnext eine Transaktionsgebühr von vier Prozent fällig und eine freiwillige Provision, die im Schnitt bei drei Prozent liegt.

Bürger investieren beim Crowdfunding einmalig eine oft kleine Summe. Wer sich hingegen längerfristig finanziell engagieren will und eine Rendite erwartet, für den kann eine Bürgeraktiengesellschaften eine Option sein. Ein Beispiel dafür ist die Regionalwert-AG Berlin-Brandenburg. Sie gibt Aktien aus, die aber nicht an der Börse gehandelt werden. Die Mindestzeichnung beträgt laut Anlegerbroschüre 500 Aktien mit einem Wert von 1,00 Euro. Mit dem Geld sollen regionale Vermögenswerte rund um Erzeugung und Vermarktung von Bio-Lebensmitteln geschaffen werden. Die AG beteiligt sich an einem Bauernhof in Müncheberg, einer Brauerei, einem Suppenproduzenten, einem Dorfladen. Eine Bürgeraktiengesellschaft stellt Eigenkapital für Betriebe bereit und partizipiert an den Gewinnen. Der Aktionär beteiligt sich mit seinem Geld an der  AG und darf bei Erfolg Rendite erwarten. Er trägt aber auch das Risiko mit, dass die AG in Unternehmen investiert, die sich nicht gut entwickeln.

Das ist beim Crowdfunding anders. Keiner der Geldgeber hat am Hof in Rathstock irgendeine Aktie oder schultert Risiken. Die zur Verfügung gestellten Summen  sind überschaubar – zwischen fünf und 500 Euro. Statt Rendite gibt es Gegenleistungen – zum Beispiel ein Kilo Linsen aus der ersten Ernte für eine Unterstützung von 15 Euro. "Linse mit Gesicht" hat das Paar seine Kampagne überschrieben. Ihre Linsen sollen kein anonymes Produkt sein. Die beiden Junglandwirte hoffen auf mehr als Geld. Sie wollen Netzwerke knüpfen, Außenstehende zum Mitgestalten einladen. "Wer eine andere Landwirtschaft will, hat die Möglichkeit uns zu unterstützen", sagt Johannes Erz.

Aufwand oft unterschätzt

Viele Geldgeber kommen aus dem Umfeld der jungen Landwirte. Das Marketing übernimmt das Paar selbst. Auf Startnext posten sie Fotos von der Linse. Kommunikation kostet Zeit, sagt Erz. "Das ist keine Eintagsfliege." Kontakt zu den Geldgebern spielt  bei bürgerschaftlicher Finanzierung eine große Rolle. Oft wird er vermittelt durch soziale Me­dien.

Rund 91 Prozent der Betriebe, die für die Studie befragt wurden, pflegen direkte Kontakte zu ihren Kapitalgebern. "Das ist aufwendig, das unterschätzen viele", sagt Professorin Anna Maria Häring. Johannes Erz postet Bilder, bloggt, weil er Spaß daran hat. 177 Unterstützer hatten bis Montag Nachmittag knapp 18.00 Euro für die Linsen zugesagt. Ein paar Tage läuft die Aktion noch. Erz hofft auf einen kräftigen Endspurt.

Einige Beispiele für bürgerschaftliche Finanzierungen

Crowdfunding Viele Menschen (englisch: Crowd) unterstützen mit kleinen Beträgen ein Projekt. Es gibt verschiedene Arten von Crowdfunding, die sich nach Art der Gegenleistung unterscheiden. Das Geld kann gespendet werden, oder es gibt im Gegenzug zum Beispiel Naturalien.

Genussrechte  Geldgeber sind über eine festgelegte Laufzeit und gegen festgelegten Zins am Kapital und am Gewinn sowie Verlust eines Unternehmens beteiligt. Der Buchwert der Genussrechte kann je nach wirtschaftlicher Lage des Unternehmens ab- bzw. aufgewertet werden.

Bürgeraktiengesellschaften Sie bündeln als Vermittler das Kapital  von Bürgern und investieren es in verschiedene Unternehmen der ökologischen Lebensmittelwirtschaft.

Landkaufgenossenschaften Eine Genossenschaft, die mit den Geschäftsanteilen ihrer Mitglieder landwirtschaftliche Flächen kauft und sie kostengünstig und langfristig an ökologisch wirtschaftende Betriebe verpachtet.

Quelle: Studie "Alternative Finanzierungsmodelle entlang der Wertschöpfungskette für ökologische Lebensmittel"

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