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Corona
Wissenschaftler aus Frankfurt (Oder) warnt vor riskanten Unternehmens-Manövern

Der Jurist Prof. Bartosz Makowicz forscht zu integrer Unternehmenskultur. Die Corona-Krise könnte mehr Unternehmen zu illegalen Machenschaften verführen und das Wohl der Arbeiter riskieren.
Der Jurist Prof. Bartosz Makowicz forscht zu integrer Unternehmenskultur. Die Corona-Krise könnte mehr Unternehmen zu illegalen Machenschaften verführen und das Wohl der Arbeiter riskieren. © Foto: Bartek
Katharina Schmidt / 30.05.2020, 03:30 Uhr - Aktualisiert 30.05.2020, 08:54
Frankfurt (Oder)/Berlin (MOZ) "Erfolg hat, wer Regeln bricht." So titelte vor ein paar Jahren ein Bestseller-Buch über gelingendes Unternehmertum. Mit Sinnsprüchen dieser Art definieren sich Firmen des 21. Jahrhunderts mit Vorliebe. Mitarbeiter sollen die Grenzen verschieben oder unkonventionelle Wege gehen – alles im Zeichen des Wachstums und Gewinns. Jedoch können die kreativen Wege zum vermeintlichen Erfolg krumm werden,  wie die manipulierten Abgaswerte bei VW oder die Schmiergeldaffäre des Siemens-Konzerns es zeigen.

Wachsender Risikoappetit bei Unternehmern in der Corona-Krise

Das Gegengewicht zu dem Gewinnstreben auf Abwegen hat einen englischen Namen: Compliance. "Grundsätzlich bedeutet Compliance die Befolgung von Regeln durch alle Unternehmensangehörigen", erklärt Prof. Bartosz Makowicz von der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder). Der Rechtswissenschaftler leitet dort die erste Forschungseinrichtung zu diesem Feld. Mittlerweile sind in Banken und vielen Unternehmen Compliance-Abteilungen verankert. Ihre Arbeit besteht einerseits darin, Risiken wie Geldwäsche, Korruption, Preisabsprachen oder Gefahren bei Datenschutz und IT-Sicherheit zu erfassen. Andererseits entwickeln sie Maßnahmen wie einen Verhaltenskodex oder geben Schulungen. Compliance-Management-Systeme, so Makowicz, "sollen ethisches und regeltreues Verhalten fördern."

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Angesichts einer pandemiebedingten Wirtschaftskrise fürchtet der Wissenschaftler jedoch um eine Schwächung dieses Bereichs. Aufgrund eines wachsenden wirtschaftlichen Drucks müssten Unternehmen überlegen, wo sie sparen können. "Da Compliance in Deutschland manchmal als ein gewisser Luxus betrachtet wird, könnten diese Abteilungen in den Firmen als Folge der Krise abgebaut oder die Ressourcen zumindest verringert werden." Gleichzeitig könne der Risikoappetit wachsen, da Firmen verstärkt unter Druck stehen, um Gewinn zu generieren. Ein gefährliches Zusammenspiel also.

Philip Matthey ist Vorstandssprecher des Deutschen Instituts für Compliance (Dico), das in Berlin sitzt. Nach seiner Ansicht sei ein krisenbedingter Abbau im Bereich Compliance pauschal nicht zu befürchten. Vielmehr würde eine Krise ganzheitliche Auswirkungen nehmen: "Eine Rezession wird auch vor Vertriebs- oder Einkaufsabteilungen keinen Halt machen." Doch im Aspekt der gesteigerten Risikolust stimmt Matthey überein: "Einzelne Mitarbeiter sind einem großen Druck ausgesetzt, sodass es dazu kommen könnte, dass sie etwas machen, was sie nicht sollten". Sowohl Matthey als auch Makowicz verfolgen derzeit einen Gesetzesentwurf der Bundesregierung zur Stärkung der Integrität in der Wirtschaft. Am Dico finde man grundsätzlich gut, dass Anreize für Compliance geschaffen werden, jedoch sehe man "an mancher Stelle noch Korrekturbedarf", so Matthey.

Durch die Corona-Krise hat sich zudem der Katalog im Bereich Regeltreue erweitert. Unternehmen stehen in der Bredouille, als Arbeitgeber ihrer Fürsorgepflicht nachzukommen und durch Hygienemaßnahmen den Infektionsschutz sicherzustellen. Allerdings muss auch der Firmenbetrieb weiterlaufen, gerade angesichts einer drohenden Krise. Die zuletzt bekannt gewordene Masseninfektion in zwei westdeutschen Schlachthöfen belegt, welches Ausmaß Versäumnisse nehmen können.

Am RollsRoyce-Standort bei Dahlewitz (Teltow-Fläming), wo 3000 Mitarbeiter derzeit vor allem die Fertigung und Wartung von Flugzeugtriebwerken durchführen, habe man hingegen frühzeitig Vorkehrungen getroffen, sagt Arbeitsschutzbeauftragter Philipp Neuhaus. Die Mitarbeiter würden nun in Schichten arbeiten, Parkplätze seien neu aufgeteilt und die Zugänge umsortiert. Bei der Fertigung stünden Trennwände zwischen den Arbeitern. Wo mehrere Menschen miteinander arbeiten, werde ein Mund-Nasenschutz getragen.

Bisher sollen sich am Standort Dahlewitz sechs Mitarbeiter im privaten Umfeld mit dem Coronavirus infiziert haben. Alle seien wieder genesen. Wie lange die gesonderten Hygienemaßnahmen anhalten könnten, wagt Neuhaus nicht zu schätzen: "Wir bereiten uns auf ein neues Normal vor."

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