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Vortrag
Blick auf Soldatenfriedhöfe und Gebeinhäuser

Der Geschichte zugewandt: Tobias Voigt vom Verein Zeitreise Seelower Höhen hatte für einen Vortrag Laura Tradii ins Seelower Kulturhaus geholt. Die Sozialantrophologin der englischen Cambrigde Universität berichtete über ihre Arbeit zu Gedenk-Kulturen.
Der Geschichte zugewandt: Tobias Voigt vom Verein Zeitreise Seelower Höhen hatte für einen Vortrag Laura Tradii ins Seelower Kulturhaus geholt. Die Sozialantrophologin der englischen Cambrigde Universität berichtete über ihre Arbeit zu Gedenk-Kulturen. © Foto: Cornelia Mikat
Ingo Mikat / 19.11.2019, 07:00 Uhr
Seelow Passend zum Volkstrauertag hat im Seelower Kulturhaus unter der Titel "Gedenk-Kulturen - Vom Umgang mit den Kriegstoten" eine vom Verein Zeitreise Seelower Höhen initiierte Veranstaltung mit der Sozialanthropologin Laura Tradii stattgefunden. Die aus Italien stammende junge Wissenschaftlerin arbeitet gegenwärtig an der University of Cambridge in England an einer Dissertation zu diesem Thema. Im zurückliegenden Jahr erforschte sie bei einem mehrmonatigen Studienaufenthalt in Deutschland vor allem den Umgang mit den Kriegstoten in Ost-Brandenburg.

Tobias Voigt vom Verein Zeitreise Seelower Höhen, der durch die Veranstaltung führte, erinnerte sich daran, wie er die junge Frau bei Ausgrabungen des Vereins zur Bergung Gefallener in Osteuropa (VBGO) auf einem Feld in Klessin kennenlernte. Es beeindruckte ihn sehr, dass da jemand aus England in einem schlammigen Graben stehend half, Gebeine vor über 70 Jahren getöteter Soldaten zu bergen. In der Region um Seelow liegen, wie Voigt feststellte, immer noch unzählige bisher ungeborgene Kriegstote in der Erde.

Ihren folgenden Vortrag begann Laura Tradii streng wissenschaftlich mit der Beschreibung ihres Forschungsgegenstandes. Dabei erklärte sie, dass im Mittelpunkt ihrer Arbeit Fragen nach technischen Aspekten der Suche, Exhumierung und des Umgangs mit den Leichen eine genauso große Rolle spielten, wie die Rezeption der Geschichte in der Bevölkerung. Deshalb beteiligte sich die junge Italienerin nicht nur an Bergungsarbeiten, sondern besuchte zahlreichen Zeitzeugen für Gespräche. Zudem führten Laura Tradii ihre Nachforschungen in viele private, kirchliche und staatliche Archive.

Ihr Interesse für Kriegsgräberstätten entstand, wie sie schilderte, bereits in ihrer Jugend. In der Nähe ihres italienischen Heimatortes befinden sich viele größere Gedenkstätten, unter anderem in Castiglione. Beim Besuch der Friedhöfe mit ihren Eltern beeindruckte sie stets nachhaltig, wie jung die gefallenen Soldaten sterben mussten.

Soldatenfriedhöfe in Europa

Bevor Laura Tradii nach diesem Einstieg über erste Forschungseindrücke aus Deutschland sprach, erläuterte sie zunächst den Umgang mit gefallenen Soldaten des Ersten und Zweiten Weltkrieges und die Errichtung von Soldatenfriedhöfen in England, Frankreich, Italien und den USA. Dabei verwies sie unter anderem darauf, dass die englische Regierung sich entschied, Soldatenfriedhöfe in der Nähe von Schlachtfeldern einzurichten, während die USA die Rückführung eines Großteils der Toten in ihre Heimat organisierten. In Frankreich gab es nach dem Ersten Weltkrieg zahlreiche Gemeinschaftsgräber, auch so genannte Beinhäuser. Es entstand eine Mischung von staatlicher, privater sowie mit Vereinen gesicherter Gräberkultur.

Späte Erfassung in Deutschland

In Deutschland, so ihre Feststellung, existierte nach dem Zweiten Weltkrieg keine einheitliche Erfassung der Kriegstoten. Insbesondere in der SBZ (Sowjetischen Besatzungszone) blieb es, bis auf wenige Ausnahmen, oft Privatinitiativen, Kirchen oder engagierten Bürgermeistern überlassen, Kriegsgräber für deutsche Soldaten anzulegen. Erst 1971 habe das Ministerium des Innern der DDR eine zentrale Erfassung gefallener deutscher Soldaten angeordnet. Hintergrund sei die Erfüllung von Bedingungen für die Aufnahme der DDR in die UNO gewesen. Doch diese Aufgabe, so Tradii, sei schon zu jener Zeit kompliziert gewesen und nie vollständig erfüllt worden. "Diese Situation setzte sich bis heute fort", stellte sie fest. Unterlagen über Kriegsgräber oder Identifikationsmaterialien lägen immer noch bei unterschiedlichen Stellen. Mal befänden sie sich im Besitz von Privatpersonen, mal von Vereinen oder Kirchen und manchmal auch bei Bürgermeistern.

Lob an Kriegsgräberfürsorge

In dem Vortrag folgender Gesprächsrunde kamen diese Probleme ebenfalls zur Sprache. Zugleich lobten mehrere Besucher die aufopferungsvolle Arbeit des Volksbundes Deutscher Kriegsgräberfürsorge, der im Auftrag der Bundesregierung über 800 Grabstätten – auf denen etwa 2,7 Millionen Soldaten bestattet sind – in 46 Staaten betreut.

Hermann Kaiser vom Wuhdener Heimatverein berichtete über das Projekt seines Vereins, auf dem Areal der Schlossruine in Klessin ebenfalls eine Gedenkstätte zu errichten. Er verwies zudem auf die komplizierte Situation nach 1945 in der Region. "Die Bevölkerung kehrte zum Teil erst Monate nach dem Kriegsende zurück und fand überall nur Tote und Trümmer vor. Für die Menschen ging es oft lediglich ums reine Überleben." Veranstaltungsgäste aus Frankfurt berichteten von Bemühungen zu DDR-Zeiten erfolgte Umbettungen von Kriegstoten auf eine zentrale Begräbnisstätte des Hauptfriedhofes zu verifizieren.

Auch Laura Tradii stellte während ihrer Forschungen auf einigen Ortsfriedhöfen Ungereimtheiten zwischen vorhandenen Grabstellen und auf Listen verzeichneten Opferzahlen fest. Eine Aufklärung, so ihr Resümee, sei jedoch immer schwieriger, je weiter die Ereignisse sich im Verlauf der Zeit verlieren. Sie wolle jedoch, auch als Mitglied des VBGO, weiter bei der Suche nach den Kriegstoten helfen. Dass sich junge Menschen in der Regel weniger für Geschichte interessieren, empfindet die Wissenschaftlerin auf Nachfrage nicht als Problem. "Das Engagement dafür wächst mit zunehmender Reife."

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