Das Nachrichtenportal für Brandenburg
Startseite Märkische Onlinezeitung - MOZ.de

Kultur
Ein Handwerker auf Reisen

Alles aus einer Hand: André Streine war zunächst Autodidakt, eher er 1989 Unterricht im Puppenspiel nahm. In einer Puppentheaterwerkstatt in Krakau lernte er den Kulissenbau.
Alles aus einer Hand: André Streine war zunächst Autodidakt, eher er 1989 Unterricht im Puppenspiel nahm. In einer Puppentheaterwerkstatt in Krakau lernte er den Kulissenbau. © Foto: Elke Lang
Elke Lang / 30.04.2019, 07:45 Uhr
Beeskow Die Wilmersdorfer kennen den gebürtigen Leipziger André Streine kaum persönlich, so viel ist er unterwegs. Auch sein Anwesen, der ehemalige Dorfkonsum mit originalem Logo,  ist hinter einer hohen Hecke fast unsichtbar. Nur ein großes Schild an der Gartenpforte weist auf den Puppenspieler hin.

So urwüchsig, wie es von außen aussieht, ist es auch innen: Jeden Quadratmeter hat André Streine ausgenutzt, um genügend Stauraum für seine über fünfzig Figuren und die dazugehörigen Kulissen zu schaffen. So befindet sich  sein Computer-Platz auf einem hohen Podest, das quasi als eine Art Truhe dient.

Durch diese geschickte Platzökonomie wirkt sein Zuhause sogar recht großzügig. In einem Nebenraum sind riesige Weidenrohrkörbe untergebracht, Sonderanfertigungen, in denen sich Puppen und Kulissen für jeweils ein Märchen befinden, jeder etwa 150 Kilogramm schwer. Auf Reisen gehen sie auf einem Einachskarren, der wiederum auf einem Hänger transportiert wird.

André Streine arbeitet als Handwerker für Holz, ist Musiker, Schneider und Puppenspieler. Sein ganzer Stolz ist, dass er die Einrichtung zuhause selbst gebaut hat. Sie ist rustikal, auch ein paar alte, von ihm aufgearbeitete Möbelstücke sind darunter. In einer Ecke stehen verschiedene Gitarren und eine historische Laute.

Das Klavier der Mutter, die Musik- und Deutschlehrerin war, befindet sich in der Küche. Einige seiner liebsten Puppen, die er alle selbst hergestellt und bekleidet hat, verleihen der Wohnung noch eine besondere Atmosphäre.

Der Sachse spricht ein reines Hochdeutsch. Für ein geübtes Ohr ist an der Sprechmelodie noch seine Herkunft erkennbar. "Das mag ich, wenn man etwas von seiner Heimatsprache übrig behält", lächelt André Streine.

Vom Vater, der Ingenieur war, habe er den Hang zum Technischen, und durch die Bekanntschaft der Mutter mit der Chefin der Firma Ammer, die in Leipzig Tasteninstrumente hergestellt und restauriert hat, lernte der Sohn Instrumentenbauer.

Praktika absolvierte er unter anderen im Museum für Musikinstrumente der Universität Leipzig. Schon nach dem ersten Gesellenjahr stellte André Streine selbstständig ein Clavichord nach historischem Vorbild her.

Sein Lebensweg änderte sich, nachdem die Firma Ammer aus Leipzig weggegangen war. André Streine hatte sich mit 13, 14 Jahren über Freunde der Jungen Gemeinde angeschlossen, "die recht aktiv war, nicht nur unter religiösen Aspekten", erzählt er.

Mit sechs Freunden spielte er dort in einer Band Bass und Gitarre. Die musikalische Ausbildung wurde durch die Kirche unterstützt. Das Repertoire bestand aus Kirchenliedern und eigenen Songs. "In der DDR war alles vorprogrammiert. Wir aber hatten Bob Dylan im Hinterkopf und wollten uns philosophisch dichter äußern", war der Antrieb.

Vier Jahre lang war die Band immer samstagabends im ganzen Kirchenkreis unterwegs. Als das Angebot kam, ein  zweijähriges externes Theologiestudium im Evangelischen Jungmännerwerk  Magdeburg zu absolvieren, zögerte André Streine, der sich mit 15 Jahren hatte taufen lassen, nicht.

Die Pfarrstelle, die für ihn vorgesehen war, trat er allerdings nicht an. Die Liebe zu den Puppen war stärker. "Ich hatte nach der Lehre schon immer Puppen gebaut, weil ich wissen wollte, wie Marionettenfiguren funktionieren", plaudert der heute 58-Jährige.

Um die Bekleidung dafür selbst herstellen zu können, belegte er in der Abendschule einen Nähkurs. Die besonderen Stoffe besorgte er sich in Kleidercontainern von Altenheimen oder aus Webefirmen zum Beispiel, bei denen Reste von Dekostoffen anfielen. Auch die Kulissen und das Zubehör – wie Kissen und Vorhänge – hat er selbst "gelegt, geklebt, gefärbt, genäht", sagte er schmunzelnd.

Puppenspiel selbst beigebracht

Als Puppenspieler war André Streine zunächst Autodidakt. Erst nach 1989 konnte er Privatunterricht nehmen, um die Geschichte des Puppenspiels kennen zu lernen, sich in Stimm- beziehungsweise Sprecherziehung zu schulen und sogar das Bauchreden zu erlernen. Für den Kulissenbau vervollständigte er seine Fertigkeiten, indem er ein halbes Jahr lang in einer Puppentheaterwerkstatt in Krakau hospitierte.

In der DDR war es schwierig, ohne Studium eine offizielle Zulassung als Puppenspieler zu bekommen. Er spielte trotzdem und mogelte sich so durch.

1992 jedoch konnte er mit einer Kollegin sein Theater "Pupper La Papp" gründen, seit 1996 tritt er allein als "Christopher vom Alaunberg" auf, benannt nach der Anhöhe, auf die er aus seinem Fenster blickt. Seine Spielorte sind historische Feste, Kitas, Dorf- und Stadtfeste. Seit zwanzig Jahren tritt er regelmäßig drei Mal am Tag an den Adventwochenenden beim Weihnachtsmarkt auf der Wartburg auf.

André Streine agiert nicht hinter den Kulissen verborgen, sondern immer offen, in einem schwarzen Kostüm, um nicht von seinen Figuren abzulenken. Seine Begründung dazu: "Man sieht das Publikum, es ist eine Interaktion möglich, man kann reagieren." Die  märchenhaften Geschichten sind selbst erfunden und immer in eigene Verse gefasst.

Manche existieren in zwei Versionen: die Adaption "Faust, kurz & klein" zum Beispiel für Kinder und etwas frivol auch für Erwachsene. "Die zweite Fassung wird gern für Betriebsfeste gebucht", freut er sich.

Der Künstler spricht gern in der Wir-Form. "Wir, das sind die Musiker, Gaukler, Märchenerzähler und auch die Gastronomen, mit denen man immer wieder auf Märkten und Festen zusammentrifft", erklärt André Streine seine Zugehörigkeit zu einer großen Familie des fahrenden Volkes.

Ein kleines "Wir" gibt es auch. Das bildet er mit seiner Lebensgefährtin Paula. Mit ihr ist er auch gern unterwegs, allerdings am liebsten in der Region Brandenburg oder in Thüringen mit Boot, Fahrrad oder zu Fuß. "Man muss nicht weit fahren, um gute Erfahrungen zu sammeln", ist das Credo der beiden.

Sechs Fragen an André Streine

Wer hat Sie in Ihrer Entwicklung am meisten beeinflusst, geprägt? Meine Mutter, Elisabeth Streine, durch ihre musische Art und Freunde, die am Theater gearbeitet haben.

Was würden Sie als erstes veranlassen, wenn Sie Bürgermeister Ihres Orts wären?Regelmäßige Treffen im Dorfgemeinschaftshaus und Dezentralisierung der Verwaltung.

Was wünschen Sie sich seit Jahren? Mal einen richtig langen Urlaub.

Möchten Sie noch einmal 17 sein?Nein. Da fällt mir der alte Schlager ein: Ich möchte noch mal 17 sein – und das mag ich nicht.

Träumen Sie gern? Wenn ja wovon?Unbedingt und sogar gut, zumindest schlaftechnisch gesehen. Wachträume weniger.

Was hält Sie in Ihrer Heimat? Würden Sie woanders hinziehen?Mich hält hier die schöne Landschaft, die Seen, der Wald und die Stille. Das ist hier ein kreativer Denk- und Arbeitsraum für mich.⇥el

Schlagwörter

Leserforum

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte oben rechts an. Falls Sie noch keinen Login haben, registrieren Sie sich bitte.

Alle Leserkommentare geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen des Autors wieder und sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte übernimmt die Redaktion keinerlei Gewähr.

Ihr Kommentar zum Thema

Kommentartitel
Name
(öffentlich sichtbar)
Email
(wird nicht veröffentlicht)
(Ihr Name wird auch in der Zeitung veröffentlicht. Die Adresse wird nicht veröffentlicht.)
© 2019 MOZ.de Märkisches Medienhaus GmbH & Co. KG