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Holocaust
Forscherin findet in New York Memoiren einer jüdischen Familie aus Frankfurt (Oder)

Nancy Waldmann / 02.06.2020, 07:00 Uhr - Aktualisiert 02.06.2020, 16:30
Frankfurt (Oder) (MOZ) Forscherin Katja Martin fand im New Yorker Leo-Baeck-Archiv die Memoiren von Käthe Mende und Max Bamberger – und hob ein Sittengemälde jüdischen Lebens der Gründerzeit in Frankfurt (Oder) zutage.

"Das Haus, in dem die Eltern fast 30 Jahre zur Miete wohnten (...) lag an der ‚Halben Stadt’, auf hügeligem Gelände; nach vorn fielen die städtischen Anlagen zur Stadtmauer abwärts, in ihm stand uns nur ein kleiner Teil, zwischen buschigen Hängen, die sogenannte ‚Schlucht’ zur Benutzung. Aus den alten Bäumen bekamen wir an manchen Sommerabenden unerbetenen Besuch von Fledermäusen, die dann im Zimmer wild umherflatterten und nur mit Mühe wieder hinausbefördert wurden."

Die Frau, die dies 1950 in Berlin-Zehlendorf schreibt, heißt Käthe Mende. Als promovierte Nationalökonomin hat sie sich einen Namen gemacht, als "charismatisch" wird sie beschrieben, baute im Kaiserreich und danach die Jugendsozialarbeit in Deutschland auf. Geboren ist Käthe Mende 1878 in Frankfurt, groß geworden in einer wohlhabenden jüdischen Bankiersfamilie, die in der Halben Stadt 7 am Lennépark lebte, später das "Haus der Jugend". Als Mende ihre Erinnerungen aus ihrer Heimatstadt aufschreibt, die sie als junge Frau zum Studium verließ, ist sie 72 Jahre alt und hat Theresienstadt überlebt.

Ihre aus Nazi-Deutschland geflohene Familie ist in der Welt verstreut und Käthe Mende hat das Bedürfnis die gemeinsame Herkunft in Erzählungen festzuhalten. Viele Seiten tippt sie auf der Schreibmaschine voll, schildert den Alltag in der Oderstadt in den 1880er und 90er Jahren von der samstäglichen Flussschiffahrt zur Steilen Wand bis zu den Auftritten schrulliger Verwandter, Freunde und städtischer Originale. Dann schickt sie an alle Mendes, deren Adressen sie hat, ihre "Geschichte der Familie Mende aus Frankfurt an der Oder".

Als Katja Martin, aus Frankfurt stammende Judaistin an der Uni Potsdam, vor Jahren Käthe Mendes Memoiren und die ihres Cousins Max Bamberger im Archiv des New Yorker Leo-Baeck-Instituts aufstöbert, konnte sie ihr Glück kaum fassen. Sie traf auf ein Sittengemälde jüdischen Lebens der Gründerzeit in ihrer Heimatstadt – lange bevor dies unwiederbringlich zerstört wurde. Katja Martin erschloss die Manuskripte gemeinsam mit Studierenden. Die Seiten seien dicht beschrieben und voller Randnotizen – nicht leicht zu lesen, erklärt sie.

Käthe Mende ist auf keinem Foto

Max Bamberger, der ältere Cousin von Käthe, verfasste eine Art Familiensaga unter dem Titel "Wir Mendes", porträtierte dabei den Lennéparkstifters Louis Mende, Käthes Opa, der in der Jüdenstraße am Markt wohnte. "Die Mendes sind ein Paradebeispiel für das liberale Judentum", sagt Katja Martin. Für sie stand fest, dass die Texte von Mende und Bamberger leserlich und kommentiert in einem Buch erscheinen müssen, am besten mit Bildern. Die Viadrina-Historikerin Magda Abraham-Diefenbach, die zum jüdischen Friedhof in Słubice forschte, fand die Idee gut, denn die Mendes seien "ein Mosaikstein" der Stadtgeschichte und des Frankfurter Judentums vor dem Holocaust.

Die Suche nach Bildern, etwa im Stadtarchiv, gestaltete sich jedoch schwierig. 2018 knüpfte Katja Martin dann Kontakt zu einer Nachfahrin in den USA, wodurch sie erstmals an Familienfotos kam. Käthe Mende war allerdings nicht drauf. Katja Martin zeigt das Titelcover des geplanten Buches "Wir Mendes", das in diesem Jahr nun erscheinen soll: ein altes Gruppenfoto der Mende-Sippe. "Vielleicht ist Käthe dabei. Aber wir wissen’s nicht", sagt sie. Es würde passen – sich in den Vordergrund zu drängen, sei ihr fremd gewesen, schrieb ein Kollege über Käthe.

Details und manche Reflexion in Mendes 90 Buchseiten einnehmender Erzählung geben einen Einblick ins Jüdischsein damals, das keineswegs die Hauptrolle im Leben der Unternehmerfamilie spielt. Die Mutter aus "assimilatorischem Elternhaus", die jedes hebräische Alltagswort meidet, der Vater dagegen aus "rituellem Haus", der zwar für die neue Orgel der liberalen Gemeinde spendet, selbst aber weiter ins orthodoxe Bethaus geht und seinen Geburtstag nach jüdischem Kalender feiert. Bescherung unterm Weihnachtsbaum findet statt, jedoch nur für die Kinder, was Käthe als "tragische Diskrepanz" und "jegliche Festfreude hemmend" empfindet.

Kein Antisemitismus, aber ...

Das herzliche Verhältnis zu den Bediensteten der Familie und die kleinen Differenzen zur Augenhöhe mit den "Herrschaften" und "höheren Töchtern", also Käthe und ihren Schwestern, schildert die alte Mende genau. Ebenso wie die "warme Anhänglichkeit" zum Kaiser, die der Vater beim Sedansfest demonstrierte.

Antisemitismus sei ihr in ihrer Kindheit und Jugend nie begegnet, so Käthe Mende. Doch sie schreibt auch: Aus dem Haus in der Halben Stadt seien die Eltern "nur wegen des unfreundlichen, vielleicht antisemitischen Verhaltens der Wirtin" ausgezogen.

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