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Sieg für die Integration: Flüchtlinge sind in Fußballclubs am Ball

Der irakische Flüchtling Amar Al Jakobi vom Hoyerswerdaer FC wärmt sich in Hoyerswerda (Sachsen) während der Halbzeitpause im Kreispokal-Viertelfinale des Hoyerswerdaer FC gegen den SV 1910 Edelweiß Rammenau auf.
Der irakische Flüchtling Amar Al Jakobi vom Hoyerswerdaer FC wärmt sich in Hoyerswerda (Sachsen) während der Halbzeitpause im Kreispokal-Viertelfinale des Hoyerswerdaer FC gegen den SV 1910 Edelweiß Rammenau auf. © Foto: dpa
22.05.2017, 09:04 Uhr
Hoyerswerda (dpa) Fußball ist rund wie die Welt und wird auf allen Kontinenten geliebt. Deshalb ist es kein Wunder, dass Flüchtlinge auch in der neuen Heimat am Ball bleiben wollen. Integration gerät so nicht ins Abseits.

Wenn Amar Al Jakobi von Deutschland spricht, dann schwärmt er vor allem vom FC Bayern München und von Oliver Kahn. Der frühere Bayer-Keeper ist das Idol des 22 Jahre alten Irakers, der wie so viele seiner Landsleute als Flüchtling 2015 nach einer langen Odyssee nach Deutschland kam. Amar landete nicht in der Nähe seiner geliebten Bayern. Es trieb ihn in die ostdeutsche Provinz, wo Fußball eher unterklassig gespielt wird. Doch die Leidenschaft für diesen Sport pflegt Amar auch hier - in der Kreisoberliga. Dort ist er Torwart der 1. Männermannschaft des Hoyerswerdaer FC.

Trainer Enrico Krüger weiß, dass sein Schützling weit mehr drauf hat und mit Fußball sogar Geld verdienen könnte. Ab der Landesliga wird Spielern in Sachsen eine Aufwandsentschädigung gezahlt. In seiner Heimat hat Amar einst für ein Team aus Bagdad "erstklassig" gehalten. Eines Tages habe er beim Hoyerswerdaer FC vor der Tür gestanden, erzählt sein 43 Jahre alter Trainer. Der Iraker kam wie gerufen, denn die Ostsachsen hatten damals ein Torwartproblem. "Ich bin seit vielen Jahren Trainer, aber bei Amar hatte ich gleich ein gutes Gefühl. Er hat immer wieder gefragt, ob er noch mehr Training bekommen kann", erinnert sich Krüger.

Jetzt, kurz vor dem Spiel gegen den SV Königsbrück/Laußnitz, steht Amar Al Jakobi auf dem Platz, um den Torhüter der 2. Männermannschaft für dessen Spiel warm zu machen. "Amar hat Biss, er hängt sich richtig rein", sagt Krüger und beobachtet seinen Keeper. Für ihn sei das Training eine Art Flucht aus der Gemeinschaftsunterkunft in Hoyerswerda. Der Fußball gebe Flüchtlingen die Chance, aus ihrem drögen Alltag auszubrechen. Selbst wenn es bei Amar mit dem Deutsch noch nicht so gut klappe, gebe es kein großes Verständigungsproblem: "Ich mache ja mit meinen Jungs auch Taktik an der Tafel. Amar versteht vieles mit den Augen. Er hat einfach Gespür für das Spiel", sagt der Trainer.

Inzwischen haben schon andere Teams ein Auge auf den Iraker geworfen. Krüger würde seinem Schützling den Weg nach oben nicht verbauen: "Amar hat eigentlich in unserer Liga nichts zu suchen und gehört in den Bezahlfußball", gibt er zu. Allerdings gibt es momentan ein handfestes Hindernis für einen Vereinswechsel. Al Jakobi erhielt es am 10. März dieses Jahres schwarz auf weiß: Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge lehnte seinen Asylantrag ab. Die Behörde sieht keine "schutzwürdigen Belange", obwohl sich Amar in seiner Heimat bedroht fühlt. Mafiöse Strukturen im Fußball seiner Heimat würden ihn zudem jeder Aussicht auf einen Vertrag berauben, berichtet der Torwart.

"Sport ist mein Leben", sagt Al Jakobi. Dafür sehe er aber nur in Deutschland eine Perspektive. Gegen den Ablehnungsbescheid hat er Widerspruch eingelegt. Genau wie sein syrischer Freund Motaz Ahmad Alkraza. Der 24-Jährige spielt in der 2. Männermannschaft in Hoyerswerda im offensiven Mittelfeld und ist zugleich Dolmetscher für den Club, wenn Asylbewerber kommen und "gegen die Murmel treten wollen", wie es Krüger nennt. Motaz soll zurück nach Bulgarien, wo man auf seiner Flucht einst Fingerabdrücke von ihm nahm: "Unser Schlepper wollte uns nach Griechenland bringen, aber dann wurden wir in Bulgarien abgesetzt. Wir hatte keine Chance", sagt er.

Der Hoyerswerdaer FC hat ein Schreiben an den Sächsischen Fußballverband geschickt, um seine beiden Spieler mit arabischen Wurzeln beim Erhalt eines Aufenthaltstitels zu unterstützen. "Es wäre doch tragisch, wenn man solche Leute wieder zurückschickt. Sie haben sich gut bei uns eingelebt, sind eine absolute Bereicherung für den Club. Gerade Amar ist mit seinen Leistungen für Jüngere ein Vorbild", argumentiert Trainer Krüger. Nicht zuletzt hätten die beiden dazu beigetragen, dass sich auch der Horizont der deutschen Jungs erweitere: "Integration ist doch keine Einbahnstraße. Auch wir haben etwas davon."

"Durch unsere neuen Spieler hat sich meine Sicht auf Flüchtlinge verändert", sagt Mittelfeldspieler Paul Finkbeiner. "Man lernt unglaublich viel dazu. Das Schicksal von Amar und Motaz hat auch die anderen Spieler bewegt", meint Allrounder Florian Rang: "Wenn man sich überlegt, welche Strapazen die auf sich genommen haben, um bis nach Deutschland zu kommen. Was die erlebt haben, möchte ich nicht durchmachen müssen." Fußball sei ein gutes Beispiel für Zusammenhalt. Rang verweist auf die deutsche Nationalelf. Fußball verbinde in einer Mannschaft viele Nationen: "Die Herkunft ist egal. Die Begeisterung, die Regeln sind überall gleich. Fußball braucht keine Sprache."

Die Integration von Flüchtlingen sei ein prominentes Beispiel dafür, wie der Fußball ein gesellschaftliches Thema mitbewegen könne und wie er von diesem bewegt werde, sagt Jörg Gernhardt, 1. Vizepräsident des Sächsischen Fußballverbandes: "Viele Fußballvereine haben bis heute Tausende Flüchtlinge aufgenommen und damit einen Beitrag zur Integration dieser Menschen geleistet." In der Flüchtlingsinitiative "1:0 für ein Willkommen" habe man in Sachsen bisher knapp 200 Vereine erfassen können, welche sich aktiv für die Integration Betroffener einsetzten und dabei unter anderem durch die Egidius-Braun-Stiftung, die Nationalmannschaft und die Bundesregierung unterstützt wurden.

Vielleicht hat keine Institution so viel für die Eingewöhnung von Flüchtlingen getan wie der Deutsche Fußballbund (DFB). Mit der Initiative "1:0 für ein Willkommen" traf der Verband gewissermaßen ins Schwarze. Mehr als 3000 Vereine meldeten sich an. 15 Millionen Euro wurden an Fußballvereine in ganz Deutschland ausgezahlt, um sie bei ihrem Engagement zu unterstützen. Inzwischen ist die Initiative mit dem Projekt "2:0 für ein Willkommen" gewissermaßen in die Verlängerung gegangen. Auch die Nationalelf macht als Partner wieder mit. Wenn ein Club mindestens fünf Flüchtlinge einsetzt, erhält er eine Prämie.

Der Fußball war aber schon vor der Flüchtlingskrise gelebte Integration. Rund 1,2 Millionen der knapp sieben Millionen Mitglieder im größten Sportverband der Welt haben ausländische Wurzeln. "Nirgendwo in unserem Land funktioniert die Integration von Flüchtlingen so gut wie im Fußball", ist DFB-Präsident Reinhard Grindel überzeugt. Es gehe auch um die Zukunftsfähigkeit der Vereine selbst. "Mithilfe des Fußballs erhalten Kinder außerdem in frühen Jahren einen ganz anderen Blick auf die Welt. Diese Kinder werden durch diesen Austausch früh in Vielfalt und durch Vielfalt geprägt. Diese Kinder stehen damit später gestärkt gegen Vorurteile auf."

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