Landwirte aus Gottberg, die gerade dabei waren, Heu zu machen, entdeckten den verletzten Vogel am Sonnabend unter einem Windrad bei Gottberg. Sie riefen den Wildberger Tierarzt Ulrich Pfannenberg. "Der Vogel hatte eine ganz frische Wunde. Das Ellenbogengelenk war total zerschreddert", beschreibt der Veterinär. Der Greifvogel sei durch den Blutverlust sehr geschwächt gewesen. Pfannenberg blieb letztlich nichts anderes übrig, als das Tier von seinem Leid zu erlösen und es einzuschläfern. "Ein anderer Milan kreiste noch über dem Windrad. Hoffentlich wird er nicht das nächste Opfer", so Pfannenberg, der es bedauert, wenn so stolze und schöne Tiere verletzt oder getötet werden. "Das ist ja nur die Spitze des Eisberges. Dieser Vogel wurde gefunden", sagt er. Oftmals sei es aber so, dass die vom Windrad getroffenen Tiere abstürzen und sie dann vom Fuchs geholt und gefressen werden, ohne das davon jemand etwas mitbekommt und die toten Tiere registriert werden.
Den toten Milan hat Pfannenberg dem Vogelschutzbeauftragen Henry Lange übergeben. Der hat das Tier untersucht und kommt zu dem Schluss, das die Verletzung eindeutig von einem Windrad stammt: "Hundertprozentig. Das war nichts anderes. Die Verletzungen sprechen dafür." Laut Lange handelte es sich um einen ausgewachsenen Altvogel. Dass Argument von Windradplanern und -bauern, dass sich Wildtiere, vor allem Vögel, an Windräder gewöhnen und sie mit den Rotoren umgehen können, ist laut Lange "totaler Quatsch". "So etwas passiert nicht", sagt er.
Glück im Unglück sei in diesem Fall nur, dass die Brutzeit vorüber ist und die diesjährigen Jungtiere sich bereits selbst versorgen können und nicht mehr auf ihre Eltern angewiesen sind. "Ansonsten würde es jetzt auch noch für den Nachwuchs sehr schlecht aussehen", meint Lange.
Den Kadaver hat er nun für vielleicht notwendige spätere Untersuchungen eingefroren. Zudem informierte er die Staatliche Vogelschutzwarte über den Vorfall. Nicht zuletzt, weil der Rotmilan 2002 in die Vorwarnliste der neuen Roten Liste gefährdeter Brutvögel in Deutschland aufgenommen wurde.
In der Vogelschutzwarte wird der Fall Gottberg nun auch in die Statistik eingehen. Dort laufen die Meldungen über Vogel- und Fledermausverluste in Deutlschland und ganz Europa zusammen. Der Rotmilan zählt demnach zu den Vögeln, die am häufigsten Opfer von Windrädern werden. In Deutschland wurden in den vergangenen fünf Jahren 384 dieser Vögel durch Windräder getötet - Spitzenreiter ist dabei Berlin-Brandenburg mit 83toten Tieren, gefolgt von Sachsen-Anhalt mit 72. Europaweit wurden insgesamt 454 verunglückte Rotmilane gemeldet, inklusive der 384 aus Deutschland. Diese Zahlen sind allerdings nur die der erfassten Fälle: "Es wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass die Anzahl der Fundmeldungen lediglich die Erfassungsintensität und Meldebereitschaft widerspiegelt, nicht jedoch das Ausmaß der Problemlage in den einzelnenen Bundesländern verdeutlicht."

¦ Die Staatliche Vogelschutzwarte registriert Vögel und Fledermäuse, die durch Windräder getötet werden. Infos dazu und den Meldebogen zu getöteten Tieren gibt es online unter http://bit.ly/19ESggd ¦ Demnach wurden in den vergangenen fünf Jahren (Stand: 1.August 2017) europaweit 13985 Vögel getötet, 3550 davon in Deutschland und 1042 in Berlin-Brandenburg. Darunter in Deutschland auch 58 Weißstörche, zwei Schwarzstörche und 496 Mäusebussarde. ¦ Zudem wurden in den europäischen Ländern 7883 getötete Fledermäuse registriert, davon 3369 in Deutschland sowie 1238 in Berlin und Brandenburg. (kus)