Zischend und fauchend rollt der Zug in den Angermünder Bahnhof. Dampfwolken hüllen den Bahnsteig ein. Es riecht nach verbrannter Kohle. Die Abteilfenster sind beschlagen. Überall stehen Eisenbahnfans mit Fotoapparaten, um sich den fünf Minuten währenden Betriebshalt des Sonderzuges nicht entgehen zu lassen. Besonders schick - der Mitropa-Wagen im Originalzustand der 30er Jahre. Fein gedeckte Tische, geschliffene Scheiben, gediegene Atmosphäre einer längst vergangenen Zeit.
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Die eintägige Nostalgiefahrt der Berliner Dampflokfreunde wirkt wie eine verspätete Aufmerksamkeit zum vergessenen Jubiläumsgeburtstag der Strecke Berlin-Angermünde. Sie wurde 1842 in Betrieb genommen. Ein Jahr später die gesamte Verbindung bis Stettin.
Viele alte Eisenbahner nutzen die Gelegenheit, noch einmal den so gewohnten Dampfgeruch zu atmen. In Passow stehen sie links und rechts des Bahnhofs, manche sogar in den Büschen. Mit Tempo 60 zieht die BR 52 die zehn Waggons mit Abteilen der ersten bis dritten Klasse aus unterschiedlichen Epochen der Deutschen Reichsbahn quer durch die Uckermark. Eine Leichtigkeit für die 1700 PS kräftige Dampflok aus dem Jahre 1943. Sie kann bis zu 2000 Tonnen bewegen.
Heulende Martinshörner von sechs Feuerwehrwagen, die am Eingang des Tantower Bahnhofs Spalier stehen, begrüßen den Einlauf des Sonderzuges kurz vor der polnischen Grenze. Hier ist Schluss, weil die polnischen Bahnbehörden die Weiterfahrt zuvor nicht genehmigt haben. Also klettern die Gäste des Stettiner Weihnachtsmarktes in Busse, während Besucher aus der gesamten Uckermark die Gelegenheit wahrnehmen, Wagen und Technik in aller Ruhe zu bestaunen.
Weil die alten Wasserkräne an der Strecke längst im Schrott sind, betankt die Feuerwehr den Dampfkessel. 15 000 Liter verbraucht die Lok von Schöneweide bis Tantow, dazu zwei Tonnen Kohle.
"Eine super Aktion", so der Gartzer Amtsdirektor Frank Gotzmann. "Wo können Kinder heute noch eine Dampflok sehen?" An Bord des Zuges befinden sich viele Nostalgiker. "Kindheitserinerungen werden wach", so Dirk Beese aus Wildau. Er ist mit einer lustigen Runde von Freunden und Verwandten unterwegs.
Regelmäßig sind die Sonderfahrten der Berliner Dampflokfreunde schnell ausgebucht. Sie führen quer durch Ostdeutschland, viele auch in die Uckermark und bis zur Ostsee. Diesmal mietet der Verein die Lok aus Nossen von einem privaten Unternehmen, weil die eigene Maschine zur Wartung ist. Sie braucht von Berlin bis Tantow etwas mehr als drei Stunden bei "gemütlichem Tempo", so Lokführer Sven Hesse. Er fährt im Berufsleben normalerweise Dieselloks im Güterverkehr. Bei Sonderfahrten chauffiert er Bahnenthusiasten und Touristen durchs Land. Sven Hesse kennt seine BR 52 genau. Sie hat den Weltkrieg überlebt, war bis 1987 auf den Gleisen der Deutschen Reichsbahn in Brandenburg an der Havel im Einsatz. Ans Ausruhen ist nicht zu denken. "Das müsst ihr jedes Jahr mindestens einmal machen", ruft eine begeisterte Mutter den Reichsbahnern zu. 2018 wird die Stettiner Strecke 175 Jahre alt.