Als Jan Plessow am Ende seines Studiums der Agrarwirtschaft nach seinem Diplomarbeitsthema suchte, hatte er mit Hirse nichts zu tun. Sie spielte in Deutschland ohnehin keine Rolle. Da fragte ihn ein Mitarbeiter der Berliner Humboldt-Universität, ob er sich mit der Hirse beschäftigen wolle. Gleichzeitig begegnete ihm diese Getreideart bei einer Bekannten, die in Moskau eine Handelsfirma für Bio-Hirse und -Buchweizen betrieb. Hier verbrachte er ein Praktikum und fand Kontakte zu einem Institut für Hirsezüchtung in Westrussland, wo er kurze Zeit später ein Studienaufenthalt absolvierte und 25 verschiedene Sorten Hirsesamen mitbrachte. Er vertiefte sich mit seinem Schulrussisch in die Fachliteratur und fand nun, dass eine Diplomarbeit über die Wiedereinführung des Hirseanbaus in Deutschland sowie über die besten Hirsesorten für brandenburgische Böden eine vortreffliche Idee sei. Sämtliche Hirseprodukte in deutschen Läden stammten damals aus Importen. China, die USA und Ungarn waren waren die Hauptexportländer.
Aber Hirse, die besonders in trockenen und warmen Gebieten gedeiht, zählte vor Jahrhunderten zu den grundlegenden Nahrungsmitteln. Noch im 16./17. Jahrhundert war sie hierzulande weit verbreitet. "Hirse gehörte aufgrund der klimatischen Bedingungen zu den typischen Getreidesorten der Lausitz und war in der sorbischen Kultur fest verwurzelt. Doch die Kartoffel und veränderte Ernährungsgewohnheiten verdrängten sie", erzählt Jan Plessow. Sie verschwand vollständig von den Äckern und aus den Köpfen. Selbst Literatur zum Hirseanbau gab es keine mehr. Hier sah der heute 38-Jährige eine Herausforderung und stürzte sich mit großem Enthusiasmus in die Wiederentdeckung des Hirseanbaus.
Zunächst säte er die verschiedenen Hirsesorten auf Versuchsflächen der Humboldt-Uni und beobachtete das Wachstum und den Ertrag der Pflanzen gemeinsam mit Universitätsmitarbeitern. Die Ergebnisse ließ er in seine Diplomarbeit einfließen. Er untersuchte die für die Hirse günstigen Klima- und Bodenbedingungen und stellte fest, dass die Lausitz beste Voraussetzungen besaß und es kein Wunder war, dass Hirse bei den Sorben/Wenden einst zu den Nationalgerichten gehörte. Nachdem 2003 ein gefördertes Projekt zur Einbeziehung von einzelnen Bauern in den Hirseanbau abgelehnt wurde, nahm er die Geschicke selbst in die Hand. Er borgte sich Geld, fuhr nach Russland, kaufte in dem Hirsezuchtinstitut 2000 Kilogramm Saatgut, rief etliche Bio-Landwirte in der Region zwischen Berlin und Cottbus an und fragte sie, ob sie Hirse anbauen wollen. Zudem musste er die Verarbeitung in einer Getreidemühle klären, Preise kalkulieren sowie Händler finden, die sein Produkt in die Bio-Läden und Reformhäuser bringen. Außerdem gab es in Deutschland keine Erfahrung zur optimalen Aussaat und Ernte sowie zur Lagerung.
Die erste Ernte auf 80 Hektar vor genau zehn Jahren war ein Desaster. "80 Prozent der Anbauflächen waren verunkrautet." Hinzu kam, dass von jenen rund fünfzehn Tonnen nach der Schälung in einer Mühle in Bayern nur 35 Prozent an brauchbarem Korn übrig geblieben waren, der Rest wurde Kornbruch. "Ich stand vor dem Nichts und hatte viele schlaflose Nächte. Die Bauern waren skeptisch, die Dienstleister zur Verarbeitung und zum Verpacken der Hirse zu teuer, der Absatz noch ungeklärt. Ich fragte mich, ob ich besser aufhören sollte." Doch ein Lichtblick war die Reaktion in den Läden. Mit der einzigen in Deutschland hergestellten Hirse rannte er offene Türen ein. Selbst die Großhändler waren verwundert, dass die einheimische Ware so gut verkauft wird. Deshalb stand für ihn bald fest: Er macht weiter und muss die Verarbeitung selbst stemmen. Also brauchte er Kredite, halbwegs bezahlbare Maschinen und einen Standort.
Er begann 2005 in einer Scheune und investierte 100 000 Euro. Ein weiteres Jahr später zog er mit seiner Hirsemühle in eine neue Halle und erweiterte seine Verarbeitungstechnik. Heute sind ein Dutzend Öko-Landwirte dabei und bauen auf 300 Hektar in der Lausitz und Umgebung die Rispenhirse an. Die Ausbeute bei der Verarbeitung liegt nunmehr bei 50 bis 60 Prozent.
Die bundesweit einzige Hirsemühle in ihren weithin gelb leuchtenden Gemäuern im Gewerbegebiet Krieschow gleicht einer hellen, modernen Produktionsstätte statt eines romantischen Mühlengebälks. Alles ist automatisiert, von der Grobreinigung, über die Schälung des Kornes (dem Abtrennen der Spelze), dem nochmaligen Sieben, bis hin zur Farbsortierung, wo die übrig gebliebenen dunklen Körner nochmals aussortiert werden. Das gesamte Bundesgebiet wird jetzt mit Lausitzer Rispenhirse beliefert, die aufgrund ihrer Frische sehr mild schmeckt, im Gegensatz zu den Importen. Sie kann als süßer Hirsebrei mit Milch und Zucker angerichtet werden, als Reisersatz dienen oder als Hirsekraut (ein Auflauf mit Weißkohl, Brühe, Schinkenspeck) serviert werden, so wie im Restaurant "Slawischen Hof" in Eichow bei Vetschau, dessen Betreiber selbst zu den Hirseanbauern zählt.
(Hirsemühle Gewerbering 5, 03099 Krieschow; 035604/64622;
Internet: www.hirsemuehle.de)