Angermünde. Jubel in der Uckermark - es ist geschafft: Nach ewigen Verhandlungen wird die grenzübergreifende Bahnstrecke zwischen Passow und Stettin nun doch zweigleisig ausgebaut. Damit hatten die massiven Proteste aus der Region Erfolg.
Das Aufatmen ist fast bis Berlin zu hören: Eine der ersten Eisenbahnstrecken Deutschlands bekommt nach jahrzehntelanger Vernachlässigung das zweite Gleis zurück. Stettin und Berlin rücken auf der Schiene dichter zusammen. Reisende aus der Hafenmetropole müssen künftig nicht mehr in Angermünde umsteigen. Das Streckennetz im Nordosten Brandenburgs wird verdichtet. Es können mehr Personen- und Güterzüge rollen. Die Anbindung der gesamten Uckermark mit allen an der Strecke befindlichen Bahnhöfen profitiert von dem überraschend bekannt gegebenen Entschluss.
Zuletzt hatte sich Ministerpräsident Dietmar Woidke hinter die massiven Forderungen aus der Uckermark gestellt. Denn die Kritik an einem teuren Schienenausbau auf der maroden Strecke zwischen Passow und Stettin, der kein Platz für ein zweites Gleis lässt, wurde laut und lauter. Es gab Petitionen, Briefe an die Kanzlerin, an den Bundestag, Beschwerden bei der Bahn.
Jetzt fällt dem Gartzer Amtsdirektor Frank Gotzmann ein Stein vom Herzen. Der Rufer in der Wüste hat jahrelang nicht lockergelassen, sich herumgestritten und geschimpft. "Wir sind froh und glücklich", entfährt es ihm. "Allerdings bleiben wir aufgrund der Erfahrungen, die wir in all den Jahren gesammelt haben, misstrauisch. Wir hoffen, dass die ministeriellen Arbeitsgruppen nicht wieder Gründe gegen eine zügige Umsetzung finden. Wir werden die Sache also weiter kritisch begleiten." Für Gotzmann ist es wichtig, dass es nach Fertigstellung der Strecke eine komplett neue Ausrichtung des Nahverkehrs im Nordosten Brandenburgs gibt. Schon 2009 hatte eine Studie der TU Cottbus Fahrzeiten von 70 Minuten zwischen Stettin und Berlin prognostiziert. Jetzt bummelt der Zug zwei Stunden.
"Ich habe selbst als Bahnfahrer erlebt, wie viele Leute aus Stettin jeweils in Angermünde umsteigen müssen", schildert Landrat Dietmar Schulze seine Erfahrungen. "Es konnte doch nicht wahr sein, dass der König einst zweigleisig gebaut hat, und wir jetzt im 21. Jahrhundert eingleisig bauen. Ich denke mal, dass durch den Druck aller Beteiligten nun endlich gehandelt wird."
Als "gute Nachrichten für die gesamte Region" bezeichnet der CDU-Bundestagsabgeordnete Jens Koeppen die Umsetzung des Projekts. "Das ist eine positive Entwicklung. Wir werden darauf achten, dass die Planung jetzt schnell vorangetrieben wird. Noch vor der nächsten Landtagswahl muss klar sein, dass die Beschleunigung des Ausbaus nicht zu Lasten anderer öffentlicher Verkehrsangebote in unserer Region finanziert wird."
Die SPD habe über Jahre nicht locker gelassen und gemeinsam mit Dietmar Woidke und Landrat Dietmar Schulze alle politischen Mittel ausgereizt, schildert der SPD-Bundestagsabgeordnete Stefan Zierke. "Für die Uckermark ist der zweigleisige Ausbau so wichtig. Davon profitieren Pendler genauso wie unsere Unternehmen. Ich freue mich sehr, dass wir nun mehr Verkehr auf die Schiene bekommen und der Bund die Kosten dafür übernimmt."
Die Wirtschaftsentwickler haben noch größere Ziele im Blick. "Für die Uckermark ergeben sich ganz andere Entwicklungschancen", so Silvio Moritz vom Investor-Center in Schwedt. "Wir erreichen jetzt langsam das Niveau europäischer Hauptstädte, wo sich der engere Verflechtungsraum auf 150 Kilometer im Umkreis erstreckt. Insbesondere erkennt man jetzt, dass wir verstärkt auf die Probleme im ländlichen Raum schauen müssen, die durch den Landesentwicklungsplan entstehen."
Die Bahnstrecke Angermünde-Stettin feiert in diesem Jahr ihren 175. Geburtstag. Das zweite Gleis wurde nach dem Zweiten Weltkrieg als Reparationsleistung abgebaut.

Kommentar


Doch, es geschehen noch Wunder! Denn an den vernünftigen Ausbau der Schienenverbindung zwischen Berlin und Stettin hat nach jahrelangem bürokratischem Hickhack schon kaum noch jemand geglaubt. Daher ist das Bekenntnis zur Strecke nicht nur verkehrstechnisch ein Durchbruch, sondern auch politisch.Nach der gescheiterten Kreisreform, dem trotzig-erwachenden neuen Selbstbewusstsein potsdamferner Regionen und dem Dauerfeuer über halbherzige Verkehrsausbauten hat Dietmar Woidke das Ruder herumgerissen. Die Uckermark spielt eine Rolle - so lautet die Botschaft.Die Entscheidung kommt spät, ist aber wahrhaft bahnbrechend. Sie zeigt, dass das Zusammenwachsen Europas manchmal auf komplizierten Wegen zum Erfolg gelingt. Spätere Generationen und Bahnfahrer werden dankbar sein. Oliver Schwers

Wunder der Einsicht