Wissenschaftler und Praktiker erörtern schon seit Langem: Was machen wir mit Älteren, Hochbetagten, die pflegebedürftig sind, deren Kinder weit weg wohnen und deren Nachbarn ebenfalls alt sind? Ein Heimaufenthalt scheint der einzige Ausweg. In Deutschland gibt es wenig andere Wohnformen für Hochbetagte, wenn man von Senioren-WG einmal absieht.
Das Amt Gartz könnte gemeinsam mit der Volkssolidarität ein Musterbeispiel für etwas Neues werden. Den Gedanken in die Uckermark getragen hat die AWO-Sozialakademie Potsdam. Deren Projektleiter Horst Weipert erklärt die Idee, die hinter dem Ausprobieren steckt: "Bei der Entscheidung Heim oder wie weiter, denkt man daran, dass man einen alten Baum nicht mehr verpflanzen sollte. Könnte man stattdessen nicht Nachbarn im Dorf oder in der Straße gewinnen, die die alte Person bei sich aufnehmen?"
Ziel ist es, den Pflegebedürftigen in familienartige Strukturen einzubinden. Der kulturelle Mittelpunkt für den neuen Mitbewohner, das Heimatdorf, soll erhalten bleiben. "Vielleicht ist das eine Alternative zur Heimaufnahme und gegen die Vereinsamung älterer Pflegebedürftiger", hofft Bärbel Glogau, Kreisgeschäftsführerin der Volkssolidarität.
Modellversuch heiße ja nichts anderes, als dass eine Idee in der Praxis ausprobiert werde. Alles laufe freiwillig. Niemand werde dazu gezwungen. "Aber im Herbst wollen wir das erstmals praktisch umsetzen."
Die Volkssolidarität sucht jetzt Pflegebedürftige und Gastfamilien, die an diesem Programm teilnehmen wollen. Gefragt sind Familien und Ehepaare, die einen älteren Menschen bei sich aufnehmen und ihm Familienanschluss bieten. Die Familie wird darauf sorgfältig vorbereitet. Die Pflege des Gastes übernimmt in jedem Fall ein fachkundiger Pflegedienst.
Der Gartzer Amtsdirektor Frank Gotzmann hat die Schirmherrschaft über das Projekt übernommen. Er ist sich im Klaren, dass das Vorhaben sehr ungewöhnlich ist und es Kritiker geben wird. Dennoch ist er froh, dass die Volkssolidarität und das Amt Gartz dabei in einem Boot sitzen. "Ich hoffe, dass der Samen, den die Volkssolidarität streut, auf fruchtbaren Boden fällt. Wir haben im Amt Gartz eine ganz engagierte Bürgerschaft."
Noch gibt es viele Fragen bei jenen, die erstmals von diesem Projekt gehört haben. Was ist, wenn es Streit in der Gastfamilie gibt? Wie verhält man sich bei einem Unfall in der Wohnung? Wie ist es mit dem Vererben?
Das Modellprojekt läuft bundesweit und soll bis 2015 an sechs Standorten zukunftsfähige Pflegestrukturen schaffen. Davon sollen dann andere lernen. Was gut läuft, wird weiter geführt.
"Leben mit Familienanschluss ist nicht für jeden geeignet. Aber lassen Sie es uns ausprobieren und in einem Jahr darüber reden", schlägt Horst Weipert vor. "Die Franzosen haben dies schon getan. Sie sagen, den Dörfern geht es mit den Gastfamilien gut.Vor 20 Jahren haben wir ja auch noch nicht an Senioren-WG gedacht."