Wortspiele mit Familiennamen sind unter Journalisten in aller Regel verpönt, so reizvoll und passend sie auch sein mögen. Auch deshalb steht dieses Sonntagsfrühstück nicht unter der Überschrift "Jetzt geht's bei Thorsten rund", obwohl genau das den Kern der Sache ziemlich gut treffen würde. Denn Thorsten Rund hat in diesen Tagen viel zu tun, seit einigen Wochen führt er gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Julia Taebling das Café im Schloss Altranft. Durchaus ein Wagnis, denn einerseits steht die Zukunft von Schloss und Freilichtmuseum bekanntlich in den Sternen, anderseits beschränken sich die gastronomischen Fähigkeiten von Thorsten Rund derzeit vor allem auf das Backen von Käsekuchen. "Mein absoluter Lieblingskuchen", strahlt er, "und den Gästen schmeckt er auch."
Optimismus und Frohsinn sind seit jeher ständige Begleiter des 39-Jährigen, bei ihm ist das Glas nie halb leer, sondern stets halb voll. Diese Einstellung hat Thorsten Rund immer wieder vorangebracht, und tatsächlich hat er in seinem Leben schon einiges bewegt. Vor allem Rennräder. "Ja, das kann man so sagen", lacht der gebürtige Lübbener, "ich bin viele Jahre Radrennen gefahren, erst als Amateur, später als Profi." Als Kind war er, wie viele andere auch, begeistert von der Friedensfahrt, genau da wollte er später auch mal mitfahren. Dass viele seiner Vorbilder in der nahe gelegenen Radsporthochburg Cottbus lebten und trainierten, war zusätzliche Motivation für den kleinen Friedensfahrtfan. "Aber ich musste eine Weile warten", erinnert sich Thorsten Rund, "man durfte erst mit sieben Jahren zum Radsport."
Als die Altershürde genommen war, half ihm der Zufall aufs Rennrad. "Ja, das war schon kurios. Wir waren mit der Schulklasse bei einem Leichtathletiksportfest. Damals waren bei solchen Ereignissen auch immer Vertreter von allen möglichen Sportvereinen dabei, die für ihre Sportarten geworben und Flyer verteilt haben. Ich bekam auch einen - fürs Gewichtheben." Zum Glück fand sich ein Mitschüler mit Radsportflyer, es wurde getauscht, und ein paar Tage später war Thorsten Rund am vorläufigen Ziel seiner Wünsche - er wurde in die Radsportgruppe der BSG Lokomotive Lübben aufgenommen.
"So, jetzt müssen wir aber erst mal die Ziegen füttern, die meckern sonst", lacht der Familienvater und schnappt sich Tochter Johanna, die schon drängelt. Vor einigen Jahren ist Thorsten Rund gemeinsam mit seiner Julia nach Leuenburg gezogen, bis Bad Freienwalde sind es knapp 15 Kilometer, kurz dahinter liegt schon Altranft. Das Haus, in dem die beiden zur Miete wohnen, ist voller Leben. Kein Wunder, denn immerhin gehören zur bunten Patchwork-Familie vier Kinder - von der einjährigen Johanna bis zum 15-jährigen Paul. Dazu kommen zwei Hunde, Kaninchen, Fische und drei Ziegen, die von der 13-jährigen Tochter Laura umsorgt werden.
"Laura ist begeisterte Reiterin", sie hat gerade die Aufnahmeprüfung für die Reitsportschule in Neustadt-Dosse bestanden", erzählt Julia Taebling stolz, "ab dem nächsten Schuljahr ist sie dann die Woche über im Internat." So wie ihr Bruder Paul, der in Cottbus zum Radrennfahrer ausgebildet wird. "Er hat es echt drauf und ist mit großer Begeisterung dabei", freut sich Thorsten Rund, "im vergangenen Jahr ist er in seiner Altersklasse Landesmeister geworden."
Radsport ist das Stichwort für den erneuten Blick zurück auf die Karriere des Familienoberhauptes. "Der nächste Schritt war dann in der 7. Klasse die Delegierung zum damaligen SC Cottbus", erzählt Thorsten Rund, "die hing am seidenen Faden. Eigentlich sollten nur 23 Sportler aufgenommen werden, ich rutschte dann aber als 24. doch noch mit rein." Ausschlaggebend war 1989 ein erfolgreiches Punktefahren auf der legendären Winterbahn in der Berliner Werner-Seelenbinder-Halle. Danach ging es kontinuierlich aufwärts, nach vielen nationalen Erfolgen gewann Thorsten Rund 1993 bei den Juniorenweltmeisterschaften im australischen Perth Gold in der Mannschaftsverfolgung und im Punktefahren, dazu gab's noch Bronze in der Einerverfolgung. Diese Medaille konnte er ein Jahr später bei den Weltmeisterschaften in Ecuador sogar versilbern, die Titelverteidigung im Punktefahren klappte dagegen nicht. "Ja, das war schon komisch. Im Vorlauf habe ich nur auf meinen australischen Hauptkonkurrenten geachtet, wir haben uns so lange belauert und gar nicht mitbekommen, wie die anderen losgefahren sind. So sind wir beide ausgeschieden." Heute kann Thorsten Rund darüber schmunzeln, damals war er weniger amüsiert. Ein weiterer Traum ging 1996 in Erfüllung, als Ersatzmann für den Vierer fuhr Thorsten Rund zu den Olympischen Spielen nach Atlanta. Auch vier Jahre später in Sydney war er dabei, konnte aber nur zusehen, wie seine Teamkameraden Olympiasieger wurden. Immerhin durfte er im Punktefahren starten, er wurde 23. "Mehr war nicht drin, ich hatte mich ja speziell auf den Vierer vorbereitet", erklärt Thorsten Rund. Geblieben ist auf alle Fälle das gute Gefühl, gleich zweimal bei Olympischen Spielen dabei gewesen zu sein.
Der Neu-Gastronom schenkt Kaffee nach. Und erzählt von seiner Profikarriere, die 2001 begann. "Ich bin damals zum Team Coast gekommen. Der ehemalige DDR-Erfolgstrainer Wolfram Lindner war dort sportlicher Leiter, er hat mich als "Wasserträger' für Stars wie Alex Zülle und Fernando Escartin geholt." 2003 stieß Jan Ullrich zum Team, Thorsten Rund schwärmt noch heute von dieser Zeit. "Egal, was so gesagt wird, für mich ist Jan ein absolut freundlicher Mensch ohne jegliche Starallüren. Wir haben während eines Rennens in der Schweiz sogar mal das Zimmer geteilt. Ich bin wirklich stolz, mit ihm gefahren zu sein."
Das Jahr 2003 war für Thorsten Rund nicht nur wegen Jan Ullrich ein besonderes. Erstmals fuhr er die komplette Spanienrundfahrt, nach 21 Etappen kam er auf den 142. Platz. Das nächste Jahr stand die Tour de France auf dem Programm, doch dazu kam es nicht mehr. Jan Ullrich verließ das Team, das schon vorher mehrmals in finanzielle Schwierigkeiten geraten war und nun ohne seinen Star Insolvenz anmelden musste. Für Thorsten Rund der Anfang vom Ende seiner Profikarriere. "Man denkt ja immer, dass dort alle das große Geld machen. Aber das gilt nur für die Stars. Damit man mal eine Vorstellung hat - mein Grundgehalt betrug zum Beispiel nur 2500 Euro, dazu kamen noch die Prämien. Aber ich musste mich auch selbst krankenversichern und alle anderen Kosten tragen, viel Geld für schlechte Zeiten konnte ich da nicht zurücklegen." Bis 2006 fuhr Thorsten Rund dann noch für verschiedene kleinere Teams. Beim Berliner Sechstagerennen zum Beispiel sah man ihn regelmäßig, und auch beim Klassiker Berlin-Bad Freienwalde-Berlin war er am Start, hier wurde er 2004 Zweiter.
"Ich möchte die Zeit als Aktiver nicht missen", sagt Thorsten Rund, "ich bin unwahrscheinlich viel in der Welt rumgekommen und habe auch Erfolge feiern können. Vielleicht hätte ich manchmal egoistischer sein sollen, dann wäre möglicherweise noch mehr drin gewesen", sagt er und erzählt noch schnell die Geschichte von den Weltmeisterschaften 1998, die irgendwie symptomatisch für ihn ist. "Ich bin damals im Vierer den Vorlauf und das Viertelfinale gefahren, im Halbfinale war Robert Bartko dran. Für das Finale war dann wieder ich vorgesehen, aber weil man laut Reglement zwei Läufe gefahren sein muss, um bei einem Podestplatz die Medaille zu bekommen, habe ich Robert für das Finale den Vortritt gelassen, eben damit er auch diese zwei Läufe hat. Tatsächlich wurde der Vierer dann Vizeweltmeister, Robert konnte den großen Moment auf dem Siegerpodest genießen, ich bekam meine Medaille Wochen später vom Radsportbund zwischen Tür und Angel. Außerdem musste ich mich mit der halben Prämie begnügen."
Verbittert klingt der Ex-Radsportler dabei nicht, er sei nun mal ein sehr harmoniebedürftiger Mensch. Wohl auch deshalb hat er bei der Scheidung von seiner ersten Frau auf nahezu alles verzichtet, sein neues Leben mit Julia begann Thorsten Rund tatsächlich mit nur wenig mehr als nichts. Mit ihrer positiven Lebenseinstellung liegen die beiden zum Glück auf einer Wellenlänge, die Idee vom eigenen Café schwirrte schon länger in ihren Köpfen herum. "Die Gelegenheit war günstig, die Investitionen überschaubar", sagt Julia Taebling, die im Steglitzer Shoppingcenter Boulevard Berlin den Aufbau der gastronomischen Einrichtungen betreut hat. "Außerdem habe ich auch schon bei den "Eisbären' gekellnert", lacht die gelernte Fremdsprachenkorrespondentin für Englisch und Russisch, "und mit Marketing kenne ich mich ebenfalls ein bisschen aus. Na ja, und was wir nicht wissen, das werden wir eben lernen." Ideen gab es von Anfang genug, die Kinderspiel-Ecke neben dem Tresen zum Beispiel war der vierfachen Mutter besonders wichtig. "Warum soll nicht mal eine Krabbelgruppe vorbeikommen", meint Julia Taebling, "außerdem können sich bei uns auch gern Vereine treffen oder Radtouristen eine Kaffeepause machen." Nicht nur die erwartet am 19. April ab 10 Uhr etwas ganz Besonderes. "An diesem Tag laden wir alle zum gemeinsamen Anradeln ein", verrät Thorsten Rund, "es geht gut zwanzig Kilometer durch das Oderbruch, ganz gemächlich, denn so schnell kann ich auch nicht mehr. Ich fahre nämlich viel zu selten mit dem Rad, nur ab und zu mit dem Mountainbike." Und natürlich kommen auch die Jüngsten auf ihre Kosten, beim Bobby-Car- und Laufrad-Rennen! Die Strecke für die Kleinen hat Cheforganisator Thorsten schon klargemacht. "Es ist ein Rundkurs", meint er grinsend. Klar, was sonst.
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