"So, jetzt kann's losgehen", sagt Claudia Schmutzler und lässt sich in den Sessel fallen. Um auch gleich wieder aufzustehen. "Ach so, was wollen Sie denn trinken? Bier, Rotwein Weißwein?" Keine schlechte Auswahl für ein Sonntagsfrühstück, was allerdings damit zusammenhängt, dass weder Sonntag noch Frühstückszeit ist. Nein, es ist Montagabend, kurz nach 20 Uhr, und Claudia Schmutzler ist irgendwie noch mächtig am Wirbeln. Es ist die letzte Woche der drehfreien Zeit, viele ihrer Gedanken sind schon bei der ZDF-Vorabendserie "SOKO Wismar", in der sie seit 2005 die Kriminalhauptkommissarin Katrin Börensen spielt. Für die bevorstehende Drehzeit ist auch diesmal alles bestens organisiert, drei Tage in der Woche ist die Mutter aus Dresden für Constantin da, zwei Tage kümmert sich der leibliche Vater um den geregelten Tagesablauf des Sprösslings. Das hat sich im Laufe der Zeit so eingespielt, die Abläufe sind ja auch immer gleich. Gedreht wird von Mitte März bis Ende November, zum größten Teil in Berlin und Umgebung. "Ich gehe dann um 7 Uhr aus dem Haus und bin selten vor 22 Uhr zurück, da bleibt nicht viel Zeit für den Sohn", erzählt Claudia Schmutzler, "ja, und dann drehen wir ja auch noch so drei-, viermal im Jahr jeweils zehn Tage in Wismar."
Die drehfreie Zeit sei immer eine besondere Herausforderung für sie, sagt Claudia Schmutzler, vor allem wegen der Kinder, um die sie sich dann sehr intensiv kümmert. Auch um Charley Ann, die 20-jährige Tochter, die ebenfalls Schauspielerin ist und mittlerweile in einer Wohngemeinschaft lebt. "Ja, die ist schon sehr selbstständig, aber als Mutter macht man sich halt immer Sorgen, ob es dem Kind auch wirklich gutgeht", schmunzelt Claudia Schmutzler und fügt ohne Umschweife hinzu, dass davon ihr eigenes Wohlbefinden maßgeblich abhängt. "Ich bin schon sehr emotional", sagt sie, "und damit ich vor Emotionen nicht zerfließe, versuche ich im Alltag ganz pragmatisch zu sein." Die wesentlichen Dinge werden nicht dem Zufall überlassen, was geplant ist, wird durchgezogen. Mit viel Disziplin, aber ohne Druck, denn "den machen schließlich andere schon zur Genüge, das reicht." Ganz bewusst entspannen, nicht jeden Quatsch an sich ranlassen und wenn's dicke kommt, einfach tief durchatmen, "keep breathing" heißt es im Englischen. "Ja, das ist schon so etwas wie mein Lebensmotto geworden", sagt Claudia Schmutzler, die früher allein schon bei dem Gedanken an ausbleibende Rollenangebote Hochatmung bekam. Heute geht sie mit solchen Existenzängsten gelassener um, auch weil sie gelernt hat, dass es immer einen Weg gibt. "Es gab tatsächlich immer wieder Situationen, wo es finanziell eng wurde, aber irgendwie ging es dann trotzdem weiter."
Claudia Schmutzler nimmt einen Schluck Rotwein und erzählt von den Anfängen ihrer Schauspielerei. "Also, ursprünglich wollte ich ja Kindergärtnerin werden. Aber da bin ich durch die Stimmprüfung geflogen." Also lernte sie stattdessen in ihrer Heimatstadt Dresden Maschinenbauzeichnerin, allerdings bemängelten die Ausbilder schon in den ersten Zeugnissen das fehlende mathematische und konstruktionstechnische Vorstellungsvermögen ihres Lehrlings. Richtig gut war die junge Frau dagegen, wenn es darum ging, Kulturprogramme für die Brigade auf die Beine zu stellen. "Von da war es dann letztlich nur ein kleiner Schritt bis zur Aufnahmeprüfung an der Theaterhochschule "Hans Otto' in Leipzig", erzählt Claudia Schmutzler, "auf die habe ich mich auch sehr intensiv vorbereitet." Das zahlte sich aus, sie wurde auf Anhieb genommen. Es folgten zwei Jahre Grundstudium in Leipzig, danach zwei weitere Studienjahre am Staatsschauspiel Dresden und anschließend ein Engagement an den Landesbühnen Sachsen.
Ja, und dann kam der Film "Go Trabi Go". Claudia Schmutzler spielte in dem Kinohit an der Seite von Wolfgang Stumph und Marie Gruber die etwas vorlaute und gerade deshalb überaus liebenswerte 16-jährige Tochter der Familie Struutz, die kurz nach der Wende mit dem geliebten Trabi bis nach Rom zuckelte. "Ich war damals Anfang zwanzig", erinnert sich Claudia Schmutzler, "beim Casting sagten sie mir, dass das zu alt sei." Ein halbes Jahr und einige Castings später kam dann doch die Zusage, ein Glücksfall für den Film - und für Claudia Schmutzler. "Der Film hat schon die Grundlage für meine Karriere gelegt, durch ihn wurde ich bekannt", sagt sie, "aber vor allem war es eine gute Möglichkeit zu zeigen, dass ich spielen kann." Und davon konnten sich auch all die bedeutenden Leute der Filmbranche überzeugen: Autoren, Regisseure, Produzenten. Was aber noch viel wichtiger war - sie vergaßen es nicht. Und so sahen die Zuschauer Claudia Schmutzler später im "Tatort" ebenso wie in der "Kurklinik Rosenau" und beim "Liebling Kreuzberg". Als dann Sat.1 1996 für die Fernsehserie "Für alle Fälle Stefanie" eine neue Titelfigur suchte, fiel die Wahl auf Claudia Schmutzler - sie spielte fortan die beliebte Krankenschwester Stephanie Wilde. "So eine Serie ist komplett etwas anderes als Theater oder Kinofilm, man muss einfach noch disziplinierter, schneller und flexibler sein. Es geht darum, dass man eine Hauptrolle über eine lange Zeit tragen kann." Claudia Schmutzler konnte. Aus dem geplanten einen Jahr wurden drei, 1999 stieg Claudia Schmutzler dann auf eigenen Wunsch aus. "Ich wollte mich mehr um meine Tochter kümmern, ich lebte ja damals noch in Dresden, gedreht wurde die Serie aber größtenteils in Berlin in der Lungenklinik Heckeshorn am Wannsee. Ich war also nur am Pendeln." Nach anderthalb Jahren stieg die Schauspielerin auf Wunsch des Senders wieder ein, nach langer Überlegung, wie Claudia Schmutzler erzählt, "aber das Ersparte ging zu Ende, und ehrlich gesagt war ich deshalb auch nicht böse über das Angebot." 2004 war dann endgültig Schluss mit der Serie, Claudia Schmutzler lebte wieder vom Ersparten und kümmerte sich um die weitere Familienplanung. "Ich wollte unbedingt noch ein Kind", sagt sie, "nun war der richtige Zeitpunkt." 2005 wurde dann Constantin geboren, nach einer Fehlgeburt endlich das ersehnte und pure Glück für die Mutter. Der Kleine war keine zwei Monate alt, da kam vom ZDF das Rollenangebot für die "SOKO Wismar". Claudia Schmutzler sagte zu.
"Ja, und nun spiele ich die Katrin Börensen schon neun Jahre", bringt Claudia Schmutzler den Schnelldurchlauf ihrer Karriere auf den Punkt, selbst ein bisschen ungläubig staunend über die lange Zeit. "Das wäre ohne dieses tolle Team wahrscheinlich nie so lange so gut gegangen", schwärmt sie, "da passt von Anfang an alles zusammen." Längst sind Freundschaften entstanden, mit den Mädels von der Garderobe und Maske geht Claudia Schmutzler in den Pausen und nach Feierabend manchmal auf einen, wie sie sagt, spirituellen Trip. Die Bodenhaftung verliert Claudia Schmutzler dabei nicht, sie will vielmehr lernen, das Leben und den Moment noch bewusster zu genießen. Die großen Träume hat sie noch nie geträumt, sie schaut lieber ganz pragmatisch, wo in ihrem Leben gerade traumtaugliche Dinge verborgen sind. "Ich nehme mir auch vor, mir nichts vorzunehmen", sagt sie, "und das klappt immer besser." Unabhängig möchte sie auf alle Fälle sein und bleiben, sowohl finanziell als auch im Geiste.
Jetzt freut sich Claudia Schmutzler aber erst mal auf die neuen Dreharbeiten, bei denen Sächsisch übrigens längst die offizielle Pausensprache ist. Dafür hat die Dresdnerin gesorgt. "Meine Kollegen können das mittlerweile ganz ausgezeichnet", lacht sie. Nu, ei verbibbsch!
r "Der Gourmetkoch" heißt die nächste Folge der "SOKO Wismar", die am 19. März um 18.05 Uhr im ZDF ausgestrahlt wird.