Originale Olympia-Medaillen, Bill Hucks Rennrad von der Bahn-WM 1982 und die klobigen Sprungski Helmut Recknagels aus den 50er Jahren: Das alles sticht sofort ins Auge, betritt man das "Haus des Sports" an der Eisenacher Straße in Marzahn-Hellersdorf. Auch das Eiskunstlauf-Kostüm von Christine Erraths und ein Holzschläger des indischen Hocketeams, das bei Olympia 1964 in Tokio Gold holte, sind für Besucher Blickfang. Dazu kommen unzählige Fotos, Pokale oder über 100 Jahre alte Sport-Journale: In dem DDR-Musterbau, früher mal eine Schule, würde man solche Raritäten nicht unbedingt erwarten. Wolfgang Turowski hat die Schau in den letzten 22 Jahren mit Helfern auf die Beine gestellt. Er ist der Macher des "Haus des Sports".
Vor allem die Sportgeschichte der DDR ist hier so authentisch nachvollziehbar wie an nur wenigen Orten in Deutschland. Besuchergruppen kommen aus ganz Europa. Studenten büffeln hier für Belegarbeiten. Schweizer Handballer informierten sich vor ihrem Match mal über die Historie ihres Gegners. Gerade recherchierte ein Journalist aus Neuseeland für sein Buch über Ringer-Ass Werner Seelenbinder, der als Kommunist vom Nazi-Regime verfolgt und 1944 hingerichtet wurde. "Wir verstehen uns nicht nur als bloße Ausstellung, sondern auch als Dienstleister in Sachen Sportgeschichte", so Wolfgang Turowski.
Fast alles, was im DDR-Sport Rang und Namen hatte, bestaunte schon die rund 3000 Exponate. Darunter Rad-Held Täve Schur, Ex-Eiskunstlauf-Weltmeisterin Christine Stüber-Errath aus Wildau (Dahme-Spreewald), Marathon-Olympiasieger Waldemar Cierpinski, aber auch die Cottbuser Reporter-Legende Heinz Florian Oertel. Um so erstaunlicher ist es, dass das "Haus des Sports" in Berlin selbst eher ein Schattendasein fristet. Unterstützung vom Bezirksamt Marzahn-Hellersdorf gibt es laut Wolfgang Turowski kaum. Große Erwartungen hegt er auch nicht mehr. "Bei dem Stellenabbau im Sportamt", so Turowskis Kritik. Immerhin würden aber die Betriebskosten übernommen. Die Einrichtung des Museums förderte die EU vor Jahren aus ihrem Programm "Lokales soziales Projekt". "Unsere eigentliche Arbeit machen wir rein ehrenamtlich", seufzt "Turi", wie ihn viele in dem kleinen Museum nennen. Er stemmt die Arbeit zusammen mit vier Helfern, hält Kontakt zu früheren und aktuell aktiven Sportlern. Dafür gibt es eine geringe Aufwandsentschädigung. "Was Wolfgang Turowski hier leistet, ist für mich unfassbar. Ich zolle dem höchsten Respekt", ist Christine Stüber-Errath, Eiskunstlauf-Weltmeisterin und dreifache Europameisterin, des Lobes voll. In der Ausstellung werden ihre Leistungen als erfolgreichste Berliner Eiskunstläuferin aller Zeiten in einer eigenen Ecke gewürdigt.
Sein Sonntagsfrühstück lässt sich Turowski aber trotz des Ärgers schmecken. Natürlich gemeinsam mit seiner Frau und einem guten und starken Kaffee. Läuft ein großes Sportereignis, wird selbstverständlich das Fernsehgerät eingeschaltet - Olympia in Rio sei schon fest gebongt. Kommen Freunde und Bekannte, bringt der Mit-Sechziger seine musische Seite zur Geltung. Wolfgang Turowski spielt Gitarre und singt dazu gern russische Lieder. "Wenn es Abend wird in der Stadt" hat "Turi" mit seiner Klampfe aber auch drauf. Auch an Wochenenden ist der Hellersdorfer aber oft im Museum.
Gerade waren Zehntklässler aus Brandenburg da. "Ein Mädel streifte sich kurzerhand das Eiskunstlaufkostüm von Christine Stüber-Errath über. Sie sah darin Christine sogar ähnlich", schmunzelt Turwoski. Nach der Anprobe startete er sein "Quiz für Kids". Die jungen Leute sollen hier u.a. zuordnen, welcher Helm zu welcher Sportart gehört.
Mit Erwachsenen geht er auf Nachfrage schon mal ins Detail. Dann berichtet er ausführlich von Turnerin Birgit Radochla, die für die DDR in Tokio 1964 die erste Frauen-Olympia-Medaille holte. Aus dem früheren Sport-Übungsleiter und DTSB-Kreischef Marzahns (DTSB: Deutscher Turn-und Sportbund) sprudeln die Storys nur so heraus. Ergebnisse von Fußball-Europapokalspielen der 70er Jahre? Der gebürtige Usedomer hat sie parat. Im Handball ganz genau so. Dann zeigt der Sportfreak einen wertvollen Porzellan-Teller, den ihm die Witwe des verstorbenen DTSB-Vorsitzenden Manfred Ewald überreichte. "Ewald hatte das gute Stück wiederum vom einstigen IOC-Boss Juan Antonio Samaranch erhalten", so die Information von Wolfgang Turowski.
Dann schreitet er weiter Vitrinen, Wimpel-Leisten und Medaillen-Wände ab. Im Olympia-Zimmer bleibt er stehen. Dort sind maßgeschneiderte Anzüge zu sehen, mit denen Mitglieder des DDR- Nationalteams zur Eröffnung der olympischen Sommerspiele in Seoul 1988 einmarschierten. Wie die meisten anderen Utensilien aus dem Bereich des Sports, erhielt er sie von ehemaligen Aktiven.
Dann hat der frühere Fußballer von Traktor Lubmin (Mecklenburg-Vorpommern) Kurioses zu berichten: Turowski deutet auf ein Köfferchen mit mehreren 8-Millimeter-Filmkassetten. Seinen Worten nach übergab die SED-Chef Erich Honecker einst erfolgreichen Teilnehmern der Olympischen Spiele von 1972 in München. Auf dem Streifen seien Bilder eben dieser "Sommerspiele" zu sehen. "Aber ohne Ton - es sind quasi Stummfilme", amüsiert sich der Berliner. "Das Problem war, dass die meisten Aktiven die Streifen gar nicht sehen konnten, da sie nicht über entsprechende Abspielgeräte verfügten", erläutert der Museumsleiter. Solche technischen Geräte konnte man in der DDR nicht ohne Weiteres kaufen. Der "Staatsratsvorsitzende" hatte sich offenbar schon Anfang der 70er Jahre weit von der Lebenswirklichkeit seines Volkes entfernt. "Und nun die gute Tat: Wir haben die alten Filmchen digitalisieren lassen, so dass sie viele Sportler nach 44 Jahren erstmals ansehen können", sagt "Turi".
Zwischendurch spurtet er immer mal wieder zum Telefon. Mal wollen sich Besuchergruppen aus Schleswig-Holstein und Sachsen-Anhalt anmelden. Ein Ost-Sport-Fan aus Bochum bittet darum, alte "Sportechos" einsehen zu dürfen. Wolfgang Turoswki kann das arrangieren. Warum er sich den ehrenamtlichen Job als Rentner noch antut? "Früher war ich Konsument großer Sport-Erfolge - live oder im Fernsehen. Jetzt möchte ich etwas zurückgeben und die Erinnerung an den Sport im Osten wach halten. Die Leistungen vieler Aktiver verdienen Anerkennung - heute und auch bei nachfolgenden Generationen."
Das Thema Doping spart der umtriebige Organisator nicht aus. "Natürlich gab es das auch bei uns - Kugelstoßerin Ilona Slupianek war eine der Ersten, die 1977 nach einem Wettkampf in Helsinki aufflog." Mit dem Finger solle man aber nicht nur in Richtung Osten zeigen. Manipuliert und gedopt wurde und werde bis zum heutigen Tag in Ost und West gleichermaßen.
Haus des Sports, der Bildung und Begegnung/Sportmuseum Marzahn-Hellersdorf; Eisenacher Str. 121/Ecke Blumberger Damm (neben den "Gärten der Welt")
12685 Berlin, 030/56 49 70 32,
Öffnungszeiten: Mo - Fr 9.- 14 Uhr, und nach Vereinbarung
Eine Anmeldung für Gruppen ist erwünscht.
Der Eintritt ist frei!