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Flixbus
Vom Startup zum Marktführer

Erfolgreicher Gründer: Andre Schwämmlein, Geschäftsführer von Flixbus, steht vor einem Flixbus in Berlin.
Erfolgreicher Gründer: Andre Schwämmlein, Geschäftsführer von Flixbus, steht vor einem Flixbus in Berlin. © Foto: dpa/Bernd von Jutrczenka
Jan Hnida / 03.05.2018, 07:00 Uhr - Aktualisiert 03.05.2018, 09:36
Berlin/München (MOZ) Das Gründungs-Motto: Raus aus dem Auto, hinein in den Bus. Das ehemalige Startup Flixbus scheint diesem Ziel immer näher zu kommen: Fünf Jahre nach Markteintritt beherrschen die grünen Busse Deutschlands Straßen, das europäische Geflecht wird immer dichter – und der erste Schritt nach Amerika ist getan.

Ein Büro auf zehn Quadratmetern, vier Laptops und ein Telefon: Das ist der Gründungsmythos von Jochen Engert, Daniel Krauss und André Schwämmlein. Zu der Zeit nutzten mehrheitlich Senioren Busse für ihre Kaffeefahrten. Der Rest fuhr mit Auto oder Bahn, wenn man zum Beispiel von Berlin nach München wollte.

Das ist nun sieben Jahre her – seitdem revolutionierten die drei Philanthropen mit ihrer Vision von der „smarten und grünen Mobilität für alle“ den Fernverkehr. Die mit WLAN ausgerüsteten Flixbusse sind mit ihrer typisch grünen Farbe nicht mehr aus dem deutschen Straßenbild wegzudenken. Das Erfolgsrezept: Eine Kombination aus Technologie-Startup, Internetunternehmen und klassischem Verkehrsbetrieb. Mit dem Wegfall des Bahnmonopols konnte sich die Marke Flixbus selbst gegen Großkonzerne durchsetzen – und das nicht nur in Europa: Täglich fahren die grünen Busse rund 1400 Orte in 27 Ländern an, mit insgesamt 250 000 Verbindungen.

Von außen verrät nur der grüne Schriftzug, dass im Münchner Westen die Hauptstelle von Flixbus sitzt. Dagegen atmen die Innenräume noch den Geist des Beginns als innovatives Start-up: Eine Rutsche in den vierten Stock, Obstschalen auf den Tisch-Inseln und Mitarbeiter am Kicker. Werden in Berlin die Fahrtstrecken der 300 Buspartner (Subunternehmen) koordiniert, sitzt hier das Hirn – oder besser gesagt: Viele Hirne. Ausschließlich junge Menschen tippen auf ihre Laptop-Tastaturen und diskutieren in kleinen Konferenzräumen – oft auf Englisch, denn hier arbeiten IT-Experten aus dem In- und Ausland zusammen. Dazu wird am Buchungs- verkauf, der Flixbus-App, weiter getüftelt und die GPS-Ortung der Busse verbessert.

Mit dieser Technik und den ausgewerteten Kundendaten aus dem Internet oder der App versorgt der Münchner Verwaltungsapparat seine Subunternehmen, sprich regionale Busunternehmen. Flixbus selbst besitzt nur einen Bus – aus rechtlichen Gründen.

Durch die Liberalisierung des Personenfernverkehrs hatte Flixbus seit dem 1. Januar 2013 die Möglichkeit, Linienverkehr mit Fernbussen anzubieten. Nach dem Markteintritt schluckte es Konkurrenten wie den Postbus, der Umsatz betrug 250 Millionen Euro (Stand: 2015) – aktuellere Daten möchte man nicht herausgeben, schließlich stehe der Kunde im Mittelpunkt und keine Aktionäre.

„Wettbewerb ist gesund“, sagt Arnd Schwierholz, Finanzchef von Flixbus – leicht gesagt, wenn man der Marktführer ist. Flixbus beherrscht das Fernbussegment mit 93 Prozent. Mit dem Kartellamt hatte Flixbus schon mal zu tun, doch die Behörde wird erst ab einem Umsatz von 500 Millionen Euro tätig.

„Unser Vorbild ist Amazon“, sagt Arnd Schwierholz. Eifern die smarten Busvermittler dem US-Konzern nach, der als digitale Verkaufsplattform für Bücher anfing und heute den Handel weitgehend beherrscht – vom Philanthropen der grünen Mobilität zum Alleinherrscher im Fernbusmarkt?

Doch Finanzchef Schwierholz sieht bei Amazon eher das Konzept einer „Day One Company“ als beispielhaft: Also ein Unternehmen, das sich jeden Tag neu erfindet, immer wieder bei Null beginnt und sich somit stetig verbessert. Angefangen mit Wlan im Bus können heute die Fahrgäste per GPS schauen, wo sich ihr Bus gerade befindet. In Zukunft soll allein mit Handy und eigener Stimme ein Ticket bestellt werden – und Pilotversuche mit Elektro-Bussen im Fernverkehr sind im Gange.

„Es ist eine Partnerschaft auf Augenhöhe.“ Der Sprecher vom Bundesverband Deutscher Omnibusunternehmer, Christian Wahl, kann nichts Negatives am Fernbus-Platzhirsch finden. „Alle Partner der Busunternehmen sind ja freiwillig bei Flixbus.“ Das grüne Unternehmen habe den Markt wieder belebt und erfrischt – Kaffeefahrten-Image adé.

Doch es gibt auch Kritik: 2016 stellte das Ministerium für Arbeit und Soziales in Nordrhein-Westfalen „einige ‚schwarze Schafe‘“ im Bereich der Subunternehmer fest. Bei einem Großteil der Betriebe sei die Mängelquote jedoch gering; Lenk- und Ruhezeiten der Fahrer würden überwiegend eingehalten.

Gefährdet denn nicht die neue Datenschutz-Grundverordnung, die Ende Mai kommt, das Gold von Flixbus – die Daten der Fahrgäste, die zur stetigen Verbesserung von Bus und Zug beitragen? „Datenschutz haben wir schon immer extrem ernst genommen“, sagt Arnd Schwierholz. Eine extra eingerichtete Projektgruppe kümmere sich um die neue Umsetzung der neuen Verordnung.

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