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Ausbildung
Maßgefertigte Verstärker für die Ohren

Feinschliff von Hand: Hörakustikmeisterin Eileen Baum fertigt in der Fürstenwalder Filiale der Firma HörPartner ein Ohrstück an. Dazu bearbeitet sie ein farbiges Acrylstück mit einem Fräser.
Feinschliff von Hand: Hörakustikmeisterin Eileen Baum fertigt in der Fürstenwalder Filiale der Firma HörPartner ein Ohrstück an. Dazu bearbeitet sie ein farbiges Acrylstück mit einem Fräser. © Foto: Annemarie Diehr
Annemarie Diehr / 03.07.2018, 06:30 Uhr
Fürstenwalde (MOZ) Sie sind gefragt wie nie – Brandenburgs Handwerker. Ihre Berufe vereinen klassische Fertigkeiten mit moderner Technik. Wir zeigen, was junge Leute im Handwerk werden können, und stellen Betriebe vor, die ausbilden. Heute: Hörakustiker der Firma HörPartner in Fürstenwalde.

Um die Erwartungen der Kunden der Wirklichkeit anzupassen, vergleicht Eileen Baum das menschliche Ohr mit einem Eimer: „10 Liter Wasser passen rein, wenn ich oben was abschneide, sind es nur noch 7 Liter. Fülle ich trotzdem 10 Liter Wasser ein, läuft was über und geht verloren“. Will heißen: Wenn die Leistungsfähigkeit des Ohres nicht mehr bei 100, sondern nur 70 Prozent liegt, kann auch ein Hörgerät dieses Defizit nicht rückgängig machen. „70 Prozent sind Ihre neuen 100 Prozent“, sagt die Hörakustikmeisterin dann, und: „Ziel ist es, dieses Hörvermögen zu erhalten“.

Beim Hörgeräteakustiker HörPartner arbeiten daran 131 Mitarbeiter. Neben Hilfen für Schwerhörige fertigt das Unternehmen Gehörschutz an. Eileen Baum ist in der Fürstenwalder Filiale eine von drei Mitarbeitern; dazu kommen Praktikanten und Azubis, die im Kontakt mit Kunden und bei der Anfertigung von Ohrstücken die praktische Seite der Hörakustik kennenlernen. Die Theorie der dreijährigen Berufsausbildung wird an der Landesberufsschule für Hörakustiker in Lübeck gelehrt. Bei Kim Blockus liegt diese Zeit nicht lange zurück: Seit elf Jahren ist die 30-Jährige im Unternehmen angestellt, anfangs als Auszubildende, jetzt als Hörakustikerin.

An Nachwuchs, so ihr Eindruck, fehle es in diesem Handwerksberuf nicht: „Ich bin überrascht, wie viele sich bei uns bewerben“. Dazu passt die Unternehmensexpansion unter Geschäftsführer Percy Schöneck. Gab es 2004 noch ein Dutzend HörPartner-Fachgeschäfte, sind es aktuell 51 Filialen, vorwiegend in Brandenburg und Berlin. Mit dem Durchschnittsalter der Bevölkerung nimmt auch die Zahl der Schwerhörigen stetig zu – wobei, wie Kim Blockus betont, Menschen jeden Alters von Hördefiziten betroffen sein können. „Und man kann uns noch nicht maschinell ersetzen“, nennt die Hörakustikerin einen weiteren Grund, weshalb das Handwerk in der Zukunft eher belebt als verdrängt wird.

Daran ändert auch das 3D-Scan-Verfahren nichts, das im Unternehmen seit einem Jahr praktiziert wird. Mit ihm lassen sich aus Abformungen des Innenohrs passgenaue Otoplastiken – Ohrstücke – maschinell anfertigen. Dazu wird die manuell erstellte Innenohr-Form eines Kunden in der HörPartner-Filiale in Berlin-Schönweide gescannt und an das Otoplastik-Labor weitergeleitet, wo das Ohrstück im 3D-Druck-Verfahren aus dem Material Lichtpolymerisat hergestellt wird.

Druckbar, sagt Hörakustikmeisterin Eileen Baum, seien bislang nur die Innenohrschalen für sogenannte Im-Ohr-Geräte. Sie trägt ein Hörgeschädigter komplett im Ohr, wobei die Elektronik in die individuell angefertigte Hohlschale eingearbeitet ist. „Dadurch ist die Hörhilfe kaum zu sehen“, sagt Eileen Baum. Beige sei auch bei den Ohrstücken der Hinter-dem-Ohr-Geräte, mit denen erstere über einen Schallschlauch verbunden sind, die Farbe der Wahl. Je unauffälliger desto besser – diese Regel gelte allein bei Kindern nicht, bei denen das aus Acryl gefertigte Ohrstück auch auffällige Farben und Glitzer­­partikel zieren darf.

In der kleinen Werkstatt der HörPartner-Filiale in Fürstenwalde verpassen Eileen Baum und ihre Kollegen im Labor gegossenen Otoplastiken mit einem Fräser den Feinschliff. „In einigen Fällen bestellen wir nur Rohlinge, um die besondere Beschaffenheit des Ohrs von Hand auszuarbeiten“, erklärt die Hörakustikermeisterin.

Zwischen 60 und 2000 Euro pro Ohr kosten Hörhilfen; ein Basishörgerät, dessen Herstellungskosten von der gesetzlichen Krankenkasse übernommen werden, bezuschussen Kunden mit 10 Euro. Wenn das fertige Ohrstück samt Hörgerät, welches die Hörakustiker von verschiedenen Herstellern gebrauchsfertig beziehen, nach durchschnittlich zwei Wochen in der Filiale vorliegt, beginnt für Eileen Baum und ihr Team die eigentliche Arbeit mit den Kunden.

In einer schallisolierten Anpasskabine stellen sie das Hörgerät auf die Bedürfnisse des Kunden ein. „Das dauert seine Zeit und nicht jeder geht am Ende mit einer Hörhilfe nach Hause“, weiß sie. Das neue Gerät mit den ungewohnten Höreindrücken, die es zulässt, sei für viele gewöhnungsbedürftig. Deshalb seien mehrere Anpassungen mit Hörmessung notwendig; häufig probieren Kunden bis zu drei verschiedene Hörgeräte aus.

Kommunikationsfreudigkeit und Einfühlungsvermögen, sagt Hörakustikerin Kim Blockus, seien neben handwerklichem Geschick für diesen Beruf unerlässlich. Vorbeifahrende Autos, kichernde Jugendliche, raschelnde Blätter – wer jahrelang schwer gehört hat, dem müsse man erst einmal vermitteln, dass ein Hörgerät keine Geräusche erfindet – auch keine störenden Nebengeräusche, sondern überträgt, was ist. „Hörgeräte“, betont Eileen Baum, „können eine Lücke nicht schließen, sondern sie nur überbrücken.“ An Stabilität und Komfort dieser Brücke, daran arbeitet sie.

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