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zum Pilotenstreik
Der Himmel ist überfüllt, weil Fliegen zu billig ist

Thomas Veitinger
Thomas Veitinger © Foto: SWP
Meinung
Thomas Veitinger / 10.08.2018, 19:34 Uhr
Viel verändert hat sich seit Goethes Zeiten nicht. Damals wie heute ist Reisen beschwerlich.

Früher ließ man sich in Kutschen mit zwielichtigen Mitfahrern durchschütteln. Heute quetscht man sich in Aluminium-Röhren mit Junggesellenabschiedlern zu schlechtem Essen. Und Stewardessen nerven mit Rubbellosen. Dennoch ist Fliegen heiß begehrt. Im ersten Halbjahr gab es im deutschen Luftraum 1,59 Millionen Flüge. Die Möglichkeit, für 39,99 Euro nach Mallorca zu fliegen, bringt aber viele Probleme mit sich. Die Gründe für den Ryanair-Streik zeigen dies. Veränderungen sind nötig und möglich.

Zunächst muss sich Jeder selbst an die Nase fassen. Supersonderangebote kosten eben mehr, als auf den ersten Blick ersichtlich ist. Wie bei Lebensmitteln und Textilien wollen Konsumenten meist bessere Produkte, eine saubere Umwelt, faire Arbeitsbedingungen – und greifen trotzdem zur Billigware, die genau das verhindert. Das ist am Himmel nicht anders. Wer billig kauft, bekommt billig und zerstört bestehende Kultur. Wir werden mit einem guten Gefühl belohnt, wenn ein preiswerter Flug ergattert und das Geld scheinbar gespart wird und reden uns das Verhalten auch noch schön: Teurere Flüge – egal bei welchen Airlines – sind oft nicht angenehmer. Warum nicht gleich zum Billigsten greifen? Auf vielen Strecken findet sich sowieso keine Alternative.

Doch der Discount am Himmel hat weitreichendere Auswirkungen als schlechten Service. Flugverkehr belastet die Umwelt. Laut Max-Planck-Forschern schmelzen jedes Jahr 6000 Quadratkilometer Meereis nur wegen des Flugverkehrs. Daran ändern sparsamere Flugzeuge nichts. Der Luftraum in Europa ist überfüllt. Denn inzwischen reisen in der EU fast eine Milliarde Passagiere mit dem Flieger. Niemand sollte etwas gegen gesundes Wachstum haben, aber die Folgen extremer Steigerungsraten durch Billigstpreise sind immer schwerer zu beherrschen.

Preisdumping hat auch eine schlechte Behandlung von Angestellten zur Folge. Ryanair-Chef Michael O’Leary etwa herrscht in einer feudalen Art, verweigert Flugbegleitern und Piloten Rechte und mutet ihnen Arbeitsbedingungen zu, die den derzeitigen Streik überfällig gemacht haben. Eurowings buhlte nach dem Aus von Air Berlin um Start-, Landerechte und Flugzeuge und versagte bei der Integration. Imageverlust durch Verspätungen und Annullierungen sind die Folgen.

Airlines sollten ihr Geschäftsmodell überdenken und Politiker sie dazu anhalten: Steuerbefreites Kerosin trägt zur Überhitzung im Flugverkehr bei. Die Ticketsteuer muss an die Flugklassen angepasst werden, Start- und Landerechte gehören versteigert. Der Vorschlag, innerdeutsche Flüge zu verbieten, ist zwar falsch. Die Bahn sollte aber attraktiv ausgebaut werden, wie der Erfolg der Strecke München-Berlin zeigt. Niemand will, dass sozial Schwächere nicht nach Mallorca  können. Aber keiner kann dieses Chaos in der Luft und am Boden gutheißen. Fliegen ist schlicht zu billig.

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Paul Müller 15.08.2018 - 17:12:01

Fliegen ist schon relativ günstig geworden ...

... aber den „Malle“-Lockpreis aus der Werbung für 40 Euro, den halte ich für ein Gerücht :) Vermutlich kommen noch diverse Zuschläge(Kerosin, Sicherheits und irgendwelche Flughafensteuern) auf den Flugpreis oben drauf, und wenn der entsprechende Rückflug hinzugebucht wird, welcher Erfahrungsgemäss das 2-3 fache kostet, bin ich doch wieder bei 400 Euro ...

Rolf Lustig 15.08.2018 - 13:10:09

@Karl Napp

Mag sein, aber fragen Sie mal das Bordpersonal.

Karl Napp 14.08.2018 - 22:05:21

Naja, so wenig verdienen Piloten ja nun wirklich nicht ....

ich glaube, auch die Ryanair-Piloten haben einen höheren Jahresverdienst als der größte Teil unserer Bevölkerung. https://www.stern.de/wirtschaft/job/pilot--was-verdienen-piloten--wie-teuer-ist-die-ausbildung--7555676.html Und wenn' denn doch nicht reicht, kann man ja immer noch zur Lufthansa wechseln.

Werner Matzat 14.08.2018 - 17:45:21

Ausbeutung bei Ryanair: Verwerflich bestimmt – aber so schön billig - Fliegen ist nur so billig, weil andere die Kosten tragen

Nach dem aktuellen Streik wird Ryanair seine menschenverachtende Personalpolitik verändern müssen. Dass sie sich überhaupt so lange halten konnte, ist ein Armutszeugnis für die Konsumgesellschaft. “Ryanair verkauft keine Hähnchenschenkel und Nackensteaks, doch bei der Billig-Airline geht es um dasselbe. Wer sich etwa für die Strecke von Köln nach Berlin in eine der blau-gelben Röhren des irischen Unternehmens setzt und die 500 Kilometer für rund 15 Euro fliegt, muss sich darüber im Klaren sein, dass irgendjemand anderes den Preis für diesen Preis bezahlt. Einzig: Ryanair hat in aller Regel kein Problem damit, die Tickets an den Mann zu bringen. Wer kann bei solchen Schnäppchen schon widerstehen? Am Streik bei Ryanair sind die Passagiere auch selbst schuld: Sie genießen die billigen Tickets und machen sich um die Ausbeutung von Mensch und Umwelt keine Gedanken. Klar nervt das, wenn schon der pünktliche Start in den Urlaub nicht klappt. Weil heute der Flug gestrichen wurde, sich am Flughafen die Massen knubbeln und keiner einem sagt, wann das nächste Flugzeug startet. Aber mal ganz ehrlich: Sind wir an diesem Schlamassel nicht auch selbst mit schuld? Wenn an diesem Freitag die Piloten von Ryanair streiken und viele Menschen nicht wie geplant abfliegen können, hat das auch etwas mit unserem Kaufverhalten zu tun. Mit einer Geiz-ist-geil-Mentalität, die sich einen Dreck um die Folgen dieses Konsumverhaltens schert. Mit Passagieren, denen egal ist, für welche Löhne die Leute arbeiten, die sie durch die Luft fliegen, die ihnen das eingeschweißte Sandwich verkaufen oder zwischen Start und Landung noch schnell mal ein Parfum andrehen müssen. Und denen noch egaler ist, welche Wirkung das viele Fliegen auf die Umwelt hat. Deutsche würden für ein billiges Ticket über Scherben kriechen, soll der Ryanair-Chef Michael O’Leary mal gesagt haben. An dem Satz stimmt wahrscheinlich nur eines nicht: Billigfliegen ist kein deutsches Phänomen. Längst ist überall in Europa eine Generation herangewachsen, die nicht mehr weiß, dass Fliegen für sie nur so billig ist, weil andere die Kosten tragen. Und deren Eltern das vergessen und verdrängt haben. All die werden jetzt durch die Streiks daran erinnert: Hey, wir sind auch da und wir wollen anständig bezahlt werden. Denn genau darum geht es den Ryanair-Piloten: um bessere Gehälter und mehr soziale Sicherheit – und das zu Recht. Leute, die einen sicher in die Luft und wieder runter bringen, sollten dafür anständig bezahlt werden. Sowohl Pilotinnen als auch Flugbegleiter. Quelle: https://www.n-tv.de/wirtschaft/Verwerflich-bestimmt-aber-so-schoen-billig-article20567062.html --- Quelle: https://www.zeit.de/wirtschaft/2018-08/pilotenstreik-ryanair-billigflieger-klimawandel-kosten --- Der n-tv Redakteur nimmt kein Blatt vor den Mund. Solch klare Worte wünschte man sich in der BILD-Zeitung, dem angeblichen Sprachrohr des kleinen Mannes. Tatsächlich wird man dort zu derartigen Skandalen wohl kaum kritische Beiträge finden, schließlich liegt die Kernkompetenz des Springerblatts im Treten nach unten, so dass der berechtigte Unmut der Bevölkerung möglichst elitenfreundlich kanalisiert wird. Eine Verkäuferin unseres Supermarktes – eine herzensgute Frau – bedauerte kürzlich die vor einigen Jahren vollzogene örtliche Schulschließung, da ihr Enkel dadurch nun weiter fahren muss und merkte im Nachsatz an, dass jedoch für die Kinder von Ausländern Kindergeld da sei. Wo soll man da anfangen und aufhören zu argumentieren. Die BILD-Kampagnen wirken – leider!

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