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Unbemerkt mausert sich eine deutsch-kanadische App zum Handwerkerchampion: Grundrisse zeichnen mit dem Smartphone

Neue App
„Magicplan“ könnte eine ganze Branche umkrempeln

Gute Vorbereitung ist alles: Ist der Maler am Streichen, hat die App „Magicplan“ ihre Arbeit bereits getan.
Gute Vorbereitung ist alles: Ist der Maler am Streichen, hat die App „Magicplan“ ihre Arbeit bereits getan. © Foto: dpa/Stefan Sauer
Igor Steinle / 20.08.2018, 07:00 Uhr
Berlin (MOZ) Anfangs stand Andreas Böhm noch mit Stift und Papier da. 2013 heuerte er bei der B&O-Gruppe an, einem Handwerks-Dienstleister, zuständig für die Renovierung von Immobilien. Wandmaße, Fenster, Steckdosen, Türen: Alle nötigen Daten notierten er und seine Handwerker auf Papierbögen, die sie hinterher in dicken Ordner abhefteten.

„Ich habe mich gefragt, wie man das beschleunigen kann“, erinnert sich der heutige Digitalchef des Unternehmens. Auf der Suche nach der Lösung ist er auf die kanadische App „Magicplan“ aufmerksam geworden, eine App für die Erstellung von Grundrissen. Die Anwendung könnte die gesamte Handwerksbranche beeinflussen.

Magicplan erfasst die Umgebung über die Handykamera digital und überlagert sie mit Computergrafiken. Nutzer richten ihr Smartphone einfach auf verschiedene Ecken des Raums und die App errechnet prompt die Maße. Türen, Fenster und Steckdosen erkennt das Programm automatisch. Die Handwerker bei B&O sparen dadurch beim Ausmessen der Wohnungen die Hälfte der Zeit ein. Ein Effizienzgewinn, der Böhms Arbeitgeber überzeugte: 2016 kaufte der Mittelständler das Start-up „Sensopia“ hinter der App, das heute 25 Menschen in Montreal und München beschäftigt.

Potenzielle Kunden sieht Böhm vor allem im gewerblichen Bereich:  In der Wohnungswirtschaft etwa, aber auch Umzugsunternehmen und Entrümpler könnten aus der Anwendung Nutzen ziehen. Geld verdient das Unternehmen dabei mit Abo-Modellen, die stufenweisen Zugriff auf alle App-Funktionen erlauben. Wie viel B&O für das Start-up ausgegeben hat und was man mit der App heute verdient, will Böhm zwar nicht verraten. 15 Millionen Downloads und zehn Millionen erstellte Grundrisse sprechen jedoch eine eindeutige Sprache. In Kanada hat sein Erfolg Böhm bereits einen Fernsehauftritt beschert, hierzulande hingegen weiß kaum jemand, dass der App-Store-Champion, dem Apple sogar die begehrte Auszeichnung als eine der besten Apps 2017 verlieh, sich in deutscher Hand befindet.

B&O ist mit dieser Strategie eher eine Ausnahme im Handwerk, denn die Branche tut sich noch schwer mit der Digitalisierung. Der Einsatz von Apps zur Produktivitätssteigerung etwa bleibt meist auf die Verwaltung beschränkt. „Wenn, dann werden sie zum Beispiel zur mobilen Arbeitszeiterfassung verwendet“, sagt Norbert Durst. Der Innovationsbeauftragte der Stuttgarter Handwerkskammer hat selbst einen App-Atlas fürs Handwerk zusammengestellt. Seiner Erfahrung nach werden Meister höchstens noch über WhatsApp-Bilder oder Skype-Videos in das Geschehen auf einer Baustelle eingebunden. Viel weiter geht die Digitalisierung des Handwerks in Deutschland in der Masse jedoch nicht.

Eine Studie des IT-Branchenverbands Bitkom und des ZDH bestätigen: Nur 20 Prozent der Handwerksbetriebe nutzen digitale Technologien wie 3-D-Druck, Drohnen oder Wartungssensoren für mehr Effizienz im Alltag. Das könnte ihnen eines Tages zum Verhängnis werden. Denn Konkurrenz wie zum Beispiel Handwerks-Einzelkämpfer scharren bereits mit den Hufen. Apps wie „Magicplan“ unterstützen sie. Denn die App berechnet auch die anfallenden Kosten für Material und Handwerksleistungen, Wandfarben, Holz und Laminat können über die App auch sofort online bestellt werden.

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