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Riester-Rente
„Grottenschlecht gemacht“

Gesetzliche Rente muss gegen Armut absichern: Das meint Klaus Müller, Vorstand des Verbraucherzentrale Bundesverbands (VZBV).
Gesetzliche Rente muss gegen Armut absichern: Das meint Klaus Müller, Vorstand des Verbraucherzentrale Bundesverbands (VZBV). © Foto: dpa/Bernd von Jutrczenka
Dieter Keller / 27.08.2018, 07:00 Uhr
Berlin (MOZ) Zu den Themen von Klaus Müller gehört die Reform der privaten Altersversorgung, wie er im Gespräch mit Dieter Keller sagt. Lebensversicherung und Riester-Rente kämpfen mit erheblichen Problemen. Da ist Müller, Chef der Verbraucherzentrale Bundesverband (VZBV), froh, dass er selbst auf diese Produkte nicht gesetzt hat.

Die Riester-Rente hat nur gut ein Drittel der Arbeitnehmer abgeschlossen, und jeder fünfte Vertrag ist beitragsfrei gestellt. Ist sie ein Flop?

Die Riester-Rente war gut gemeint. Die Idee war, dass auch Menschen, die nicht die Chancen des Finanzmarkts oder des Börsenparketts für sich nutzen wollen oder können, an den Gewinnen Teil haben zu lassen. Hinzu kamen die Kürzungen in der gesetzlichen Rentenversicherung. Leider ist die Riester-Rente grottenschlecht gemacht. Zwei Erwartungen haben sich nicht erfüllt: dass sie jeder abschließt und dass sie eine signifikante Rendite abwirft.

Was ist schief gelaufen?

Zum einen hätte man mehr auf die Produktqualität achten müssen statt zu sagen: Das regelt schon der Markt. Versicherungen, Banken und Sparkassen haben nachweislich viele Finanzprodukte unter dem Namen Riester verkauft, die schlicht zu teuer sind. Zum anderen hat sich die politische Mehrheit nicht getraut, die private Vorsorge obligatorisch oder als Opt-out-Modell zu gestalten. Das wäre zumindest eine Möglichkeit gewesen, die Kosten erheblich zu drücken, weil dann Vertriebs-, Marketing- und Werbekosten nicht angefallen wären.

Ein Problem sind die Vertreter und ihre Provisionen und die Frage, wie gut sie beraten. Sollte etwas geändert werden?

Ja. Bei Provisionsmodellen besteht die Gefahr, dass nicht das Finanzprodukt verkauft wird, das am besten für die Verbraucher geeignet ist, sondern das die höchste Provision garantiert. Es gibt viele Situationen, in denen Berater hilfreich sind. Aber dann ehrlich und offen auf Honorarbasis und nicht versteckt über Provisionen.

Wollen Sie die Versicherungsvertreter arbeitslos machen?

Nein, ganz im Gegenteil. Der Beratungsbedarf besteht ja weiter. Es geht darum, die wirtschaftlichen Anreize zu verändern. Es muss sich lohnen, Verbraucher gut zu beraten, nicht ihnen zu teure Produkte zu verkaufen. In den Ländern, die Provisionen abgeschafft haben, gibt es nach wie vor Berater, allerdings weniger aber besser qualifizierte als in früheren Zeiten. Das zeigt erst einmal nur, dass Verbraucher im undurchsichtigen Provisionssystem nicht nur häufig schlecht beraten werden sondern meist auch zu viel bezahlen.

Da kann man den Verbraucherzentralen unterstellen, sie hätten eigene Interessen, die Menschen zu beraten.

Nein, denn wir beraten nicht zu einzelnen Finanzprodukten und verkaufen sie nicht. Bei uns bekommen sie die Unterschiede der Vorsorge mit Lebensversicherungen, Aktienanlagen oder Immobilien erklärt.

Viele Riester-Produkte sind Lebensversicherungen. Da gibt es die gleichen Probleme mit der Mindestverzinsung wie bei normalen Verträgen. Die Versicherer verkaufen inzwischen am liebsten Verträge ohne Garantiezins. Können Sie die empfehlen?

Für den Einzelnen das richtige Produkt auszuwählen, ist immer ein Spagat zwischen Sicherheit, Flexibilität und Rendite. Es mag Verbraucher geben, für die eine klassische Lebensversicherung das Beste war. Für viele war sie das aber nicht. Die neuen Modelle sind häufig nicht mehr eine Lebensversicherung, wie sie sich die Verbraucher erwarten, sondern ein hoch komplexes Finanzprodukt. Das mag für einzelne Verbraucher sinnvoll und gut geeignet sein. Aber auch hier stellt sich die Frage, ob Berater auf Provisionsbasis jedem zum geeigneten Produkt verhelfen.

Sind die Produkte zu kompliziert?

Ja, zu kompliziert, aber häufig auch zu unflexibel und zu teuer. Bei der privaten Altersvorsorge geht es um 20, 30 oder gar 40 Jahre. In dieser Zeit kann zum einen viel passieren und darauf sollte man reagieren können. Zum anderen ist Zeit bei der Kapitalanlage etwas Wertvolles, da man Schwankungen aussitzen kann. Beispielsweise gibt es aktienbasierte Modelle, die wesentlich kostengünstiger sind und nicht von vorneherein eine Leibrente vorsehen. Angesichts der wechselhaften Erwerbsbiographien unserer Zeit ist Flexibilität besonders wichtig. Kosten und Aktienrisiko sind hingegen das A und O wenn es um die Rendite geht.

Das kann berücksichtigen, wer heute einen neuen Vertrag abschließt. Aber was raten Sie denen, die schon seit Jahren einen Vertrag haben?

Leider gibt es großes Interesse daran, dass alte, noch vergleichsweise gut verzinste Lebensversicherungen gekündigt werden. Das ist häufig für die Verbraucher eine schlechte Wahl, weil ein anderer dann kräftig verdient. Daher: weiter laufen lassen. Wer von Arbeitslosigkeit, Scheidung oder persönlichen Schicksalsschlägen betroffen ist, für den ist die Beitragsfreiheit, also das Ruhenlassen, häufig die bessere Empfehlung. Letztendlich ist jede Entscheidung so individuell, dass es sinnvoll investiertes Geld ist, sich von einem unabhängigen Finanzberater oder von einer Verbraucherzentrale beraten zu lassen.

Kümmert sich die Politik genug um Lebensversicherungen und Riester-Rente?

Nein. Zumindest in den ersten Monaten der neuen Koalition konnten wir noch keine handfesten Pläne erkennen, die private Altersvorsorge vom Kopf auf die Füße zu stellen. Ich habe aber gewisse Hoffnungen für 2019, dass die Koalition und die zuständigen Minister sehen, dass sie effizient, kostengünstig und im Sinn der Verbraucher reformiert werden muss.

Die Riester-Rente gibt es nicht nur als Lebensversicherung, sondern auch als Fonds- oder Banksparplan. Waren die besser?

Die Stiftung Warentest hat in der Vergangenheit viele Produkte untersucht. Das Ergebnis: Es gibt vereinzelte Riester-Produkte, die vor allem auf Aktien basieren, deren Rendite sich sehen lassen kann. Kombiniert mit den Subventionen durch Steuervorteil und Zulage kann es sich immer noch lohnen, einen Riester-Vertrag abzuschließen. Aber es gäbe bessere Modelle und es wäre fairer, wenn die Subventionen in die Taschen der Verbraucher fließen und nicht in die der Banken und Versicherungen.

Sollte es diese Produkte weiter geben?

Wir brauchen Vertrauensschutz für alle, die schon einen Vertrag haben, aber einen harten Schnitt für neue. Was sich nicht bewährt hat, sollte man nicht unbegrenzt fortführen.

Und dann eine obligatorische Vorsorge?

Das muss politisch diskutiert werden. Es hätte klare Vorteile, weil es die Kosten erheblich senkt. Denkbar wäre auch die Opt-Out-Variante, bei der Arbeitnehmer automatisch dabei sind, es sei denn, sie  entscheiden sich ausdrücklich dagegen. Jeder wäre dann frei  zu sagen: Ich will mir das nicht leisten und finde einen besseren Weg, fürs Alter vorzusorgen. Und man muss auch die Menschen im Auge behalten, die es sich nicht leisten können.

Was wollen Sie für die machen?

Für sie muss die gesetzliche Rentenversicherung so ausgebaut werden, dass sie die Absicherung gegen Armut leistet. Wenn es eine Subvention vom Staat gibt, macht es Sinn, sie auf die Menschen zu fokussieren, die sie am nötigsten haben.

Halten Sie eine weitere staatliche Förderung für sinnvoll?

Wenn die Kosten erheblich reduzieren werden, stellt sich genau die Frage, ob weiter ein Zuschuss vom Staat im heutigen Umfang nötig ist oder ob er zum Teil genutzt werden sollte, um die gesetzliche Rentenversicherung zu unterstützen.

Verband VZBV

Der Bundesverband der Verbraucherzentralen (VZBV) ist der Dachverband der 16 Verbraucherzentralen der Länder und von 25 weiteren verbraucherpolitischen Verbänden wie dem Deutschen Mieterbund oder der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger. Alleiniger Vorstand ist Klaus Müller (47). Der Diplom-Volkswirt saß von 1998 bis 2000 für die Grünen im Bundestag. Danach war er bis 2005 Umweltminister in Schleswig-Holstein. Später leitete er die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen.

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