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Im MOZ-Interview
Pofalla: „Autonome Züge gibt es in den nächsten zehn Jahren nicht“

Neues Konzept: Ronald Pofalla, Vorstand Infrastruktur der Deutschen Bahn AG, stellt eine neue Digital-Strategie vor – damit sollen 20 Prozent mehr Kapazität und mehr Pünktlichkeit erreicht werden.
Neues Konzept: Ronald Pofalla, Vorstand Infrastruktur der Deutschen Bahn AG, stellt eine neue Digital-Strategie vor – damit sollen 20 Prozent mehr Kapazität und mehr Pünktlichkeit erreicht werden. © Foto: dpa/Marius Becker
Dorothee Torebko, Dieter Keller / 18.09.2018, 09:00 Uhr - Aktualisiert 18.09.2018, 09:06
Berlin (MOZ) Vor vier Jahren ist Ex-Kanzleramtschef Ronald Pofalla aus der Politik ausgestiegen. Ruhig ist es trotzdem nicht um ihn geworden: Als Infrastrukturvorstand der Deutschen Bahn ist er für das neue Konzept Digitale Schiene verantwortlich. Dorothee Torebko und Dieter Keller sprachen mit ihm über das Modernisierungsprojekt.

Herr Pofalla, zuletzt wurde ein Brief vom Bahn-Chef Lutz öffentlich, in dem von miesem Management und sinkender Qualität die Rede ist. Auch sie unterschrieben das Dokument. Inwiefern ist die Infrastruktur für die Probleme verantwortlich?

Eisenbahn ist Mannschaftssport. Da wirken sehr viele Faktoren zusammen. Einige der Probleme sind hausgemacht. Andere sind externer Natur, wie die Auswirkungen des Rekordsommers 2018. Klar ist, wir müssen schneller unsere Hausaufgaben machen, da gibt es nichts zu beschönigen.

Wie wollen Sie da gegensteuern?

Es gibt einfach zu viele Störungen an den Zügen und wir müssen auch bei der Infrastruktur besser werden. Das haben wir erkannt und arbeiten mit aller Kraft entgegen.

Eine Lösung ist, dass bald tausende Züge digital fahren und so Millionen mehr Menschen transportieren sollen. Wie soll das geschehen?

Wir haben schon viele hundert Kilometer Schiene digitalisiert, und wir sind jetzt dabei, das European Train Control System (ETCS) einzuführen.

Was bringt das System?

In Europa haben wir 20 verschiedene Zugsteuerungssysteme. Deshalb ist Verkehr zwischen den einzelnen Ländern kompliziert. Wenn wir ETCS einführen, können unsere Güterzüge in ganz Europa fahren und sind zum ersten Mal mit dem Lkw auf der Straße vergleichbar.

Wie profitieren Fernverkehrskunden?

Die Digitalisierung ermöglicht uns, mehr Kapazität im Netz zu schaffen. Denn die Zugabstände, die oft sehr groß sind, schmelzen zusammen. So können wir mehr Züge fahren. Der Plan ist, dass wir bis zu 20 Prozent mehr Kapazität auf die Strecke bringen. Das System führt auch zu einer höheren Pünktlichkeit. Es bewirkt, dass die Züge unabhängiger vom Menschen sind.

In der Schweiz ist ETCS Standard. Warum hat es hier so lange gedauert?

Dass wir später dran sind, ist unser Glück. Denn Länder wie die Schweiz haben zwar ETCS eingeführt. Sie haben aber den Level 1 implementiert. Europa schreibt heute den Level 2 vor. So sind wir jetzt in der grandiosen Situation, nichts mehr nachrüsten zu müssen.

Wo wird es als nächstes eingesetzt?

Wir bauen bis 2022 etwa 2000 Kilometer in Deutschland für den Güterverkehr aus. Das sind im Wesentlichen die Grenzübergangspunkte wie in Aachen. Daneben haben wir der Bundesregierung ein zusätzliches Paket vorgeschlagen.

Wieviel kostet das?

Der Kostenrahmen für das Einstiegs-Paket liegt bei 1,7 Milliarden für den Zeitraum bis 2025. Was die Digitalisierung des gesamten Schienennetzes kostet, errechnet gerade ein Gutachter im Auftrag der Bundesregierung.

Langfristig können dank ETCS Kosten gespart werden, weil die Wartung der Signale entfällt. Heißt das, dass die Tickets werden billiger?

Ja, wenn wir flächendeckend die Digitale Schiene Deutschland haben, wird das Schienennetz billiger zu betreiben sein. Wenn das passiert, sinken die Trassenpreise und damit können die Bundesländer mit demselben Geld mehr Regionalverkehr bestellen. Auch der Güter- oder Fernverkehr profitiert hier und am Ende werden es die Kunden an ihrem Portemonnaie spüren.

Viele Kunden merken die Auswirkungen der Digitalisierung erst, wenn Strukturen fehlen. Das Internet in den ICEs ist immer noch extrem langsam. Warum?

Wir haben alle ICEs mit der nötigen Technik ausgestattet, um im Internet zu surfen und zu telefonieren. Insgesamt haben wir 100 Millionen Euro investiert. Wir können die beste Technik in einem ICE haben, wenn es Funklöcher gibt, können wir nichts machen.

Ist ETCS Voraussetzung für selbstfahrende Züge?

Es ist nicht möglich, mit ETCS Level 2 Züge autonom fahren zu lassen. Allerdings unterstützt das System den Lokomotivführer maßgeblich, weil die Technik mehr übernimmt.

Das heißt, es wird in den nächsten Jahren keine selbstfahrenden Züge geben?

Da sind wir für den Regelbetrieb noch weit von entfernt. Teilautonome Züge wird es geben, aber in den nächsten zehn Jahren werden wir keine selbstfahrenden Züge haben.

Im Osten herrschen massive Probleme mit dem grenzüberschreitenden Verkehr. Wann wird die Strecke nach Stettin elektrifiziert und zweigleisig?

Ministerpräsident Dietmar Woidke, Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer, das Land Berlin und die Bahn haben im Juli eine Absichtserklärung zur Elektrifizierung und durchgehenden Zweigleisigkeit unterschrieben. Jetzt arbeiten wir an der Finanzierung.

Trotzdem gibt es grenzüberschreitende Strecken, die nicht von der Bahn abgedeckt werden. Warum?

Zu den bereits heute zehn Zügen zwischen Berlin und Warschau setzen wir ab Dezember regelmäßig einen Intercity zwischen Berlin, Breslau und Krakau ein. Die Polen haben die Absicht, Verkehre zu intensivieren. Und wir auch.

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