Das Nachrichtenportal für Brandenburg
Startseite Märkische Onlinezeitung - MOZ.de

Der Hallenser Wirtschaftsforscher Reint E. Gropp kritisiert die Subventionspolitik  im Osten / Zu viel Geld für ländliche Regionen, zu wenig für die Ballungszentren

Interview
„Wir haben die Städte vernachlässigt“

Forscht zur Wachstumsprozessen in der Wirtschaft: Reint E. Gropp ist seit 2014 Präsident des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH).
Forscht zur Wachstumsprozessen in der Wirtschaft: Reint E. Gropp ist seit 2014 Präsident des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH). © Foto: dpa/Hendrik Schmidt
Ina Matthes / 15.11.2018, 09:00 Uhr
Frankfurt (Oder) (MOZ) Firmen im Osten sind oft weniger produktiv als vergleichbare Unternehmen im Westen. Das ist das Ergebnis einer Studie des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH).Ina Matthessprach mit IWH-Präsident Reint E. Gropp über Förderpolitik in ostdeutschen Regionen wie der Uckermark.

Ostdeutsche Unternehmen sind 20 bis 25 Prozent weniger produktiv als die im Westen. Das hat eine Analyse Ihres Instituts ergeben. Was genau haben Sie untersucht?

Wir haben uns Unternehmen angeschaut mit der gleichen Größe, die im gleichen Sektor unterwegs sind, zum Teil sogar die gleichen Produkte herstellen, und haben die Produktivität verglichen. Dabei haben wir festgestellt, dass die Produktivität ostdeutscher Unternehmen 20 bis 25 Prozent unter der vergleichbarer westdeutscher Firmen liegt.

Hat Sie das überrascht – fast 30 Jahre nach der Wende?

Ja, das hat uns schon überrascht. Es ist ja bekannt, dass die ostdeutsche Wirtschaft um 25 bis 30 Prozent weniger produktiv ist als die westdeutsche. Die gängige Meinung dazu war bisher, dass das mit der Struktur der Wirtschaft im Osten zu tun hat. Es gibt dort weniger große Unternehmen, die meist produktiver sind als kleine.

Wir haben jetzt aber festgestellt, dass auch gleich große Unternehmen im selben Sektor weniger produktiv sind. Das heißt, die Struktur der ostdeutschen Wirtschaft erklärt nicht, dass das Pro-Kopf-Einkommen in Ostdeutschland  20 bis 30 Prozent geringer ist.

Welche Ursachen sehen Sie dafür, dass vergleichbare Unternehmen im Osten weniger produktiv sind?

Wir wissen das noch nicht genau, aber wir haben Theorien. Wir glauben, das hat mit der Subventionspolitik im Osten zu tun. Wenn man ein Unternehmen subventioniert, um Arbeitsplätze zu erhalten, dann beschäftigt es am Ende zu viele Arbeitnehmer. Das hatte natürlich den Vorteil, dass die Arbeitslosenzahlen geringer ausgefallen sind. Aber wir haben über Subventionen ostdeutsche Unternehmen unproduktiver gemacht. Das wird sich erst ändern, wenn wir aufhören, die Unternehmen zu subventionieren.

Aber wenn die untersuchten Firmen die gleiche Beschäftigtenzahl haben, nahezu gleiche Produkte herstellen, dann müsste man doch annehmen, dass die ostdeutschen Firmen in ihrer technischen Ausstattung nicht auf der Höhe der Zeit sind.

Wir haben uns die Kapitalausstattung angeschaut: wie viel Kapital nutzen die Unternehmen, um Produkte herzustellen. Und da sind die Unterschiede zwischen Ost und West sehr, sehr klein. Aber die ostdeutschen Firmen produzieren mit mehr Arbeitskräften. Wenn in Westdeutschland ein Arbeitnehmer an der Maschine steht, dann sind es in Ostdeutschland zwei. Sie verdienen dann auch noch jeweils schlechter. Das sind Arbeitskräfte, die die Unternehmen vielleicht ohne Subventionen nicht eingestellt hätten

Über Subventionen sind viele Firmen im Osten erhalten worden. War es also aus Ihrer Sicht grundsätzlich falsch, die Firmen zu subventionieren?

Bis Ende der 1990er Jahre war das nicht falsch, Unternehmen zu subventionieren, um Arbeitsplätze zu erhalten und Abwanderung zu verhindern. Aber wir hätten in den letzten 20 Jahren damit aufhören sollen, Unternehmen zu bezahlen, damit sie Leute einstellen. Das Geld hätte man besser verwenden können.

Wie hätte man es denn ausgeben sollen?

Wir haben uns sehr darauf konzentriert, teure Industriearbeitsplätze zu erhalten. Die sind im Osten aber trotzdem verloren gegangen, aber im Westen auch. Wir sollten uns überlegen, wo es Zuwächse gibt, und das ist der Dienstleistungssektor. Man sollte digitale Infrastrukturen in Städten aufbauen, so dass sie attraktiv sind für junge Unternehmen. Wir haben den Produktivitätsunterschied künstlich erhalten.

Sie sagen, die strukturschwachen Gegenden im Osten, das sind die Städte. Wie meinen Sie das?

Der Unterschied im Pro-Kopf-Einkommen auf dem Land im Osten im Vergleich zum Land im Westen ist viel kleiner als der Unterschied zwischen Stadt Ost und Stadt West. Die meisten Subventionen pro Kopf sind in ländliche Regionen geflossen. Wir haben die Städte vernachlässigt. Wir haben uns zu  stark darauf konzentriert, Arbeitsplätze auf dem Land zu erhalten und nicht in den Städten. Das war vielleicht gerade verkehrt. Wir sollten besser das Niveau ostdeutscher Städte an das westdeutscher heranbringen. Es ist sinnvoller, Subventionen in den Städten auszugeben. Dort, wo pro Kopf der höchste Ertrag erzielt werden kann. In den Städten wohnen einfach mehr Menschen, da lohnt sich die Investition mehr. Das Land hingegen sollte sich auf seine Vorteile konzentrieren und eigene Strategien entwickeln, wie es attraktiv sein kann für bestimmte Bevölkerungsgruppen.

Die Uckermark gehört zu den Regionen, die am stärksten gefördert worden sind. Aber dort ist das Geld vor allem in eine Raffinerie oder Papierfabriken geflossen, zum Beispiel in der Stadt Schwedt.

Wenn wir das international betrachten, etwa die großen Ballungsräume in den USA und China, dann gilt gerade noch Berlin als Stadt. Schwedt ist eine Kleinstadt. Geld in Arbeitsplätze in der Papierindustrie zu investieren, ist sehr teuer, und das ist vielleicht nicht gerade die Zukunftsbranche. Ein Arbeitsplatz, der in den Buna-Werken in Schkopau (Chemiebranche – d. Red.) erhalten wurde, hat eine Million Euro gekostet. Hätte man das Geld nicht in zukunftsträchtigen Sektoren einsetzen können?

Die Uckermark hat in Ostbrandenburg immer noch eine der höchsten Arbeitslosenquoten, eine teils schlechte Verkehrsanbindung an Berlin. Wie kann man einer solchen Region denn auf die Füße helfen?

Ich befürchte eben, dass man das nicht kann. Ich glaube, dass wir uns am Ende aus Effizienzgründen – also, wo ist ein Euro am besten angelegt – nicht auf solche Gegenden konzentrieren können. Wir sollten uns verstärkt darauf konzentrieren, die Infrastruktur für Digitalisierung, für Dienstleistungen in den größeren Städten zu errichten. Aber nicht darauf, veraltete Arbeitsplätze auf dem Land zu erhalten.

Kann Ostdeutschland in der Produktivität aufholen oder bleibt der Osten das arme Deutschland?

Es gibt keinen Grund, warum Ostdeutschland auf lange Sicht ärmer sein sollte als der Westen. Außer, die Politik will es so. Im Moment will es die Politik noch so.

Aber ich bin immer optimistisch, dass man auch eine neue Politik machen kann.

Fakten zur Studie

Das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) wurde 1992 gegründet. Es untersucht insbesondere langfristige Wachstums- und Aufholprozesse. Erste Ergebnisse der Studie zur Produktivität ostdeutscher Firmen wurden  vergangene Woche auf dem Ostdeutschen Wirtschaftsforum in Bad Saarow vorgestellt. Basis für die Analyse sind Zahlen zu Unternehmen, die das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit erhoben hat.

Schlagwörter

Leserforum

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte oben rechts an. Falls Sie noch keinen Login haben, registrieren Sie sich bitte.

Alle Leserkommentare geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen des Autors wieder und sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte übernimmt die Redaktion keinerlei Gewähr.

Ihr Kommentar zum Thema

Kommentartitel
Name
(öffentlich sichtbar)
Email
(wird nicht veröffentlicht)
(Ihr Name wird auch in der Zeitung veröffentlicht. Die Adresse wird nicht veröffentlicht.)
© 2018 MOZ.de Märkisches Medienhaus GmbH & Co. KG