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Hilferuf
Sozialpark ist in Existenznöten

Ehrenamtlerin im Sozialpark: Ludmilla Geier
Ehrenamtlerin im Sozialpark: Ludmilla Geier © Foto: MOZ Gerd Markert
Jens Sell / 07.12.2018, 07:00 Uhr
Strausberg (MOZ) Der Sozialpark Märkisch-Oderland ist in seinen Grundfesten erschüttert: Nachdem der Landkreis ihm die Migrationserstberatung entzogen und der Caritas übertragen hat, sieht der Verein seine Existenzgrundlage schwinden. Die Caritas ihrerseits stößt wegen der großen Nachfrage von Migranten an ihre Grenzen.

Ludmilla Geier hatte es übernommen, den Hilferuf des Sozialparks Märkisch-Oderland den Stadtverordneten vorzutragen. Die Tanzpädagogin, die vorwiegend mit Aussiedler- und Flüchtlingskindern ehrenamtlich im Sozialpark in der Hegermühle arbeitet und ein Weihnachtsprogramm einstudiert hat, bat die Stadt um Hilfe. Die Dinosaurier der Migrationsarbeit, Edelgard Neukirch und Harri Seeländer, ziehen sich gesundheits- und altersbedingt aus dem Vorstand zurück. Seit 1994 hatten sie sich zunächst im Aussiedlerheim Rotes Luch, Waldsieversdorf, und dann in Strausberg um die Integration von ausländischen Mitbürgern bemüht. Vor wenigen Jahren war der Sozialpark mit dem Heim in Garzau der einzige Betreiber einer Flüchtlingsunterkunft im Landkreis. Als noch einschneidender für die Existenz des 1997 gegründeten Vereins erweist sich aber, dass der Landkreis im vergangenen Jahr den Auftrag zur Migrationserstberatung dem Sozialpark entzogen und der Caritas Strausberg übertragen hat. Die damit verbundenen 50 000 Euro Personalkosten rissen in die materielle Grundlage des Sozialparks ein Riesenloch. „Denn die langjährige Beratungskraft hat inzwischen eine erhebliche Kündigungsfrist und muss so lange noch bezahlt werden, ohne dass wir das vom Kreis refinanziert bekommen“, erläuterte Ludmilla Geier einen Teil der Kalamität. Die Mitarbeiterin macht nun erst einmal ehrenamtlich weiter. Denn: Die Zahl der Anfragen sinkt nicht etwa, sondern steigt stetig.

Inzwischen habe es sich etwas eingespielt, sagt Ludmilla Geier. „Die Caritas macht die Erstberatung, wir die soziale Beratung.“ Nicht nur Ludmilla Geier ist klar: Dass in Strausberg die beträchtliche Zuwanderung so ruhig und friedlich verläuft,  ist zu einem ganz erheblichen Teil Verdienst des Wirkens des Sozialparks, und das seit vielen Jahren. Dabei spielt die soziale Migrationsberatung die Hauptrolle: „Von 571 Rat Suchenden hatten 519 Probleme mit dem Jobcenter“, berichtete Ludmilla Geier aus der Novemberstatistik. Bei der sozialen Migrationsberatung geht es auch um Anträge an das Landesamt für Soziales und Versorgung, um bürokratische Voraussetzungen für Heirat oder Scheidung oder Gerichtstermine. „Und es werden nicht weniger Rat Suchende, sondern immer mehr“, sagte Ludmilla Geier. Die Caritas habe betont, dass sie völlig überlastet sei, und sie verweise dann an den Sozialpark: „Wie soll das aber 2019 weitergehen? Wir können  es nicht mehr leisten! Es geht um Strausberger Bürger“, appellierte sie an die Stadtverordneten: „Sehen Sie eine Möglichkeit, unser Angebot aufrechtzuerhalten?“

Stadtverordneter Matthias Michel (Die Fraktion: grün, liberal, bürgernah) bekräftigte die Aussagen Ludmilla Geiers : „Die Caritas ist überfordert. Und die Rat Suchenden kommen zu 100 Prozent aus Strausberg. Wenn es diese soziale Beratung vom Sozialpark nicht gäbe, bedeutete das höhere Kriminalität und Obdachlosigkeit. Es ist in unserem eigenen Interesse, den Sozialpark aufrechtzuerhalten.“ Sibylle Bock, die Vorsitzende der SPD-Fraktion, sieht das anders: „Ich kann das ja nachvollziehen, dass Sie Ihr Projekt retten wollen“, sagte sie zu Ludmilla Geier, „aber ich sehe es als kreisliche Aufgabe. Wir können das als Kreistagsabgeordnete mitnehmen und dort ansprechen. Ich rate Ihnen, sich um andere Projekte zu bewerben, um Ihre Beratungstätigkeit dann mit abzusichern, das machen andere Vereine doch auch so.“ Auch Alt-Bürgermeister Jürgen Schmitz (Grün, liberal, bürgernah) hatte sich zuvor kritisch zu dem Ansinnen geäußert: „Soll jetzt die Stadt einspringen und 50 000 Euro für Beratungsleistungen für den Landkreis übernehmen? Das ist doch wohl eine Aufgabe für Märkisch-Oderland!“

Sozialausschussvorsitzender Gregor Weiß kündigte an, das Problem in die nächste Sitzung einzubringen, und bat die Verwaltung, einen Gesprächstermin mit Landkreis, Caritas und Sozialpark MOL zu organisieren. Das bekräftigte  Stadtverordnetenvorsteher Steffen Schuster: „Bürgermeisterin Elke Stadeler sollte kurzfristig mit dem Landrat Kontakt aufnehmen, um Wege zu suchen, damit Sie, Frau Geier, mit Ihrem Verein diese Arbeit weitermachen können.“

Der Caritas-Beauftragte für den Landkreis Märkisch-Oderland, Stefan Krug, stellt klar: „Wir sind mit der Migrationsberatung sehr gefordert, so weit richtig, aber ich kann  keine Überforderung erkennen.“ Für den Sprecher des Landkreises, Thomas Berendt, handelt es sich um ein normales Verfahren: „Der Vertrag mit dem Sozialpark war ausgelaufen. Wir bekommen Landesförderung für 4,1 Integrationsfachberaterstellen. Die haben wir ausgeschrieben und an vier Träger – die Johanniter, den IB, den ASB und die Caritas – vergeben.“

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