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Ein baden-württembergisches Unternehmen will in Bolivien Rohstoff für Batterien in großem Maßstab fördern

Batterien
Deutsche „Lithium-Offensive“

Dieter Keller / 13.12.2018, 08:30 Uhr
Berlin (NBR) Großer Auftrieb im Botschaftsviertel: Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier und seine baden-württembergische Amtskollegin Nicole Hoffmeister-Kraut (beide CDU) kamen eigens in die baden-württembergische Landesvertretung.

Und das, um bei der Gründung eines Gemeinschaftsunternehmens zwischen dem bolivianischen Staatskonzern YLB mit der ACI Systems Alemania (Acisa) aus Zimmern ob Rottweil dabei zu sein. Die Firma soll in großem Maßstab Lithium abbauen, das für die Produktion von Batterien insbesondere für Elektroautos gebraucht wird.

Altmaier hofft so, seinem großen Ziel ein Stück näher zu kommen, dass Deutschland ein führender Standort für die Batteriezellfertigung wird. Dafür ist viel Lithium nötig, und dessen weltweite Nachfrage könnte sich bis 2025 vervierfachen. „Die deutsche Industrie tut deshalb gut daran, sich ihren Bedarf zu sichern, um nicht in Rückstand und Abhängigkeit zu geraten.“

Die Anwesenheit des bolivianischen Außenministers Diego Pary Rodrigues und seines Energie-Kollegen Rafael Alarcón Orihuela  unterstrich, wie wichtig das Projekt dem südamerikanischen Land ist. Rodrigues betonte, die Entscheidung für einen deutschen Partner sei eine strategische Entscheidung. „Wir wollen nicht nur ein Land sein, das Rohstoffe exportiert.“

Lithium gilt als das „weiße Gold“ der Anden, weil der Grundstoff für die Produktion von Batterien insbesondere von Elektroautos, aber auch etwa von Mobiltelefone benötigt wird. Bolivien besitzt im Salzsee Salar de Uyuni mit über neun Millionen Tonnen die größten Reserven der Welt. Jetzt will es eine eigene Industrie nicht nur für die Gewinnung der Rohstoffe aufbauen, sondern auch eine Produktion von Kathodenmaterial und Batteriesystemen.

Acht internationale Konsortien durften ihre Vorschläge einreichen. Den Zuschlag erhielten aber nicht die Chinesen, die  weltweit in die Rohstoffindustrie drängen, sondern der deutsche Mittelständler ACI, der ab 2004 von Wolfgang Schmutz aufgebaut wurde.

Der studierte Maschinenbauer startete seine Berufslaufbahn 1980 als Abteilungsleiter im Bereich Halbleiterfertigungsgeräte und Reinraumprüfzentren am Fraunhofer-Institut in Stuttgart. Zu seiner Firmengruppe, die sich mit Produktionslösungen für die Photovoltaik-, Batterie- und Automobilindustrie beschäftigt, gehört Acisa.

Nachdem sich die Bolivianer im Oktober  für den deutschen Partner entschieden hatten, wurden  jetzt die Verträge für das Gemeinschaftsunternehmen YLB-Acisa unterschrieben, an dem der bolivianische Staatskonzern mit 51 Prozent die Mehrheit hält.

Die Produktion soll in der zweiten Jahreshälfte 2021 starten. Bis Ende 2022 sollen rund 300 Millionen Euro investiert werden, um jährlich 35 000 bis 40 000 Tonnen Lithiumhydroxid produzieren zu können. Dadurch sollen im Unternehmen in Bolivien direkt etwa 1000 Arbeitsplätze entstehen und zehnmal so viele im Umfeld. Eine erste Anlage für 15 000 Tonnen Lithiumkarbonat wurde bereits im Salar de Uyuni vom Thüringer Unternehmen K-Utec gebaut. Es hat seine Ursprünge im Kali- und Salzsteinbergbau der DDR und plant, weltweit Anlagen für die salzverarbeitende Industrie. K-Utec hofft auch auf den Zuschlag für die Planung der Acisa-Anlage.

Die Beteiligten streichen sehr heraus, dass die Produktion nachhaltig, umwelt- und sozialverträglich sein soll. Ein neues Verfahren halbiere den Wasserverbrauch, und 20 bis 30 Prozent des Energiebedarfs sollen in einer eigenen Photovoltaikanlage produziert werden. Damit versuchen sie Vorwürfen vorzubeugen, die Produktion in 3600 Metern Höhe zerstöre die Umwelt. Auch soll eine Stiftung gegründet werden, in die Teile des erwirtschafteten Gewinns fließen, um junge Menschen im Land auszubilden und zu qualifizieren.

In einem Standard-Akku für Elektroautos stecken je nach Modell etwa sechs bis 13 Kilogramm Lithium, in einem Handy-Akku dagegen nur drei Gramm des Leichtmetalls. Zuletzt wurden weltweit etwa 43 000 Tonnen gefördert, wobei Australien an erster Stelle lag, gefolgt von Chile und Argentinien.

Experten erwarten, dass sich die Nachfrage bis 2025 verfünffacht. Die Batterie macht 30 bis 40 Prozent des Werts eines Elektroautos aus. Dazu steuere die Rohstoffgewinnung und -aufbearbeitung etwa zwei Drittel bei, unterstrich Hoffmeister-Kraut die Bedeutung des Unternehmens.

Bolivien

Bolivien gilt als das ärmste Land Südamerikas. Mit 1,1 Millionen Quadratkilometern ist es zwar dreimal so groß wie Deutschland. Aber das Land ohne eigenen Meerzugang hat nur 11,1 Millionen Einwohner. Regierungssitz ist La Paz, das auf Höhen zwischen 3200 und 4100 Metern liegt und damit als höchstgelegener Regierungssitz der Welt gilt.

Seit 1825 ist Bolivien - die frühere Kolonie Spaniens - unabhängig.

Präsident ist der Sozialist Evo Morales. Der dienstälteste Staatschef Südamerikas ist schon seit 2006 im Amt und hat mit den Erdgasmilliarden die Armen mit Sozialprogrammen beschenkt. Um erneut antreten zu können, wollte er vor zwei Jahren die Verfassung ändern lassen. Er scheiterte aber bei einer Volksabstimmung knapp. Doch mit Tricks will er bei der nächsten Präsidentenwahl 2019 erneut antreten.

Trotz seines Reichtums an Bodenschätzen ist das Land arm. Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf lag 2017 bei 7547 Dollar – zum Vergleich: Deutschland kam auf 44 550 Dollar. Im Agrarsektor arbeitet immer noch ein erheblicher Teil der Bevölkerung. Eine wichtige Einnahmequelle ist Erdgas, das überwiegend exportiert wird. ⇥dik

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Botschaftsviertel Diego Pary Rodrigues Batterie Evo Morales Landesvertretung

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