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Azubi gesucht
Technisches Verständnis und ruhige Hand

Am Mikroskop: Benjamin Knoll (28), Hörgeräteakustikmeister aus Eberswalde, arbeitet in seinem Bad Freienwalder Büro an einem Hörgerät.
Am Mikroskop: Benjamin Knoll (28), Hörgeräteakustikmeister aus Eberswalde, arbeitet in seinem Bad Freienwalder Büro an einem Hörgerät. © Foto: Steffen Göttmann/MOZ
Steffen Göttmann / 15.12.2018, 07:15 Uhr
Bad Freienwalde (MOZ) Sie sind gefragt wie nie ­– Brandenburgs Handwerker. Ihre Berufe vereinen klassische Fähigkeiten mit moderner Technik. Wir zeigen, was junge Leute im Handwerk werden können und stellen Betriebe vor, die ausbilden. Heute: Hörgeräte Knoll GmbH in Eberswalde, Bad Freienwalde, Finow und Joachimsthal.

Rainer und Benjamin Knoll suchen dringend einen Auszubildenden. Was kaum einer weiß: Hörgeräteakustiker ist ein alter Handwerksberuf, den es bereits seit dem 16. Jahrhundert gibt. Er unterstützt Menschen, die aus Altersgründen, wegen Krankheit und Unfälle ihr Hörvermögen teilweise oder ganz verloren haben.

„Mein Vater will sich irgendwann aus dem Unternehmen zurückziehen“, sagt Benjamin Knoll (28), Juniorchef des Unternehmens und seit sechs Jahren Hörgeräteakustikmeister. Die Arbeitskraft, die Rainer Knoll ersetzen soll, wollen sich beiden selbst heranziehen. Der Betrieb, der 1993 gegründet wurde, gibt aktuell drei Meistern, einem Gesellen und einer Büroangestellten Lohn und Brot.

Der Beruf des Hörgeräteakustikers erfordere ein hohes Maß an technischem Verständnis, aber auch soziale Kompetenz, um die individuellen Hörverluste der jeweiligen Kunden zu erkennen, sagt Benjamin Knoll. Ziel sei es, die Standardausrüstung eines Hörgerätes mit zusätzlicher Technik so zu nutzen, um sie auf Bedürfnisse des einzelnen Kunden einzustellen.

Das Büro von Hörakustik Knoll in der Königstraße in Bad Freienwalde ist bescheiden eingerichtet. Neben einem Schreibtisch mit Computer, findet sich ein Tisch mit einem Mikroskop – ein wichtiges Arbeitsinstrument des Hörgeräteakustikers. Er benötigt es, um Einstellungen an Hörgeräten vornehmen zu können. Winzige Schrauben müssen mit einer Pinzette entfernt oder eingedreht werden. Ein gutes Auge, Geschick und eine ruhige Hand sind gefragt. Am Sitz der Firma in der Weinbergstraße  in Eberswalde ist dem Ladengeschäft eine Werkstatt angegliedert. Dort könnten die Kunden an einem großen Monitor die Arbeit an ihren Hörgeräten verfolgen, berichtet Benjamin Knoll.

Der Auszubildende müsse neben technischem Verständnis Kenntnisse in Mathematik, Physik, Biologie mitbringen und die englische Sprache beherrschen, um Fachliteratur lesen und verstehen zu können, ergänzt der Hörgeräteakustikmeister. Die Mindestvoraussetzung wäre ein Realschulabschluss, wünschenswert jedoch Abitur. Der Auszubildende müsse lernen, mit feinster Messtechnik umzugehen. Dazu gehört die Insitu-Messung, wobei ein kleines Mikrofon in den Gehörgang eingeführt wird. Es stellt fest, wie viel Schall am Trommelfell ankommt. Die Messung erfolgt beispielsweise mit und ohne Hörgerät. Der Hörgeräteakustiker wertet die Testergebnisse aus  und stellt das Hörgerät so ein, dass es den Kunden bestmöglich hilft. „Man muss immer sehr genau arbeiten“, unterstreicht Benjamin Knoll.

Handwerkliche Technik sei auch beim Gießen der Otoplastiken gefragt, so der Meister. Der Begriff setzt sich aus den griechischen Worten für Ohr und Formen zusammen, das heißt, das das Ohr oder Teile davon aus Kunststoff nachempfunden werden, um Hörgeräte ans Ohr anzubinden. „Es ist wie der Autoreifen bei Fahrzeugen“, erläutert Benjamin Knoll. So kommt das Gerät zum Ohr. Die Firma gießt jedoch heute nicht mehr selbst, sondern bezieht die Teile von anderen Spezialisten.

Benjamin Knoll ist erst auf Umwegen in seines Vaters Fußstapfen getreten. „Es war nicht der vorprogrammierte Weg“, betont er. Zuerst wollte er Kfz-Mechatroniker werden, dann absolvierte er eine Ausbildung zum Krankenpfleger und schließlich zum Erzieher. Als im Betrieb Not am Mann war, half er vier Wochen aus. Dies gab den Abstoß zum Beruf des Hörgeräteakustikers. Nach drei Jahren Lehre schaffte er die Gesellenprüfung. Seit 2012 ist er Meister.

Die sozialen Berufe verschafften ihm das Rüstzeug für das Handwerk. „Man muss lernen, mit ganz unterschiedlichen Menschen umzugehen“, sagt der Hörgeräteakustiker. Das Klientel seien in der Regel ältere Menschen. Wichtig sei es, alle technischen Möglichkeiten auszuschöpfen,  um das Hören so gut wie möglich wieder herzustellen. Dabei sei es auch wichtig, die Fingerfertigkeit des Kunden mit einzubeziehen. „Man muss sich in die Menschen einfühlen können, um das Hörgerät anzupassen“, so der Handwerksmeister. „Ich muss aus dem Gespräch herausfinden, welches spezielle Hörgerät am besten passt.“ Die Beziehung zu einem Kunden beginne daher mit einem Einführungsgespräch, das in der Regel eine Stunde dauert und wobei alle Daten abgefragt werden. Wichtig sei es, stets auf dem, neuesten Stand der Technik zu sein, erklärt Knoll.

1996 zum Beispiel hielt digitale Technik Einzug auf dem Markt,  die Geräte wurden immer kleiner. 2004 fanden erstmals Bluetooth-Verbindungen Einsatz im Hörgerät. Dadurch wurde eine drahtlose Übertragung von Fernsehgeräten und auch Telefonen möglich. 2011 kamen die ersten wasserfesten Hörgeräte auf den Markt und seit 2013 ist es möglich, das Hörgerät über das Handy lauter zu stellen, aber auch unterschiedliche Hörprogramme zu nutzen Die Entwicklung setzt sich rasant fort.

Dabei fing es im 16. Jahrhundert ganz bescheiden an. Mit Hilfe von Muscheln und Tierhörnern am Ohr versuchte man, den Schall besser „einfangen“ zu können. Im frühen 18. Jahrhundert kam das Hörrohr auf.

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