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Sparkassen-Präsident
Helmut Schleweis: "Wir sorgen uns um die Sparkultur"

Helmut Schleweis, Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes (DSGV) sieht die regional ausgerichteten Sparkassen auf einem guten Weg
Helmut Schleweis, Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes (DSGV) sieht die regional ausgerichteten Sparkassen auf einem guten Weg © Foto: dpa/Arne Dedert
Dieter Keller und Hajo Zenker / 07.05.2019, 06:15 Uhr - Aktualisiert 07.05.2019, 11:22
Berlin (NBR) Mit der Digitalisierung beschäftigt sich Helmut Schleweis nicht nur in der Theorie. Der Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbands (DSGV) trägt auch ganz selbstverständlich eine Smartwatch am Handgelenk. Im Interview erläutert er Dieter Keller und Hajo Zenker, wie sich die Sparkassen-Gruppe auf die vielfältigen Herausforderungen vorbereitet.

Die Fusion der Deutschen Bank mit der Commerzbank ist gescheitert. Ist das gut für die Sparkassen?

Helmut Schleweis: Die Kreditwirtschaft ist weltweit in Bewegung. Die beiden Banken sind zu dem Ergebnis gekommen, dass eine Fusion keinen Sinn macht. Das nehmen wir zur Kenntnis. Der deutsche Bankenmarkt ist von einem intensiven Wettbewerb geprägt, das ist gut für die Kunden. Die Sparkassen stellen sich diesem Wettbewerb in allen Regionen Deutschlands.

Braucht Deutschland eine große Bank, wie es oft heißt?

Wir brauchen vor allem stabile Banken. Größe allein ist kein Wert an sich. Die Bankenstruktur muss die Wirtschaftsstruktur abbilden. Deutschland wird von kleinen und mittelständischen Betrieben getragen. Deswegen brauchen wir neben den Großbanken, die beispielsweise Partner der Großindustrie sind, eben auch Kreditinstitute, die auf ihre jeweilige Region ausgerichtet sind. Deutschland ist mit der dreisäuligen Struktur aus Privatbanken, genossenschaftlichen Instituten und öffentlich-rechtlichen Sparkassen sehr erfolgreich – ich sehe keinen Grund daran etwas zu ändern.

An Fusionen denken Sie auch im eigenen Bereich. Sie sind angetreten, die sieben Landesbanken zu einer supergroßen Landesbank zu machen. Das stößt bei vielen auf wenig Begeisterung. Warum wäre es so wichtig?

Das Ziel ist nicht eine supergroße Landesbank. Ich glaube, dass wir ein Sparkassen-Zentralinstitut brauchen, das auf die Bedürfnisse der Sparkassen und ihrer Kunden ausgerichtet ist, um die Gruppe insgesamt zukunftsfest zu halten. Dazu gehören Teile der Geschäfte, die derzeit mehrfach in unserer Gruppe angeboten werden.

Beispielsweise?

Zugang zum Kapitalmarkt oder das Auslandsgeschäft. Wir stehen vor der interessanten Diskussion, ob die Gruppe insgesamt von der Notwendigkeit eines Zentralinstitutes überzeugt ist. Wenn ja, müssen wir sehen, wie wir dahin kommen. Es wird sicherlich keinen Big Bang geben. Dafür gibt es zu viele Beteiligte und unterschiedliche regionale Interessen. Ich bin aber überzeugt, dass wir zu Lösungen kommen können. Aber das ist kein Sprint, sondern ein Marathonlauf, und die Zielgerade ist noch nicht in Sicht.

Welchen Zeitrahmen haben Sie sich gesteckt?

Keinen, denn zeitliche Vorgaben würden die Diskussionen unnötig belasten. Die Sparkassen brauchen und wollen diese Bank. Deswegen bin ich überzeugt davon, dass sie auch kommt. Wann, müssen wir sehen – jetzt geht es darum, mit Argumenten zu überzeugen. Daran arbeiten wir.

Es gibt bundesweit noch 384 Sparkassen. Ist das zeitgemäß angesichts von Digitalisierung und der Konzentration der Menschen in Metropolregionen?

Sparkassen bilden den jeweiligen Wirtschaftsraum ab, da ist die Größe des Instituts nicht entscheidend. Die Nähe zum Kunden und die Kenntnis der spezifischen Region muss vorhanden sein, dass macht Sparkassen so erfolgreich. Wenn Institute derzeit fusionieren müssen, geschieht das in aller Regel, weil die überbordende Regulierung für kleine Institute nicht mehr allein zu schaffen ist. Ich halte das für eine falsche Entwicklung. Als Fan kleinerer Einheiten begrüße ich es, wenn die Zahl der Sparkassen so groß wie möglich bleibt. Die Zahl der Sparkassen wird auch in Zukunft leicht zurückgehen, eine Fusionswelle sehe ich nicht.

Immer wieder schließen Sparkassen Filialen, weil sie sich durch Digitalisierung und Online-Banking nicht mehr rechnen. Wie viele gehen in den nächsten zehn Jahren noch verloren?

Auch die Sparkassen müssen sich an wirtschaftliche und demografische Entwicklungen anpassen. Wo kein wirtschaftliches Leben mehr ist, wo Bäcker, Metzger und die örtliche Apotheke schließen, kann sich auf Dauer auch keine Sparkassen-Filiale mehr halten. Für solche Orte machen die Institute dann kreative Ersatzangebote. Wer sich die Zahlen der vergangenen Jahre genau anschaut stellt fest, dass mehr Filialen in urbanen Regionen als auf dem flachen Land geschlossen wurden. Das heißt, Sparkassen bleiben natürlich überall in der Fläche präsent. Denn bei wichtigen Lebensentscheidungen erwarten die Kunden weiter eine kompetente Beratung. Und die bekommen sie bei ihrer Sparkasse.

Es gibt zunehmend Kunden, die glauben, ganz ohne Beratung auszukommen. Sie wählen deshalb eine Direktbank. Wird sich die Sparkassen-Gruppe eine eigene Direktbank zulegen?

Es gibt in der Gruppe ja bereits verschiedene Angebote. Hier ein zentrales Angebot zu schaffen, ist für uns kein ganz neues Thema. Die Diskussion darüber ist aber noch nicht abgeschlossen. Eine Festlegung gibt es bisher nicht.

Bis wann sollte es sie denn geben?

Ich kann hier keinen Zeitdruck erkennen. Wir haben auch im vergangenen Jahr wieder einen Netto-Zuwachs bei den Girokonten gehabt – da läuft im Augenblick nichts weg.

Aber das hat ja auch etwas mit der Attraktivität für junge Leute zu tun.

Ich glaube schon, dass wir für junge Leute attraktiv sind. Wir haben laut Stiftung Warentest die beste Banking-App. Man kann die Sparkasse so nutzen, wie man möchte: klassisch in der Filiale, digital oder mobil mit dem Smartphone. Oder in einer selbst gewählten Mischung. Das Geschäftsmodell von Sparkassen bietet jedem was er möchte.

Gerade bei Jüngeren sind neue Bezahlmethoden auf dem Vormarsch, auf dem Smartphone, auf der Computeruhr. Eine davon ist Apple Pay. Wann kann ich das auch als Sparkassenkunde nutzen?

Bei aller deutschen Liebe zum Bargeld wollen immer mehr Bürger elektronische Verfahren nutzen, auch auf dem Smartphone. Und wir richten uns nach dem Kundenbedarf. Also sollen auch Sparkassen-Kunden mobil mit dem Smartphone bezahlen können, ob nun mit dem Betriebssystem Android oder mit Apples iOS. Für Android haben wir eine eigene App im Markt. Mit Apple sind wir derzeit in guten Gesprächen zu Apple Pay.

Können Sie sich vorstellen, dass es auch in Deutschland auf absehbare Zeit so sein wird wie heute schon in China, wo fast alles mit dem Smartphone und fast nichts bar bezahlt wird?

Mittelfristig sicher nicht. Die Zahl derjenigen, die mobile Angebote nutzt, nimmt zu. Aber ich glaube, dass Bargeld bei uns länger von Bedeutung sein dürfte als anderswo. Deutschland wird noch lange ein Bargeldland sein.

Ein zentrales Thema für Sparer ist, dass es faktisch keine Zinsen mehr gibt. Wie lange wird das noch so bleiben?

Das ist ein bedauerlicher Zustand. Wir würden es deshalb begrüßen, wenn sich die Europäische Zentralbank bei diesem Thema bewegen würde. Nach derzeitiger Einschätzung ist das für dieses Jahr allerdings nicht mehr zu erwarten. Prognosen sagen, dass das frühestens in der zweiten Jahreshälfte 2020 der Fall sein dürfte. Wir sorgen uns durchaus um die deutsche Sparkultur: Verlernen wird das Sparen? Deshalb versuchen wir, die Kunden an das Thema Wertpapiersparen heranzuführen. Wenn man im derzeitigen Zinsumfeld Vermögenszuwächse erzielen will, kommt man an der Börse nicht vorbei.

Und das ist den Sparkassen-Kunden zu vermitteln?

Ja, natürlich. Obwohl Deutschland keine ausgeprägte Wertpapierkultur hat. Aber es ist eine Chance, vom geschäftlichen Erfolg von Unternehmen zu profitieren. Das wird zunehmend erkannt.

Derzeit machen eher Enteignung und Verstaatlichung Schlagzeilen.

Als überzeugter Marktwirtschaftler halte ich nichts von solchen Rezepten. Allerdings war die Privatisierung von Wohnraum oder von Infrastruktur wohl auch nicht die beste Idee. Insofern macht es ja Sinn, Diskussionen darüber, wie wir zu mehr Verteilungsgerechtigkeit kommen können, anzustoßen. Dazu gehört dann auch die Schaffung bezahlbaren Wohnraums. Wenn der Staat hier etwas tun will, dann muss er gezielt fördern – etwa den sozialen Wohnungsbau.

Ein Leben für die Sparkassen

Der Deutsche Sparkassen- und Giroverband (DSGV) ist der Dachverband der Sparkassen-Finanzgruppe. Zu ihr gehören neben den bundesweit 384 Sparkassen auch sieben Landesbanken, der Fonds-­Anbieter Dekabank, acht Landesbausparkassen und elf Versicherer. Der DSGV koordiniert ihre Aktivitäten und verwaltet die Einlagensicherung der Sparkassen-­Gruppe.

Seit 1. Januar 2018 ist Helmut Schleweis (64) Präsident des DSGV. Der gebürtige Heidelberger arbeitete sich in seiner Heimatstadt vom Bankkaufmanns-Lehrling bis zum Vorstandsvorsitzenden der Sparkasse hoch. Diesen Posten hatte er 16 Jahre lang inne.

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