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Ostdeutsches Wirtschaftsforum
Der Mix macht es

Beim Ostdeutschen Wirtschaftsforum (OWF) in Bad Saarow geht es unter anderem um das Verhältnis der neuen Länder zu Europa und zur Digitalisierung.
Beim Ostdeutschen Wirtschaftsforum (OWF) in Bad Saarow geht es unter anderem um das Verhältnis der neuen Länder zu Europa und zur Digitalisierung. © Foto: Ina Matthes/MOZ
Ina Matthes / 21.05.2019, 08:30 Uhr
Bad Saarow (MOZ) Zur Wende 1990 hatte Ostdeutschland etwa das Wirtschaftsniveau, das Westdeutschland 1962 hatte.

Heute liegt der Osten im Vergleich zum Westen auf dem Level von 1987. "Wir haben immer noch einen Abstand von nahezu 30 Jahren", sagte Joachim Ragnitz, Leiter des Ifo-Instituts in Dresden, zum Auftakt des Ostdeutschen Wirtschaftsforums am Montag in Bad Saarow.

Nach den Prognosen seines Ins­­tituts wird der Osten diesen Rückstand bis 2035 auch nicht aufholen können. Das Hauptproblem sieht Ragnitz in der Bevölkerungsentwicklung im Osten. Das Gebiet der früheren DDR hat nicht nur nach der Wende massiv junge, gut qualifizierte Menschen verloren. Die Geburtenraten sind mit 1,6 Kindern pro Frau niedrig. Zuwanderung qualifizierter Ausländer erfolgt hauptsächlich in die alten Bundesländern – dadurch hat sich die Gesamt-Bevölkerungsentwicklung Deutschlands in den vergangenen Jahren sogar nach oben entwickelt.

Wie kann der Osten das demografische Problem in den Griff bekommen, darum drehte sich die Diskussion mit den ostdeutschen Ministerpräsidenten Reiner Haseloff (Sachsen-Anhalt, CDU) und Bodo Ramelow (Thüringen, Linke) und den Wissenschaftlern Joachim Ragnitz und Reint Gropp vom IWH Halle. Ragnitz sieht den Ausweg aus der demografischen Misere in erster Linie in Zuwanderung aus dem Ausland, aus EU-Ländern und Drittstaaten. In Ostdeutschland mit seinen wenig attraktiven Löhnen kann das aus seiner Sicht nicht allein Sache der Unternehmen sein. "Wir brauchen staatliche Unterstüztung dabei." Von der Bundesregierung gebe es bisher eher Absichtserklärung, auch die Länder müssten mehr tun, kritisierte der Wissenschaftler. Gezielte Anwerbestrategien die Förderung von Ausbildung, Umzugsbeihilfen, Kreditangebote für Arbeitskräfte und möglicherweise auch eine Beschränkung der Freizügigkeit auf die ostdeutschen Länder, um Abwandern Richtung Westen zu verhindern, sieht Ragnitz als Möglichkeiten dafür.

Bei der Politik stießen die Vorschläge auf Widerspruch. Vehement wendete sich vor allem Reiner Haseloff dagegen, die demografischen Probleme allein durch Zuwanderung lösen zu wollen. "Wir müssen für die Familien etwas tun." Haseloff wies auf die aktuellen Probleme bei der Integration der Zuwanderer hin, und er warnte vor dem Abzug von Fachkräften aus Regionen, wo sie gleichfalls dringend gebraucht werden. "Es ist auch eine moralische Frage, dass wir unsere Probleme nicht auf Kosten anderer Nationen lösen." Es brauche einen Mix aus Familienförderung und Zuwanderung.

Haseloffs Thüringer Amtskollege Ramelow plädierte für gemeinsame Zuwanderungszentren mit der Industrie. Integration finde am besten durch die Firmen statt. Angst vor Fremden dürfe nicht weiter geschürt werden in Deutschland. Den wirtschaftlichen Rückstand des Ostens, wie er sich in den Zahlen der Wirtschaftsforscher ausdrück, sieht Ramelow auch darin begründet, dass die Zentralen vieler Unternehmen in den alten Ländern sitzen, Gewerbesteuern dort gezahlt werden. Ramelow forderte zu einem Umdenken im Osten auf. Man habe sich hier daran gewöhnt, den Rückbau zu denken, Schulen und Kitas zu schließen. Erfurt platze derzeit aus allen Nähten, geschlossene Einrichtungen müssten jetzt neu eröffnet werden. "Unsere Aufgabe muss jetzt sein, die Zukunft zu planen."

Das Davos des Ostens

Mehr als 200 geladene Gäste aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik treffen sich auf dem Ostdeutschen Wirtschaftsforum in Bad Saarow. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie der wirtschaftliche Aufholprozess der neuen Länder trotz schwieriger internationaler Rahmenbedingungen vorangetrieben kann. Ein Kernthema der Veranstaltung unter dem Motto "Zeitenwende – wo die Zukunft Ostdeutschlands liegt" ist das Verhältnis der neuen Länder zu Europa. Auch geht es um Konzepte, mit denen die ostdeutsche Wirtschaft die Herausforderungen der Digitalisierung meistern will.

Das "Davos des Ostens" entfaltet im Jubiläumsjahr des Mauerfalls – vor 30 Jahren startete die friedliche Revolution in der damaligen DDR – eine besondere politische Zugkraft. Am Montag diskutierte unter anderem Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) über die von ihm konzipierte Industriestrategie und deren Auswirkungen auf die ostdeutschen Bundesländer.⇥dpa

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