Das Nachrichtenportal für Brandenburg
Startseite Märkische Onlinezeitung - MOZ.de

Startup
Adjust-Chef legt Wert auf Unternehmens-Kultur

Unternehmergeist hatte er schon als Student: Christian Henschel ist in Frankfurt (Oder) aufgewachsen und führt heute das Startup Adjust in Berlin.
Unternehmergeist hatte er schon als Student: Christian Henschel ist in Frankfurt (Oder) aufgewachsen und führt heute das Startup Adjust in Berlin. © Foto: Adjust
Ina Matthes / 09.07.2019, 09:00 Uhr
Berlin (MOZ) Christian Henschel ist an der Oder aufgewachsen und hat in Berlin eine Firma gegründet. Die wächst rasant und legt Wert auf Unternehmens-Kultur.

Früher wurden hier Sachen zum Anfassen hergestellt. Zuerst Brötchen. Dann Brillen. An die Schrippen erinnert ein Mehltrichter, der von einer Bürodecke herabhängt. Von der Brillen-Produktion ist ein abgetrennter Raum mit Glasfronten übrig geblieben. Dort sitzen jetzt Entwickler von Adjust vor ihren Rechnern.

Das Berliner Startup beschäftigt sich mit etwas, das für viele Menschen heute auch ein Lebensmittel ist: Smartphone-Apps. Die IT-Firma entwickelt Programme, die in mehr als 25 000 Smartphone-Anwendungen stecken, zum Beispiel von Zalando. Sie arbeitet mit Konzernen wie Procter&Gamble, Fußballklubs wie Manchester United zusammen.

Seit fünf Jahren sitzt die Firma in der Backfabrik im Prenzlauer Berg, einem mächtigen Ziegelbau mit vielen Startups. Adjust hat dort Räume auf drei Etagen bezogen. "Angefangen haben wir zu dritt in einer 120-Quadratmeter-Wohnung in Pankow", sagt Christian Henschel. Der 44-Jährige ist in Frankfurt (Oder) aufgewachsen und Mitgründer und Chef von Adjust.

Henschel sitzt in schwarzem T-Shirt und Shorts in seinem Büro. Ein kleiner Raum. Schreibtisch am Fenster, runder Tisch in der Ecke. Ein Vorzimmer samt Sekretärin gibt es nicht. Es ist heiß an diesem Tag.  Die Tür steht offen. Sie führt zu einem Raum mit der Weitläufigkeit einer Fabri­ketage, mit Schreibtischen dicht an dicht.

350 Mitarbeiter beschäftigt Adjust heute. Rund 200 arbeiten in Berlin. Die anderen in Büros in 15 Ländern, in New York, Moskau, Tokio. Gerade hat das Unternehmen 227 Millionen Dollar (rund 202 Mio Euro) von Investoren eingesammelt. Adjust entwickelt Software für Firmenkunden. Sie wird von Nutzern mit Apps quasi huckepack aufs Smartphone geladen.

Die Software sagt den Firmenkunden zum Beispiel, woher ihre Nutzer kommen, wie aktiv sie auf ihren Plattformen sind. Es geht darum, Nutzerverhalten für Marketingzwecke zu analysieren, aber auch darum, Firmen vor Betrug durch Dritte zu schützen.

Christian Henschel ist selbst kein klassisch ausgebildeter Informatiker. "Ich habe ein hohes Grundverständnis von der Technologie", sagt er. Henschel ist in Frankfurt (Oder) aufgewachsen, hat an der Oder Abi gemacht, an der Viadrina Wirtschafts- und Kulturwissenschaft und später  Kommunkationswissenschaft in Berlin studiert.

In Frankfurt hat Henschel zusammen mit Kommilitonen das Stadtmagazin "1200" herausgegeben und einen Studentenclub mitbetrieben. Danach arbeitete er für einige Me­dien-Unternehmen, unter anderem die ZDF-Tochter ZDF.newmedia sowie für Marketing­agen­turen. Zur Jahrtausendwende, sagt er, sei das Internet für ihn interessant geworden. "Ich habe angefangen zu verstehen, wie sich unser Medienverhalten, unser Konsumverhalten ändert."

Als Apple 2007 das iPhone herausbrachte "war mir klar, dass es sich fundamental ändern wird, wie Menschen das Internet nutzen. Nicht mehr am Computer, sondern am Smartphone." Die Arbeit bei den großen Firmen "war irgendwann dann ein bisschen langweilig." So gründete Henschel mit Paul H. Müller und Manuel Kniep die eigene Firma – in einer Pankower Wohnung. Der erste Versuch wäre fast gescheitert. Das Trio hatte auf eine Software gesetzt, die vor Betrug schützen sollte – und war zu früh.

Als die Hälfte des Startkapitals verbrannt war, steuerten die Gründer um: Sie boten Software an, die Firmen zeigt, wie gut ihre Werbung ankommt. Das war der Durchbruch. Die 2012 gegründete  Firma wuchs, über Deutschland hinaus. 200 Tage verbrachte Christian Henschel 2014/15 im Flugzeug. USA, Japan, China. Das Unternehmen baute Büros im Ausland auf. "Das war wahnsinnig anstrengend. Heute versuche ich, das einzuschränken", erzählt er. Eine Woche pro Monat etwa ist er unterwegs. Auch der Berliner Firmensitz ist gewachsen, allein in den zurückliegenden  zwölf Monaten um 150 Mitarbeiter.

In den Büros hängen Luftballons über  Schreibtischen, dort eine eins, da eine fünf. Jubiläums-Ballons. Sie zeigen, wie lange jemand schon dabei ist. Die Mitarbeiter in Berlin stammen aus 45 Ländern. "Jemand zu überzeugen, nach Berlin zu kommen, ist nicht schwer", sagt Henschel. Schwieriger ist es schon, eine rasant wachsende Mannschaft zusammenzuhalten.

Neue Mitarbeiter kommen deshalb zunächst nach Berlin und werden drei Wochen lang geschult. Außerdem organisiert Adjust eine Woche gemeinsamen Urlaub für alle. Diesen Juni ging es nach Portugal. Welche Umsätze und Gewinne Adjust macht, darüber spricht Christian Henschel nicht. Seit 2015 sei die Firma profitabel, der Umsatz seither um etwa 80 Prozent pro Jahr gewachsen.

Das Geld, das Adjust jetzt eingenommen hat, soll in weiteres Wachstum gesteckt werden. Teams im Ausland sollen wachsen, neue Niederlassungen besonders in asiatischen Ländern gegründet werden. Im vergangenen Jahr hat Adjust zwei Unternehmen hinzugekauft, darunter ein israelisches, das auf Sicherheit und künstliche Intelligenz spezialisiert ist.

"Es gibt wenige Technologieunternehmen in Deutschland und Europa, die so groß sind wie wir", sagt Henschel. Mittelständische Unternehmen in der Größe von Adjust, die in der Digital-Wirtschaft unterwegs sind, fehlten in Deutschland. "Das ist auch eine wahnsinnige Verantwortung, die wir da tragen, für 350 Mitarbeiter und ihre Familien", findet Christian Henschel.

Er hat selbst Familie – eine Frau, zwei Kinder. Kontakte nach Frankfurt (Oder)  unterhält er kaum noch. Die Freunde aus dem Abi-Jahrgang haben die Stadt alle verlassen. Das Haus in Neuberesinchen, wo er aufgewachsen ist,  gibt es nicht mehr, auch nicht seine alte Schule. Aber Brandenburger ist er geblieben – zumindest zeitweise: Hier lebt er mit seiner Familie an den Wochenenden.

Auch für das Unternehmen könnte das Land attraktiv werden. Büroflächen sind für wachsende Firmen in der Hauptstadt inzwischen ziemlich knapp. Henschel vermisst Brandenburger Konzepte für die Ansiedlungen im Umland. Besonders wichtig ist neben günstigen Mietkonditionen eine gute Bahnanbindung. "Alles, was innerhalb einer halben Stunde von Berlin aus erreichbar ist, ist interessant."

Die Heimat der Ostschrippen

Die Geschichteder Backfabrik im Prenzlauer Berg reicht ins 19. Jahrhundert zurück. Die Gebrüder Aschinger  belieferten von dort aus Berliner Eckkneipen mit Erbsensuppe und Schrippen. 1947 begann die eigentliche Ära der Backfabrik. Der VEB Aktivist, dann der VEB BAKO produzierten hier Schrippen und Brot für ganz Ost-Berlin. Auch Moskauer Sahneeis wurde hergestellt. 1990/91 führte Horst Schießer die Großbäckerei als Cityback weiter, musste jedoch 1997 die Tore schließen. Jetzt ist das Gebäude Sitz vieler Startups.⇥red

Schlagwörter

Leserforum

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte oben rechts an. Falls Sie noch keinen Login haben, registrieren Sie sich bitte.

Alle Leserkommentare geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen des Autors wieder und sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte übernimmt die Redaktion keinerlei Gewähr.

Ihr Kommentar zum Thema

Kommentartitel
Name
(öffentlich sichtbar)
Email
(wird nicht veröffentlicht)
© 2019 MOZ.de Märkisches Medienhaus GmbH & Co. KG