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Von Nina Jeglinski

MOZ-Interview
DIW-Chef Marcel Fratzscher warnt die deutsche Wirtschaft vor Selbstüberschätzung

Marcel Fratzscher
Marcel Fratzscher © Foto: DIW
Nina Jeglinski / 15.07.2019, 09:21 Uhr
Berlin (MOZ) Auf den Bestenlisten der Branche taucht er weit vorne auf: Volkswirtschaftsprofessor Marcel Fratzscher ist einer der einflussreichsten Ökonomen in Deutschland. Das hängt auch damit zusammen, dass  er zu wirtschaftspolitisch kontroversen Themen, etwa der Flüchtlingspolitik, Stellung bezieht. Zuletzt verlangte er, dass der Staat seine Investitionen deutlich erhöhen müsse.

Herr Fratzscher, die Kritik am Standort Deutschland wächst: Technologien seien verschlafen worden, die weltgrößten Konzerne sitzen in den USA und China. Ist die deutsche Wirtschaft auf dem Weg in die zweite Liga?

Ganz klares Nein! Die deutsche Wirtschaft erlebt nach wie vor hervorragende Jahre, goldene Jahre. Das Land hat drei große Erfolgsgeschichten: das Beschäftigungswunder der letzten 10, 15 Jahre, die Löhne sind in den letzten Jahren gestiegen, und das Ganze bei sehr soliden Finanzen. Hinzu kommt, dass sie extrem wettbewerbsfähig ist.

Rückkehr der Angst vor hoher Arbeitslosigkeit?

Der Umbau bei den deutschen Schlüsselindustrien Maschinenbau und der Automobilbranche wird sehr viele Arbeitsplätze überflüssig machen, auch der Dienstleistungssektor wird mit sehr viel weniger Arbeitskräften auskommen. Was sollen die vielen Menschen in Zukunft arbeiten – und vor allem, zu welchen Bedingungen und zu welchen Löhnen?

Wir sollten uns bewusst sein, dass der Ist-Zustand nicht in Stein gemeißelt ist. In Deutschland gab es einen enormen Rückgang der Arbeitslosenzahlen, im Jahr 2005 hatten wir fast fünf Millionen Menschen ohne Job, heute haben wir etwas mehr als zwei Millionen. Das ist immer noch viel, aber deutlich weniger als vor knapp 15 Jahren. Aber das kann sich auch wieder ins Negative umdrehen. Deshalb ist es wichtig, vorauszuschauen und die Weichen richtig zu stellen. Der digitale Wandel wird kommen, das ist unvermeidlich! Die Politik hat da bisher nicht die richtigen Konzepte: Mehr Protektionismus ist hier nicht der richtige Weg. Wir müssen die Transformation gestalten!

Wie soll das aussehen?

Die Unternehmen müssen bei diesem Strukturwandel unterstützt werden. Da ist die öffentliche Hand, da ist der Staat in der Pflicht. Es braucht eine hervorragende Infrastruktur, eine hervorragende digitale Infrastruktur, da hat Deutschland Riesendefizite. Dieses Land hat eine der schlechtesten digitalen Infrastrukturen in Europa. Zudem geht es um Qualifizierung. Bereits heute haben wir in manchen Bereichen einen Fachkräftemangel, aber auch Menschen mit Berufsbildern, die kaum Zukunftschancen haben. Diese Menschen müssen fortgebildet werden und so die Möglichkeit erhalten, die neuen Chancen zu nutzen, die mit der Digitalisierung kommen.

Welche Branchen müssen sich angesprochen fühlen?

Fast alle Branchen, fast jeder Arbeitnehmer! Das ist der dramatische Unterschied zu der Lage vor 30 oder 40 Jahren. Strukturwandel gab es immer. Doch es sind heute nicht bestimmte Berufsgruppen, sondern sehr große Teile der Beschäftigten, die betroffen sind. Aber der Wandel hat dazu geführt, dass bessere Jobs entstanden sind, mit höherer Qualifikation, höherer Produktivität und mehr Bezahlung. Das ist auch ein Grund für den Wohlstand, den wir in diesem Land heute haben. Durch die Digitalisierung wird der Druck auf die gutsituierte Mittelschicht zunehmen, das ist ein neues Phänomen im Strukturwandel. Ich habe aber durchaus Gründe, optimistisch zu sein. Verdrängung und Wegfall bestimmter Arbeitsplätze hat es immer gegeben, somit braucht niemand zu große Angst zu haben. Bedroht sind fast alle Bereiche, selbst Juristen, die Quote liegt weit über 50 Prozent der Beschäftigten. Vor allem das verarbeitende Gewerbe gerät unter Druck, das ist auch ein Grund, weshalb die IG Metall sich Sorgen macht. Das sind Berufe, die automatisiert werden können. Viele Dienstleistungsberufe dagegen, die heute zu wenig wertgeschätzt werden, erfahren eine Aufwertung, zum Beispiel Altenpflege oder Pflege überhaupt. Diese Arbeit wird schlecht oder gar nicht durch digitale Maßnahmen ersetzt werden können. Das lebenslange Lernen wird zu unserem ständigen Begleiter. Das müssen Unternehmen leisten, aber das muss auch durch staatliche Unterstützung begleitet werden. Aber klar ist auch, viele Menschen sehen das als Bedrohung.

Die unzufriedenen oder die gespaltenen Deutschen?

Umfragen zeigen, dass die Mehrheit der Menschen in Deutschland die Gesellschaft als ungerecht empfindet. Eine Mehrheit sagt aber auch, dass es ihnen persönlich wirtschaftlich gut geht und sie zufrieden sind. Vor allem im Osten nehmen die Deutschen ihr Land als ungerecht wahr. Ist der Neid in diesem Land besonders ausgeprägt, oder hat die Unzufriedenheit andere Ursachen?

Die Wiedervereinigung war eine Erfolgsgeschichte, auch wenn das manche nicht so sehen mögen. Wenn man das objektiv vergleicht und sich Zahlen anschaut, dann gibt es da kein Vertun. Es gibt in Europa ganz andere Spaltungen als die vermeintlichen zwischen Ost- und Westdeutschland, nämlich die in Nord- und Süd-Spanien oder in Italien, zwischen London oder Nordengland. Da sind die Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland geringer. Innerhalb von 30 Jahren hat es eine der Osten geschafft, einen massiven Aufholprozess hinzulegen – wir reden hier von 75 bis 80 Prozent des durchschnittlichen Einkommens, der durchschnittlichen Produktivität. Ja, es liegt nicht bei 100 oder bei 95 Prozent, aber trotzdem das ist eine sehr beachtliche Leistung. Ja, in Deutschland gibt es regionale Unterschiede und sie werden auch größer, das ist aber mittlerweile kein Ost-West-Thema mehr, das ist ein Süd-Nord-Thema. Ein Blick ins Ruhrgebiet genügt. In NRW leben 18 Millionen Menschen, mehr als in ganz Ostdeutschland, und dort finden sich die gleichen Probleme, die im Osten beklagt werden: überschuldete Städte, Abwanderung, Verfall der Infrastruktur. Was jedoch tatsächlich ein Ost-West-Thema ist, das ist die Anerkennung der Lebensleistung der Menschen und der Respekt voreinander. Die Unzufriedenheit im Osten, trotz der wirtschaftlichen Leistungen, istdermaßen hoch, weil die Leistungen der Menschen nicht ausreichend honoriert werden. Da muss die Politik reagieren und Zukunftsperspektiven aufzeigen.

Wie soll das konkret aussehen?

Wir brauchen in Deutschland eine viel stärkere Regional- und Strukturpolitik. Das beginnt damit, dass die strukturschwachen Regionen und Kommunen zu wenig finanziellen Gestaltungsspielraum haben. 30 Prozent der Kommunen in Deutschland sind überschuldet, aber über die Hälfte der Investitionen werden von Kommunen getätigt. Es braucht einen neuen Bund-Länderfinanzausgleich! Damit dort etwas aufgebaut werden kann, wo die Menschen leben, und damit es dort eine Zukunft gibt. Das große Problem ist die massive Verlagerung vom Land in die Stadt. Dass junge Menschen abwandern, weil sie in strukturschwachen Regionen keine Perspektiven haben. Damit gehen Unternehmen weg oder siedeln sich gar nicht erst an, ein Teufelskreis entsteht. Eine aktive Strukturpolitik sieht die Entschuldung der Kommunen vor, mehr Finanzen für strukturschwache Gebiete, Investitionen in Infrastruktur und den Ausbau digitaler Infrastruktur. Die Ansiedlung von Industrien ermöglicht, dort etwas Neues aufzubauen, indem man dort Wissenschaftszentren hinverlagert. Anreize zu schaffen, dass sich Unternehmen dort niederlassen, wäre wichtiger Schritt, um Perspektiven zu schaffen.

Soll man dafür auch Schulden aufnehmen?

Finanzexperten zufolge soll Deutschland für Investitionen ruhig neue Schulden aufnehmen. Die Bundestagsfraktion der Grünen stellte jüngst die Schuldenbremse infrage. Hat das Instrument ausgedient?

Das Problem in Deutschland ist derzeit nicht, dass zu wenig Geld da ist. Es ist genug Geld da, es geht darum, wie wird das Geld verteilt! Der Staat hat im vergangenen Jahr fast 60 Milliarden Euro Überschüsse gemacht – 58 Milliarden Euro, um genau zu sein, das sind 1,8 Prozent der Wirtschaftsleistung. Eine riesige Summe Geld, die für den Ausbau der Infrastruktur investiert werden könnte. Das Geld muss nur klug genutzt werden, doch das sehe ich derzeit nicht. Ich halte von der Schuldenbremse nicht viel, sie ist nicht klug, ich sehe sie aber auch nicht als das Hauptproblem für den Investitionsstau. Es geht um die sinnvolle Verteilung der Gelder, darum, dass jene Kommunen Mittel erhalten, die strukturschwach sind und die den Anschluss zu verlieren drohen oder die bereits abgehängt sind. Zudem müssen die Investitionen gestärkt werden, hierzulande wird von privater und staatlicher Seite viel zu wenig investiert. Das ist fatal. Der Wohlstand, den wir heute haben, hängt auch davon ab, dass in der Vergangenheit immer investiert wurde, nicht nur in Infrastruktur, auch in Bildung, in Forschung und Entwicklung. Ich bin für eine Investitionsregel, die jeder Kommune vorschreibt, zu investieren, nach dem Motto: ihr dürft eure Bevölkerung und Wirtschaft nicht vernachlässigen. Eine Investitionsregel ist nötig, damit der Staat nicht weiter von seiner Substanz lebt, sondern in seine Zukunft investiert.

Ist die Schuldenbremse ein Auslaufmodell?

Die Schuldenbremse hat sich nicht wirklich bewährt. Kurz nachdem sie 2009 eingeführt wurde, kamen ab 2011 die guten Jahre, seit 2012 macht der Staat Überschüsse. Ich bin nicht der Ansicht, dass das der Verdienst derSchuldenbremse ist.Der Bund steht heute im Hinblick auf die Gesamtverschuldung deutlich besser da als zu Beginn der Nullerjahre, deshalb sehe ich die Schuldenbremse als eine unnötige Eingrenzung, die das Wichtige aus dem Auge verliert, nämlich wie man klug in die Zukunft investiert. Schulden sind nicht gut oder schlecht, die Frage ist nur, wofür gibt man das Geld aus? In den letzten zehn Jahren hat Deutschland viel zu wenig für Investitionen ausgegeben und viel zu viel für Konsum.

Müsste die gesamte Debatte um Investitionen nicht von der deutschen auf die europäische Ebene gehoben werden? Da stellt sich die Frage, wie handlungsfähig ist die EU bei wirtschaftlichen Fragen? Setzt die EU die richtigen Schwerpunkte, oder hat die Union wichtige Zukunftsfelder wie Digitalisierung und Künstliche Intelligenz verschlafen?

Die EU war noch nie besonders handlungsfähig. Das Postengeschacher, das sich in Brüssel in den letzten Wochen abgespielt hat,ist symptomatisch. Es geht um Machtverteilung, es geht aber wenig um Inhalte – und das ist tragisch. Man streitet sich nicht darüber, wie man die Sicherheit in Europa stärken will oder wie ein soziales Europa aussehen soll oder wo man in Europa Investitionen tätigen will. Es geht um Parteien, Personen und Nationalitäten, aber auf das darf Europa nicht reduziert werden. Es muss darum gehen, was Europa leisten soll, um den Menschen gerecht zu werden. Und da ist Europa seit jeher zu schwach. Die Schuld liegt aber nicht bei der EU, sondern bei den nationalen Regierungen, bei der nationalen Politik. Es gibt zu viele nationale Alleingänge. Europa ist nicht ausreichend handlungsfähig, das muss es aber werden, und die Verantwortung liegt in den Hauptstädten, hier in Berlin, aber auch in Paris, in Rom, Madrid und anderen.

Wenn die EU nicht handlungsfähig ist, wie zukunftssicher ist denn der Euro? Die EZB bekommt mit Christine Lagarde nun eine neue Präsidentin. Wird sie die Null-Zinspolitik und die Politik des billigen Geldes von Mario Draghi fortsetzen?

Der Euro und die EZB waren in der globalen Finanzkrise der Anker der Stabilität, und auch in der europäischen Krise der vergangenen zehn Jahre. Ohne den starken, stabilen Euro wäre Europa und die EU womöglich zerbrochen. Die Wirtschaftskrise wäre deutlich tiefer gewesen. Der Euro ist auch im globalen Wettbewerb mit den USA eine große Stärke, auch im Hinblick auf China. Niedrige Zinsen sind für die Sparer natürlich hart, aber die Zinsen sind nicht niedrig, weil die EZB die Zinsen niedrig hält, sondern weil Europa nach wie vor eine tiefe Wirtschaftskrise hat. Deutschland ist die Ausnahme, hier läuft es hervorragend, wir bräuchten keine Nullzinspolitik, aber den Nachbarn geht es schlecht. In Italien ist die Wirtschaft seit 2008 um sechs Prozent geschrumpft, andere Länder sind auch am Kämpfen, und es ist im Interesse Deutschlands, dass die Nachbarn sich erholen. Die sollen schließlich unsere Güter kaufen, damit der Handel läuft. Der deutsche Wohlstand hängt von Europa ab. In diesem Land hängt jeder zweite Job direkt oder indirekt vom Export ab, deshalb ist ein starker Euro wichtig. Zudem werden die USA und China immer nationalistischer und versuchen, ihre eigenen Währungen als politische Instrumente gegen andere Länder einzusetzen. Deshalb ist es für Europa so wichtig, dass es mit dem Euro eine eigene Währung gibt, so dass europäische und auch deutsche Unternehmen in der eigenen Währung handeln und Verträge abschließen können. Der Euro war und ist extrem stabil, die Inflationsrate seit Einführung des Euro liegt unter der der Bundesbank in den fast 50 Jahren davor.

Christine Lagarde ist eine sehr erfahrene Frau, die politisches Geschick bewiesen kann und extrem gut kommunizieren kann, insbesondere mit den Bürgerinnen und Bürger. Das ist extrem wichtig für die EZB in diesen Zeiten.

Im Herbst werden die Briten die EU verlassen. Welche Folgen wird der Brexit auf die EU haben?

Ich befürchte, es wird einen harten Brexit geben. Aber ich bin da nicht so besorgt wie viele andere das sind, wirtschaftlich wird das vor allem Großbritannien hart treffen, aber Deutschland wird das gut verkraften können, davon bin ich überzeugt. Unsere Wirtschaft ist gut aufgestellt, Großbritannien erhält acht bis neun Prozent unserer Exporte, das ist nicht wenig, aber auch nicht übermäßig viel. Es wird einige Unternehmen geben, die da zu kämpfen haben werden, aber ich bin davon überzeugt, dass der Brexit sich auf Deutschland ökonomisch nicht negativ auswirken wird.

Können Sie Zahlen nennen?

Die wirtschaftlichen Auswirkungen auf Großbritannien sind seit zwei, drei Jahren sichtbar. Der Prozesswird sich im nächsten Jahrzehnt noch fortsetzen, viele Investitionen, die früher nach Großbritannien gegangen sind, bleiben weg. Gute Jobs werden dort eben nicht entstehen, und es wird Abwanderung geben. Längerfristig bedeutet der Brexit für Großbritannien weniger Wohlstand. Schätzungen gehen von zehn Prozent weniger Einkommen über zehn Jahre aus, das ist nicht dramatisch, aber es wird sich bemerkbar machen. Dazu kommt eine geringere Beschäftigungsquote und höhere Arbeitslosigkeit. Gerade Menschen mit schlechterer Qualifikation werden das zu spüren bekommen. Politisch wird Großbritannien durch den Brexit keine politische Souveränität gewinnen. Die Annahme, das Land wäre mit dem Austritt aus der EU selbstständiger, ist eine völlige Illusion. Das Land wird sich ja auch weiter an internationale Regeln und Standards halten müssen, um mit der EU Handel zu treiben. Der Unterschied wird sein, dass die Briten nicht mehr mitbestimmen werden, was in der EU passiert.

Wie gefährlich sind internationale Handelskonflikte für Deutschland?

Der Handelskonflikt mit den USA ist das größte wirtschaftliche Risiko für Deutschland. Der Schaden ist bereits angerichtet, denn es entsteht Unsicherheit, und das ist Gift für die Unternehmer, die nicht wissen, ob sie ihre Produkte auch im kommenden Jahr in die USA verkaufen können und sich fragen, ob sieweiter produzieren können oder seltene Erden aus China bekommen. Mehr Sicherheit heißt immer weniger Investitionen, damit weniger Wachstum, geringere Löhne und drohende Arbeitslosigkeit. Das sehen wir jetzt bereits in Deutschland. Die wirtschaftliche Eintrübung in den letzten Monaten hat ganz entschieden mit Trumps Drohungen zu tun. Für die Zukunft befürchte ich, Donald Trump wird sich jetzt vor allem Deutschland vornehmen, die Ankündigung ist gemacht. Dabei geht es um die Androhung von Strafzöllen auf landwirtschaftliche Produkte und vor allem auf Autos. Trump verfolgt das politische Ziel seine Wiederwahl, das wird nun18 Monate andauern, nämlich bis zu den US-Wahlen. Wir Deutschen müssen uns aber auch ehrlich machen, auch wir haben uns schuldig gemacht mit Protektionismus, diese riesigen Handelsüberschüsse, die Deutschland hat, sind auch ganz klar Ergebnisse aus Protektionismus, den wir in Deutschland verfolgen. Viele Sektoren sind völlig überreguliert, in dem es wenig Wettbewerb gibt, indenen ausländische Unternehmen nicht mitmachen können. Das führt zu weniger Importen und zu diesen extremen Exportüberschüssen. Man muss sich nur mal den Dienstleistungsbereich anschauen, als Stichwort sind da unter anderem die Apotheken zu nennen. Es ist leicht, auf Trump zu schimpfen, doch viele dieser Klagen sind berechtigt. Er verhält sich wie ein Elefant im Porzellan Laden, aber mit einigen Kritikpunkten hat er recht, gegenüber China und auch gegenüber Deutschland.

Also sind die Unsicherheiten nach 18 Monaten ausgestanden, und man kann wieder zur Normalität übergehen?

Ich glaube nicht, dass Trump tatsächlich Strafzölle in Höhe von 25 Prozent oder mehr verhängen wird, denn auch er weiß, dass ein Handelskrieg nur Verlierer haben wird, es gibt keine Gewinner. Allerdings werden Volkswirtschaften wie die deutsche deutlich mehr verlieren als die US-amerikanische, weil nicht so stark von Exporten abhängig wie wir. Trump geht es darum, nationale Interessen zu verfolgen und seinen Wählern zu suggerieren, er habe sich global durchgesetzt, die USA seien das stärkste Land: America first! Er will den Konflikt, um zu zeigen, dass er sich durchsetzt. Ich sehe hier das Problem, dass Trump nur politische Ziele verfolgt, und dass makroökonomische Argumente, wie z.B. Zölle abzubauen, unter den Tisch fallen.

Ist die Marktwirtschaft westlicher Prägung ein Auslaufmodell?

Der Kapitalismus steht weltweit in der Kritik. Die Marktwirtschaft westlicher Prägung könnte zum Auslaufmodell werden. China zeigt der Welt gerade, wie ein datengetriebener Staatskapitalismus funktioniert. In den USA gibt es Stimmen, die fordern, dass der Kapitalismus wieder zu seinen Wurzeln der reinen freien Märkte zurückkehren könnte. Welche Entwicklung ist hier zu erwarten, und wie stark, wie attraktiv ist das europäische Modell?

Meine Sorge ist, dass wir immer stärker in eine bipolare Welt kommen, mit zwei Weltmächten, nämlich den USA und China. Und dass Europa zwischen den beiden zerquetscht wird, nicht weil wir wirtschaftlich zu schwach sind. Die EU hat eine größere Volkswirtschaft als die chinesische, wir haben mit über 500 Millionen Menschen mehr als in den USA leben. Europa hat das Potential, die dritte Weltmacht zu sein, es liegt alleine bei uns, zu entscheiden, ob die Welt eine bipolare sein wird, in der die USA und China die Entscheidungen unter sich ausmachen, oder ob Europa mit am Tisch sitzt, Das müssen wir entscheiden.

Im Augenblick ist die Bundesregierung ein bisschen der Bremsklotz, um wirklich wichtige Reformen in Europa voranzutreiben. Frankreichs Präsident EmmanuelMacron hat immer wieder Vorschläge gemacht, wie er sich das Europa der Zukunft vorstellt. Das mag uns Deutschen nicht immer gefallen, aber wir können nicht immer Nein sagen, sondern müssen auch mal unsere Vorschläge auf den Tisch legen und darlegen, was wir wollen und wie wir uns das Europa der Zukunft vorstellen.

Kann es sein, dass Deutschland dafür keinen Plan hat, dass Macron die Deutschen auf kaltem Fuß erwischt hat – angefangen mit seinen Sorbonne Thesen von 2017 bis zu seinen Ideen während des Europa-Wahlkampfes im Mai?

Ich befürchte das wir Deutsche einer ähnlichen Illusion hinterherhängen wie die Briten mit ihrem Brexit. Die Briten sagen sie wollen mehr nationale Souveränität, wir Deutschen sagen, wir wollen nicht noch mehr nationale Souveränität an Europa abgeben. Darum sind Macrons Vorschläge so kontrovers diskutiert worden, die Deutschen sagen, der will uns in die Pflicht nehmen, der will das wir Deutschland weniger entscheiden und mehr in Europa. Ich sage jedoch, dass im globalen Wettbewerb Deutschland seine Souveränität alleine nicht bewahren kann. Wir sind gegenüber den USA und gegenüber China ein winziges Land, wir haben nur eine Chance unsere Interessen zu wahren, wenn wir Teil eines starken, geeinten Europas sind, das mit einer Stimme global gegenüber den USA und China spricht. Deshalb würde es deutsche Souveränität stärken, wenn wir die Währungsunion vollenden, also eine gemeinsame Kapitalmarktunion und Bankenunion vollenden würden, wenn wir in Europa eine gemeinsame Fiskalunion haben, die gemeinsame Projekte finanziert, die Ländern hilft, wenn sie in Schieflage kommen. Wenn wir stärkere Kriseninstrumente haben, als das bisher der Fall ist, ich erinnere da an den ISM und da liegt die Illusion, dass wir befürchten, wir verlieren Souveränität an Europa oder an Frankreich, und vergessen dabei dass ein starkes Europa es uns ermöglicht unsere Souveränität zu wahren...

Solche Fragen sind ja nur bedingt beliebt....

Wir haben eine gewisse Überheblichkeit in Deutschland, wir meinen, wir seien der ökonomische Superstar, der alles richtig gemacht hat, wir schauen auf die anderen Länder und sagen, die haben alles falsch gemacht und nur wir wissen, wie es geht. Zugespitzt formuliert: Die wollen nur an unser Geld. Das ist sehr überheblich, vor allem wenn man sich anschaut, wie die Überschüsse zustande gekommen sind – Handelsüberschüssen, etc. Vor 15 Jahren war Deutschland der kranke Mann Europas und wir haben sehr stark von Europa profitiert. Und wenn wir das auch in Zukunft tun wollen, dann ist es in unserem ureigensten Interesse Europa zu stärken und damit auch unsere nationalen Interessen zu wahren.

Hat die Große Koalition die Kraft, sich um solche Fragen zu kümmern? Oder braucht es einen politischen Neustart?

Klar ist das Deutschland vor Herausforderungen steht, wir haben über einige gesprochen; Handelskonflikt, Reform Europas, Brexit, regionale Unterschiede, meine Sorge ist, das wichtige Reformen nicht umgesetzt werden, weil es der Regierung an Mut fehlt und das viel zu kurzfristig gedacht wird.

Kann es sein, dass das die falschen Leute in der Regierung sitzen?

Ob es neue Leute braucht, das kann ich nicht sagen. Was aber benötigt wird, ist eine neue Politik. Eine wirklich zukunftsorientierte Politik, die über die nächsten zwei Jahre hinausschaut. Das verlangen auch Teile der Bevölkerung, die Fridays-for-Future-Bewegung und das gesamte Thema Nachhaltigkeit, Transformation und Klima macht deutlich, da ist Handlungsbedarf. Doch die Politik verpasst und verpennt wichtige Zukunftsentscheidungen, nicht erst seit eineinhalb Jahren, sondern seit zehn Jahren. Es wurde auf den Gebieten wenig oder nichts umgesetzt, weil gar nicht verstanden wurde, dass das die entscheidenden Fragen sind.

Und wann der Neustart für die neue Politik?

Realpolitisch ist es leider so, dass Länder erst dann Reformen angehen, wenn man mit dem Rücken zur Wand steht. Wenn es eine Rezession gibt, eine Krise gibt oder es große Probleme gibt. Allerdings werden die großen Volksparteien derzeit an der Wahlurne bestraft, beide Volksparteien haben bei der Europawahl massiv Stimmen verloren, die Frage ist, wann sie die Zeichen der Zeit erkennen. Die Bürger dürfen sich nicht nur über die Politik beschweren, sondern müssen sich auch engagieren, deshalb finde ich es richtig dass es die Fridays-For-Future-Bewegung gibt, den Entscheidungsträgern sagen: "Nein, so wollen wir es nicht, wenn ihr nicht tut, was wir wollen, werden wir andere wählen." Wir Bürgerinnen und Bürger haben auch eine zivilgesellschaftliche Verantwortung und sollen uns einmischen und nicht nur über Politik schimpfen

In HarvardÖkonomie studiert

Marcel Fratzscher (geboren 1971, Bonn) gehört zu den einflussreichsten deutschen Ökonomen. Er ist seit 2013 Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung in Berlin (DIW) und ist Professor für Makroökonomie an der Berliner Humboldt Universität. Seit 2008 leitete er die Abteilung Internationale wirtschaftspolitische Analysen bei der EZB. Fratzscher studierte in Kiel, Oxford und Harvard Ökonomie und promovierte am European University Institute in Florenz.

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