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Tesla-Ansiedlung
"Das ist ein Glücksfall"

Oliver Ibert (49) ist Direktor des Leibniz-Instituts IRS in Erkner und  lehrt an der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg (BTU).
Oliver Ibert (49) ist Direktor des Leibniz-Instituts IRS in Erkner und lehrt an der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg (BTU). © Foto: IRS
Ina Matthes / 16.11.2019, 06:00 Uhr - Aktualisiert 16.11.2019, 11:36
Frankfurt (Oder) (MOZ) Tesla geht nicht nach Stuttgart, sondern Grünheide. Große Investitionen in neue Werke für E-Autos finden nicht in den klassischen Autoregionen statt, sondern außerhalb.  Die Forscher am Leibniz-Institut für Raumbezogene Sozialforschung IRS in Erkner sehen ähnliche Tendenzen in den USA. Ist das ein Signal, für eine Krise etablierter Autoregionen? Für Brandenburg und Berlin hingegen sieht IRS-Direktor Prof. Oliver Ibert die Ansiedlung von Tesla als Gewinn. Die Region  will sich als Standort für EMobilität etablieren.

Herr Prof. Ibert, waren sie ein bisschen enttäuscht, als Sie hörten, dass Tesla in Grünheide baut? Sie lehren an der Uni in Cottbus und die Lausitz hatte sich Hoffnung gemacht...
Enttäuschung war nicht meine erste Reaktion, eher Überraschung. Die Ansiedlung ist ein wichtiger Beitrag zum Strukturwandel Brandenburgs  und wird auch die Situation in der Lausitz entspannen.

Ein wichtiger Beitrag zum Strukturwandel - inwiefern?
Es besteht die Hoffnung, dass das keine kurzfristige Investition ist, sondern dass die E-Mobilität als neue Technologie noch lange wichtig bleiben wird. Es gibt in diesem Bereich die Chance auf große Wachstumsraten.

Tesla will Hunderte neue Arbeitsplätze schaffen. Da fragen sich viele Brandenburger - wie gut ist die Infrastruktur im Berliner Umland für so ein Projekt aufgestellt?
Da muss sicher nachgebessert werden. Ein offenkundiges Problem ist die Verfügbarkeit von schnellem Internet. Auch Arbeitskräfte gibt es in der dünnbesiedelten Region nicht in diesem Maße. Da wird es Siedlungswachstum geben müssen und parallel dazu müssen die sozialen Infrastrukturen wie Kitas und Schulen entstehen. Auch der Anschluss an die Bahn ist dort noch nicht gegeben.

Sie haben die Forderung nach schnellem Internet als erstes genannt, warum?
Tesla ist ein multinationaler Konzern und muss international kommunizieren. Bei Technologieunternehmen ist schnelles Internet unabdingbar.

Bei der Entscheidung für Berlin soll das Image als coole Stadt eine große Rolle gespielt haben. Macht Image wirklich so viel aus?
Wenn neue Technologien nach einem Standort suchen, sind sie in ihrer Wahl sehr frei. Sie sind nicht auf bestimmte Vorleistungen angewiesen. Tesla beispielsweise stellt seine Batterien selbst her. Tesla ist selbst eine Marke, die extrem mit Wert augeladen ist. Da ist ein Standort, der selbst eine Marke ist, wichtig. Außerdem investiert Tesla auch in Forschung und Entwicklung. In Berlin findet Tesla die Arbeitskräfte dafür –zum Beispiel im Bereich Design – aber auch viele fortschrittliche Nutzer, die bereit sind, neue Mobilitätskonzepte auszuprobieren.

Wie wirkt sich so eine Ansiedlung auf die berlinfernen Räume aus?
Es bieten sich neue Arbeitsmöglichkeiten auch für Menschen aus weiter entfernten Regionen, vielleicht sogar für Arbeitskräfte aus Polen, wenn sie bereit sind zu pendeln. Dörfliche Strukturen können sich durch Pendler und deren Einkommen stabilisieren. Es werden Folgeinvestitionen nach Brandenburg gerichtet sein. Handel, Dienstleistungen siedeln sich an und ziehen Arbeitsplätze nach sich. Steuern, die Tesla hoffentlich in Brandenburg zahlt, eröffnen neue finanzielle Spielräume für das Land. Das setzt auch Anreize für junge Leute, im Land zu bleiben

Sehen Sie die Tesla-Ansiedlung als Beleg dafür, dass heutzutage nur noch große Metropolen Investitionen anziehen können?
Die Tesla-Ansiedlung ist ein Hinweis darauf, dass nicht nur Städte wachsen. Denn Tesla geht mit seiner Produktionsstätte nicht nach Berlin, der Hauptteil der Investition geht nach Grünheide. Berlin braucht als Standort also das Umland in Brandenburg, aber auch Brandenburg hätte ohne Berlin größere Probleme, denn es profitiert von der Nähe, dem Image und der Kreativität von Berlin. Das Zusammenspiel über die Ländergrenzen ist ganz wichtig

Kleine Unternehmen fürchten einen Kampf um Fachkräfte. Muss man Angst haben, dass den kleinen Firmen die Leute davonlaufen?
Das ist eine spezielle Fabrik, die bestimmte Fachkräfte braucht. Einige Branchen müssen die Konkurrenz fürchten. Aber das muss man differenziert sehen. So einen Ansiedlung setzt auch einen Anreiz für qualifizierte junge Leute, zurückzukehren. Es wird sicher Zuzug aus anderen Regionen geben. Möglicherweise bringt Tesla auch eine Kern-Belegschaft aus den USA mit. Es hängt auch viel davon ab, wie plötzlich Arbeitskräfte gebraucht werden. Es existieren viele Technische Universitäten in der Region, die ihre Studienplätze vielleicht aufstocken.

Die Lausitz zählt auch zu den berlinfernen Regionen. Kann sie von Tesla profitieren?
Grundsätzlich sind solche Neuansiedlungen extrem selten. Das ist ein Glücksfall für Berlin und Brandenburg. Aber Glücksfälle sollten nicht die langfristige strategische Orientierung im Strukturwandel der Lausitz prägen. Die Lausitz hat einen langen Weg vor sich, für den es Geduld braucht. Man muss sich viel um die Entwicklung des Bestands an Firmen und um Neugründungen bemühen. Wenn unerwartete Glücksfälle dazu kommen ist das toll, aber darauf sollte man nicht vertrauen. Aber es gibt Möglichkeiten, von Tesla zu profitieren, besonders in der Forschungs- und Entwicklungskooperation. Da muss man sich aktiv auf den Weg machen. Ich denke, das kann die Brandenburgisch Technische Universität in Cottbus stärken.

Zur Person

Der Wirtschaftsgeograph Oliver Ibert ist Direktor des Leibniz-Instituts für Raumbezogene Sozialforschung (IRS) in Erkner. Überdies lehrt er als Professor für Raumbezogene Transformations- und Sozialforschung an der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg (BTU). Ibert studierte  Geographie, Germanistik und Politikwissenschaften in Oldenburg. Dort promovierte er über "Innovationsorientierte Planung". Am IRS forschen mehr als 50 Wissenschaftler zum Beispiel über Fragen des Zusammenhangs von Stadtplanung und Wirtschaftsförderung. Es geht um Grundlagenforschung, die Themen sind international.

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