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Gigafactory-Gelände
Eine heikle Adresse: Stasi plünderte hier Westpakete

Ina Matthes / 15.01.2020, 07:00 Uhr - Aktualisiert 15.01.2020, 08:17
Grünheide (MOZ) "Hier durfte keiner rein", sagt Eberhard Rüdiger. Der Grünheider steht auf einem Waldweg vor einem Zaun. Betonpfähle mit Maschendraht. Der Zaun ist eines der letzten Überbleibsel eines großen Stasi-Objektes.

Es wurde bewacht wie die innerdeutsche Grenze. Zäune mit Stacheldraht, Wachtürme, bewaffnete Posten.  Niemand habe gewusst, was sich hinter diesem Zaun abspielt, sagt der 75-Jährige.  Niemand, außer denen, die dort arbeiteten. Und die schwiegen. Das Objekt gehörte zu den "heikelsten und geheimsten Adressen im Reich der Stasi" heißt es in einer Broschüre zur Geschichte des Ortes Grünheide. Auf dem rund 400 Hektar großen, waldreichen Gelände zwischen Grünheide und Freienbrink betrieb die Stasi Postraub im großen Stil.

Jetzt will Tesla auf diesem weitläufigen Areal bauen, in einem Waldstück gegenüber dem heutigen Güterverteilzentrum Freienbrink. Der Logistikstandort, wo heute Firmen wie Lidl und Edeka angesiedelt sind, gehört auch zu dem ehemaligen Stasi-Grundstück. Bis heute sind im Güterverteilzentrum Überbleibsel der  Vergangenheit zu besichtigen. Eberhard Rüdiger, der im Heimatverein Grünheides mitarbeitet, weiß genau, welche: Ein paar große Lagerhallen stehen noch und das ehemalige Stabsgebäude des MfS (Ministerium für Staatssicherheit), ein schmuckloser Plattenbau. Hundezwinger sind zu sehen für eine MfS-Einheit, die nach Personen und Sachen fahndete. Und fünf rostige Gleise einer alten Bahnanbindung enden ungenutzt  im Nichts.

Eberhard Rüdiger war nach der Wende als Gemeindevertreter zum ersten Mal auf dem Gelände. Wann genau, weiß er nicht mehr. Vielleicht war es im Februar 1990. Da durften erstmals Bürgerkomitees das "Objekt Freienbrink" betreten.

Selbst nach DDR-Recht strafbar

Rüdiger erinnert sich an Flugzeughangare mit dicken Betondecken. Wahrscheinlich als Warenlager genutzt, vermutet er. Und an die gewaltigen Hallen. Dort lagerte die Stasi nicht nur militärische Geräte, Ausrüstung und Bekleidung, wie aus Dokumenten der Stasi-Unterlagenbehörde (BStU) hervorgeht. Sie fledderte vor allem im großen Stil Westpakete. Seit 1984 "wurde jedes Paket der Bundespost, das irrtümlich irgendwo in der DDR landete, nicht zurückgeschickt, sondern nach Freienbrink geschafft und ausgeplündert – der größte staatlich organisierte Postraub aller Zeiten",  schrieb der Spiegel im August 1990. Was die Stasi auf dem Gelände zwischen Grünheide und Freienbrink trieb und ihre Angestellten treiben ließ, war selbst nach den Gesetzen der DDR ein Verstoß gegen das Post- und Fernmeldegeheimnis und damit strafbar.

Die Beute aus den Raubzügen – Schmuck, Bekleidung, Medikamente, Fernsehapparate – wurden nach Spiegel-Recherchen im Westen wie Osten verscherbelt. Stasi- und SED-Spitzen bedienten sich daran. Von 1984 bis 1989 stahl das Ministerium für Staatssicherheit Geld in 29 Währungen mit einem Wert von rund 33 Millionen DM aus Postsendungen. Auch den Besitz von DDR-Bürgern, die in den Westen ausgereist waren, hortete die Stasi. Eberhard Rüdiger erinnert sich  an die vielen Ostautos auf dem Gelände. Hunderte Trabbis, Wartburgs, Ladas hatten DDR-Bürger in Ungarn zurückgelassen, als sie zwischen Mai und September 1989  in den Westen flüchteten. Die untergehende DDR ließ sie zurückholen.

Das alles spielte sich auf dem Gebiet des heutigen Güterverteilzentrums ab. Doch auch dort, wo Tesla  bauen will, gab es einen Gebäudekomplex der Stasi. Eberhard Rüdiger hat den noch selbst gesehen. "Das war  ein Übungsgelände des MfS", vermutet er. Wo heute Kiefern wachsen, standen sieben Bungalows mit Garagen für Kleintransporter, eine Werkstatt und ein Wirtschaftsgebäude. Die Stasi soll mitten im Wald auch Terroristen der Roten Armee Fraktion RAF ausgebildet haben. So wird  in Grünheide  gemunkelt.

"Es gibt dafür aber keine Beweise", sagt Lothar Runge. Der 78-jährige  ehemalige Offizier war erst in der NVA für Immobilienangelegenheiten zuständig und später dann in der Bundeswehr.  Heute ist er Ortsvorsteher in Grünheide und engagiert sich im Heimatverein. Über die geheimnisvolle Bungalowsiedlung gibt es nur anonyme Zeitzeugenberichte und eine Skizze, sagt Runge. Nachfragen nach Unterlagen bei der Stasi-Unterlagenbehörde blieben ergebnislos. Die mysteriösen Gebäude im Wald verschwanden nach der Wende sehr schnell. Sie wurden abgerissen, die Fläche  aufgeforstet. Anfang der 1990er-Jahre ging es  vor allem um die Verwertung des Stasi-Geländes, um die Schaffung von Arbeitsplätzen, erzählt Runge.

Erst vor knapp zwei Jahren  haben Runge und Mitautoren in einer Reihe zur Geschichte des Ortes eine Broschüre zum Thema Grünheide und Stasi veröffentlicht. Es ist nicht viel, was dort zum Stasi-Gelände in Freienbrink und Grünheide zu lesen steht. Das meiste stammt aus Zeitungsberichten und Veröffentlichungen der Stasi-Unterlagenbehörde. Die Datenlage ist dünn. Wer von den ehemaligen MfS-Beschäftigten noch in der Gegend lebt, rede nicht darüber, erzählt Lothar Runge.

An die jungen Leute denken

Doch das öffentliche Interesse an der Tesla-Ansiedlung  rührt nun auch diese alten Geschichten wieder auf. Runge will noch einmal versuchen, mit Zeitzeugen ins Gespräch zu kommen.  "Das ist ja ein Teil unserer Geschichte." Dass Tesla bauen will, findet er gut.  Er weiß, dass nicht alle im Ort seiner Meinung sind. Denn die Ansiedlung werde auch Probleme mit sich bringen, vor allem die erwartete Verkehrsbelastung beunruhigt die Grünheider,   Auch Eberhard Rüdiger, engagierter Naturschützer,  ist für die Gigafactory. Der Tesla-Wald ist aus seiner Sicht ein Forst, zur Holzernte angelegt. Wichtig sei, dass es sinnvolle Ausgleichsmaßnahmen gebe, meint er. Dann nimmt der Naturschützer die Rodung in Kauf.  "Wir müssen auch mal an die jungen Leute denken."

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