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Arbeitnehmer Gehalt
Mindestlohn lässt Lohnungleichheit sinken

Der Mindestlohn wirkt. (Symbolbild)
Der Mindestlohn wirkt. (Symbolbild) © Foto: Sebastian Kahnert/dpa
Dieter Keller / 13.02.2020, 03:45 Uhr
Berlin (NBR) Seit der Mindestlohn 2015 eingeführt wurde, nimmt die Lohnungleichheit unter den Arbeitnehmern ab, und der Niedriglohnsektor schrumpft langsam. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin.

"Der Mindestlohn hat definitiv einen deutlichen Einfluss auf die Entwicklung der Lohnungleichheit gehabt, gerade für diejenigen Arbeitnehmer, die ausgesprochen niedrige Löhne hatten", schließt DIW-Forscher Markus M. Grabka aus den Ergebnissen. Allerdings wird nach seiner Schätzung immer noch etwa 2,4 Millionen Beschäftigte der volle Mindestlohn vorenthalten.

Schere schließt sich wieder

Basis der Studie sind Daten des Sozio-ökonomischen Panels (SOEP), für die Jahre 1995 bis 2018. Dafür werden jedes Jahr etwa 30 000 Menschen in 15 000 Haushalten ausführlich befragt. Das Ergebnis der Analyse: Vom Ende der 1990er-Jahre bis 2006 nahm die Lohnungleichheit deutlich zu, weil die Stundenlöhne der Geringverdiener sanken. Danach stagnierte sie auf hohem Niveau. Seither ist sie wieder auf das Niveau zu Beginn der 2000er-Jahre gesunken.

Das lässt sich an der Entwicklung der Bruttostundenlöhne festmachen: 1998 bekamen die zehn Prozent Topverdiener unter allen Arbeitnehmern 3,2mal so viel wie die untersten zehn Prozent. Dies stieg bis 2006 kontinuierlich auf das Vierfache. Seither hat der Abstand wieder auf das 3,6-Fache abgenommen. Vor allem in der unteren Hälfte der Verdienste hat sich die Schere geschlossen. Am deutlichsten war dies 2015 zu beobachten, als der gesetzliche Mindestlohn eingeführt wurde.

Seither ist auch der Niedriglohnsektor geschrumpft: 2015 bekamen 23,7 Prozent der Arbeitnehmer maximal zwei Drittel des mittleren Lohns. 2018 waren es 21,7 Prozent. Das entsprach damals etwa elf Euro brutto proStunde.

Allerdings erhielten 2018 immer noch etwa 2,4 Millionen Beschäftigte nicht den Mindestlohn, der damals bei 8,84 Euro pro Stunde lag, zeigen die Daten des SOEP. Werden auch unbezahlte Überstunden berücksichtigt, sind es sogar 3,8 Millionen Allerdings haben diese Zahlen Schwächen, geben die DIW-Forscher selbst zu: Viele Befragte wissen ihren Stundenlohn nicht genau, sondern können ihn nur schätzen, etwa weil sie mit ihrem Arbeitgeber einen Monats- und keinen Stundenlohn vereinbart haben.

Der aktuelle Mindestlohn in Deutschland liegt mit 9,35 Euro pro Stunde immer noch spürbar niedriger als in den anderen westeuropäischen EU-Staaten. Das zeigt der neue Mindestlohnbericht der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung. Spitzenreiter ist Luxemburg mit 12,38 Euro vor Frankreich (10,15) und den Niederlanden (10,14). Die niedrigsten Werte gibt es in Bulgarien (1,87) und Lettland (2,54).

Die Zahlen relativieren sich allerdings, wenn die unterschiedliche Kaufkraft berücksichtigt wird. Dann liegt Deutschland fast gleichauf mit Frankreich und den Niederlanden. Nur im besonders teuren Luxemburg ist der Verdienst etwa zehn Prozent höher.

In 21 der 27 EU-Staaten gibt es einen Mindestlohn. Im Schnitt stieg er zuletzt binnen Jahresfrist um sechs Prozent. Das sei zum Teil Ergebnis von Debatten und einzelnen Regierungsinitiativen gewesen, die darauf abzielten, Mindestlöhne auf ein existenzsicherndes Niveau anzuheben, analysiert die Böckler-Stiftung. Die Gewerkschaften fordern auch in Deutschland, dass ihn die Politik auf mindestens zwölf Euroerhöht.

Schützenhilfe bekommen sie von der EU-Kommission, die gerne die Mitgliedsstaaten verpflichten würde, dass der Mindestlohn 60 Prozent des mittleren Lohns des einzelnen Landes betragen muss. In Deutschland erreichte er 2018 nur 45,6 Prozent. Kann sich die EU durchsetzen, müsste er auf über zwölf Euro steigen. Spitzenreiter in der Gemeinschaft sind Frankreich und Portugal, wo er über 61 Prozent liegt.

Mehr Schutz für entsandte Beschäftigte

Wenn Beschäftigte aus anderen EU-Ländern von ihrem Arbeitgeber nach Deutschland entsandt werden, sollen sie künftig verstärkt zu hiesigen Bedingungen arbeiten. Mit der Umsetzung einer EU-Richtlinie will Arbeitsminister Hubertus Heil dafür sorgen, dass häufiger das Prinzip gilt: "Gleicher Lohn für gleiche Arbeit am gleichen Ort".

Bisher gelten für entsandte Beschäftigte nur Vorschriften über Mindestentgelte. Künftig sollen sie in den Genuss aller Elemente der Entlohnung kommen, auch von Zulagen für Überstunden oder Schmutz- und Gefahrenzulagen. Stellt der Arbeitgeber die Unterkunft, muss sie Mindestanforderungen genügen. ⇥dik

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