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Umwelt
Altpapierverwerter stecken in der Krise

Caroline Strang / 19.02.2020, 05:15 Uhr
Ulm Der Altpapiermarkt ist aus den Fugen geraten. "Die Situation ist derzeit sehr angespannt", sagt Eric Rehbock, Hauptgeschäftsführer des BVSE-Bundesverbands Sekundärrohstoffe und Entsorgung. "Wir befinden uns in der Tat mitten in einer Altpapierkrise." Schon jetzt übersteigen nach seinen Worten die Sammel-, Logistik- und Aufbereitungskosten teilweise den Erlös für Altpapier. Denn: ."Die Preise für Altpapier sind in den vergangenen Monaten stark gefallen."

In Zahlen sieht das so aus: Im Januar ist der Preis für sortiertes gemischtes Altpapier auf dem Weltmarkt auf rund 38 Euro pro Tonne gesunken, elf Euro weniger als im Dezember. Mitte 2017 hatte der Preis noch bei rund 150 Euro gelegen, bevor 2018 ein Einbruch erfolgte. Auch bei Kaufhaus-Altpapier und soegnannter sortierter Deinkingware, die vor allem aus Zeitungen und Illustrierten besteht, gingen die Preise in diesem Jahr bereits um 13 auf knapp 39 Euro beziehungsweise 95 Euro zurück.

Weltweites Überangebot

Dabei gilt Altpapier grundsätzlich als wertvoller Rohstoff. Auch Rehbock betont: "Altpapier ist nach wie vor ein werthaltiger Sekundärrohstoff, dessen Verwendung CO2 und Energie einspart und Ressourcen schont." Die Gründe für den Preisverfall liegen in Fernost. Weltweit gibt es ein Überangebot, weil China zum einen die Lizenzen für die Altpapiereinfuhr mengenmäßig stark beschnitten hat. Zum anderen hat die Regierung in Peking gleichzeitig den Qualitätsmaßstab an Altpapier-Importe drastisch erhöht, was einen Export dorthin erheblich erschwert.

So importierte China 2015 rund 30 Millionen Tonnen Altpapier aus aller Welt, zuletzt waren es noch zehn Millionen Tonnen, Tendenz sinkend. "Diese riesige Mengendifferenz verbleibt jetzt auch auf dem europäischem Markt, Altpapier schwappt sogar aus den USA zusätzlich herüber", erläutert Rehbock. Deshalb sind die Lager nun bis an die Kapazitätsgrenzen gefüllt. Die Altpapierentsorgung und das Recycling stünden jedoch nicht zur Disposition. "Allerdings müssen sich alle Beteiligten – Papierindustrie, Altpapierunternehmen und auch die Kommunen – ihrer Verantwortung bewusst sein."

Der Verband kommunaler Unternehmen (VKU) ist die Interessenvertretung der kommunalen Versorgungs- und Entsorgungswirtschaft in Deutschland. Auch dessen Sprecherin ist sich sicher: "Dort, wo die Kommunen die Altpapiersammlung durchführen, ist die Fortführung gesichert, da die Kommunen einen gesetzlichen Entsorgungsauftrag haben." In einigen Kommunen übernehmen die Sammlung Firmen oder Vereine, die dadurch ihre Kasse aufbessern. Hier könne der Fortbestand gefährdet sein. Im Falle einer Einstellung solcher Sammlungen muss laut VKU die Kommune die Sammlung übernehmen.

Kommen deshalb höhere Kosten für die Entsorgung auf die Verbraucher zu? "Kurzfristig werden sich die Gebühren für die meisten Bürgerinnen und Bürger wegen des Preisverfalls für Altpapier nicht erhöhen", sagt Rehbock. Allerdings seien die Altpapiereinnahmen in vielen Gebührenhaushalten der Kommunen fest eingeplant. "Bleiben diese aus und entstehen den Kommunen zukünftig für die Verwertung von Altpapier Kosten statt Einnahmen, kann dies auch zu Gebührenerhöhungen führen."

Das sieht der VKU ebenso: Auch wenn die Altpapier­erlöse  in der Gebührenkalkulation nur eine kleine Position ausmachen, "kann es sein, dass in einigen Kommunen die Müllgebühren angepasst werden müssen". Erste Städte und Gemeinden haben das schon angekündigt. Auch die Unternehmen trifft die Altpapierkrise. "Die Altpapierentsorgungsunternehmen befinden sich aktuell in einer durchaus existenzbedrohenden Situation", sagt Experte Rehbock.

Die Sammel-, Aufbereitung- und Logistikkosten des Altpapier­entsorgers lassen sich nach seiner Einschätzung mit der derzeitigen Höhe der Vergütung der Papierindustrie nicht mehr decken. Um sich über Wasser halten zu können, müssten Altpapier­entsorger daher ihre Gewerbekunden überzeugen, die Abholung, die Aufbereitung und die stoffliche Verwertung von Altpapier zu bezuschussen.

67 Kilo pro Person im Jahr

Rund 15 Prozent des Hausmülls der Haushalte in Deutschland ist Altpapier beziehungsweise die Abfallfraktion PPK, Papier, Pappe und Karton. Laut Statistischem Bundesamt sind das bei der jährlichen Menge von 455 Kilogramm je Einwohner rund 67 Kilogramm pro Person. + Tortengrafik

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