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Startups
Zwei Frauen bauen App gegen Vorurteile

In den Startlöchern: Die Schwestern Theo Kauffeld (links) und Louisa Wiethold wollen im Sommer ihre Lern-App für Geschlechtergerechtigkeit auf den Markt bringen. Das Crowdfunding dafür startet passenderweise diesen Sonntag am Weltfrauentag.
In den Startlöchern: Die Schwestern Theo Kauffeld (links) und Louisa Wiethold wollen im Sommer ihre Lern-App für Geschlechtergerechtigkeit auf den Markt bringen. Das Crowdfunding dafür startet passenderweise diesen Sonntag am Weltfrauentag. © Foto: Katharina Schmidt/MOZ
Katharina Schmidt / 05.03.2020, 09:19 Uhr - Aktualisiert 05.03.2020, 14:18
Berlin (MOZ) Die Welt der Startups ist innovativ, schillernd und vor allem männlich. Lediglich 15,1 Prozent der Startup-Gründer sind Frauen, folgt man den Zahlen der jüngsten Ausgabe des "Female Founders Monitors".

Die Publikation des Bundesverbands Deutscher Startups zeigt, dass jenes Geschlechtergefälle beim Gründen ein gern besprochenes Thema in der Szene ist. Auf die Frage nach der Ursache lautet die Antwort häufig, Frauen würden sich weniger zutrauen und seien zögerlicher bei der Unternehmensgründung. Die Soziologin Dr. Lena Schürmann forscht an der Berliner Humboldt-Universität im Bereich Selbstständigkeit und Unternehmertum. Der Erklärungsansatz, Frauen mangele es an Selbstbewusstsein, greift für die Forscherin zu kurz: "Ich würde tendenziell vorsichtig sein, wenn Eigenschaften einer Geschlechtergruppe zugewiesen werden. Das verkennt die Eingebundenheit der Handelnden in gesellschaftliche Strukturen, ins­titutionelle Dynamiken und kulturelle Muster." Die Gründung müsse vielmehr als Prozess betrachtet werden, an dem nicht nur Einzelpersonen, sondern die Gesellschaft, ihre Ordnungen und Institutionen beteiligt  seien.

Schon die Art der Ausbildung setze eine wesentliche Voraussetzung für die Art der Gründung. "Es gibt unterschiedliche Beteiligungen der Geschlechter an Ausbildungs- und Studiengängen. Das führt dazu, dass die Leute in den unterschiedlichen Feldern, in denen sie ausgebildet sind, gründen. Und nicht alle Ausbildungen eignen sich gleich gut", gibt Schürmann zu bedenken. Das bestätigt Philipp Heinicke vom Gründungszentrum der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder): "Die Gründer, egal ob Frauen oder Männer, gründen in dem Bereich, der sie interessiert und in dem sie Erfahrung haben". So sei der Frauenanteil bei den Kulturwissenschaften an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) sehr hoch. Allgemein liegt die Frauenquote bei den Gründern der Viadrina bei 50 Prozent und damit über dem Bundesdurchschnitt.

Die Zahlen des "Female Founders Monitors" bestätigen das Interessengefälle: Rund 15 Prozent der Gründerinnen haben einen Abschluss in Geistes- oder Kulturwissenschaften. Nur 5,6 Prozent studierten hingegen Informatik, Computer-Wissenschaft oder Mathematik, während der Anteil ihrer männlichen Kollegen in diesem Bereich knapp viermal so hoch ist. Und gerade bei Startups im sogenannten MINT-Bereich liegt das Innovationspotenzial. MINT ist eine Abkürzung für das Studienfach-Bündel Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik. "Mittlerweile gibt es große Bemühungen, Anreize für Frauen zu schaffen, MINT-Studiengänge zu absolvieren", sagt Schürmann. Noch sind Frauen in dem Bereich in der Unterzahl, was zu einer Schwierigkeit für die Studentinnen werden kann: "Wenn nur fünf Frauen unter 150 Männern in den Vorlesungen sitzen, werden die Personen, die sich das eigentlich zugetraut haben, mit ihrem Geschlechter- und Ausnahmestatus konfrontiert." Dieser Ausnahmestatus könne zu einer Handlungsunsicherheit bei den Personen führen, setzt Schürmann hinzu.

Subtile Entmutigung

Hinzu kommen geschlechtsbezogene Vorurteile, gegen die sich Gründerinnen zusätzlich durchsetzen müssen. Die Schwestern Theo Kauffeld und Louisa Wiethold haben mit anderen Frauen das Thema Gleichberechtigung der Geschlechter zum Kernthema ihrer Geschäftsidee gemacht. Ihre Lern-App "Equalista" soll auf sexistische Alltagssituationen aufmerksam machen und Strategien des Umgangs damit vermitteln.

Angebunden ist ihr Startup an das Gründungszentrum der Eberswalder Hochschule für nachhaltige Entwicklung. "Unser Startpunkt war die Tatsache, dass es in fast allen Bereichen zwar ein Geschlechtergefälle, aber wenig Wissen darüber gibt", erklärt Kauffeld. Ein Paradebeispiel für dieses Gefälle ist das Feld der Unternehmensgründung: "Männer bekommen viel Ermutigung, wenn sie verkünden, ein Startup gründen zu wollen. Frauen hingegen erhalten in den meisten Fällen ein komplett anderes Feedback durch Fragen wie: ‚Was sagt denn dein Mann dazu? Hast du dann noch genug Zeit für einen Mann?‘" Es sei wichtig, über diese strukturellen Unterschiede Bescheid zu wissen, "um sich im Beruf, aber auch im Alltag, durch Situationen zu navigieren und besser darauf vorbereitet zu sein", erläutert Kauffeld. Sie und ihre Kolleginnen sahen sich selbst mit diesen subtilen Verunsicherungen konfrontiert durch Fragen wie "Wollt ihr nicht lieber Workshops geben? Fangt doch lieber klein an." Bisher sei es noch so, dass Männer "gesellschaftlich als kompetitiver und durchsetzungsfähiger angesehen werden, während die Durchsetzungsstärke von Frauen häufig in Zweifel gezogen wird." Aus der Sicht von Kauffeld beginnen die Zuschreibungen schon im Kindesalter:  "Das Experimentieren wird bei Jungen gefördert: Wenn sie einen Baum hochklettern, werden sie meist ermutigt. Auch zu Konkurrenzverhalten werden sie bestärkt, etwa mit Spielen, in denen getestet wird, wer weiter werfen kann. Mädchen hingegen werden zur Vorsicht ermahnt und auf gegenseitige Harmonie und sich Kümmern getrimmt." Außerdem sind Frauen im Arbeitsleben nach wie vor mit der Annahme konfrontiert, eine Familie gründen zu wollen, "bei Männern wird hingegen angenommen, dass ihnen jemand den Rücken freihält", so Kauffeld.

Das könne Frauen auch bei der Kreditvergabe zu Lasten gelegt werden, gibt die Forscherin Lena Schürmann zu bedenken. Ihnen werde möglicherweise zugesprochen, aufgrund der Familie "nicht mit dem gleichen Elan wie ein Mann an die Unternehmung heranzugehen. Bei Männern wird hingegen nach wie vor davon ausgegangen, dass sie nicht von Sorgearbeit belastet werden, sondern sich Tag und Nacht ihrem Unternehmen widmen können", so die Soziologin.

Die Mikrobiologin Dagmar Köhler-Repp gründete ihr Potsdamer Unternehmen für maßgeschneiderte Nutztier-Impfstoffe vor 20 Jahren und musste sogar um ein Geschäftskonto kämpfen. "Mich fand die Bank offenbar ungewöhnlich", resümiert die Labor-Leiterin heute. Köhler-Repp ist zudem Ostdeutsche – ein biografisches Merkmal, das sie rückblickend als Vorteil bewertet: "Die Frage, ob Frauen gründen können, hat sich bei den Ostfrauen nicht gestellt." Von ihren Eltern, ebenfalls Naturwissenschaftler, erfuhr sie ausschließlich Ermutigung.

Ostdeutsche Avantgarde

Hinzu kam die Neuheit der Gesamtsituation nach der Wende: "Wir hatten wenig Angst vor der Marktwirtschaft, da es keine Vorlage gab", erinnert sie sich. "Das Vertraute war weg und das was kam, war unbekannt." Diesen Pragmatismus im Angesicht des Neuen beobachtete die Wissenschaftlerin Schürmann in einigen Interviews, die sie mit ostdeutschen Unternehmerinnen führte: "Sie wussten nicht, was kommt und was die Gesellschaft erwartet. Deswegen nutzen sie einfach die Chance, die sich ihnen geboten hat", gibt die Soziologin die Schilderungen der Frauen wieder.

Zudem wurde bei den Gesprächspartnerinnen eine große Risikobereitschaft beobachtet, "die uns sehr beeindruckt hat", blickt sie zurück. Die Einstellung der ostdeutschen Unternehmerinnen hat damit Avantgarde-Charakter wie Schürmann resümiert:  "Die Frauen sind Pionierinnen – auch für einen neues Unternehmerbild."

Wichtige Adressen für Gründerinnen

Bundesweite Gründerinnenagentur www.existenzgruenderinnen.de

Brandenburg www.gruendungsnetz.brandenburg.de

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