Das Nachrichtenportal für Brandenburg
Startseite Märkische Onlinezeitung - MOZ.de

Gesellschaftsspiele
Gute Karten - die Spielbranche boomt in der Corona-Krise

Gesellschaftsspiele sind zu Corona-Zeiten besonders gefragt. (Symbolfoto)
Gesellschaftsspiele sind zu Corona-Zeiten besonders gefragt. (Symbolfoto) © Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa
Jana Zahner / 11.04.2020, 03:30 Uhr - Aktualisiert 11.04.2020, 07:39
Ulm (SWP) In Zeiten von Corona findet der Spieleabend per Videochat statt. Den Laptop umringen Cocktailgläser und Spielkarten, auf dem Bildschirm ist ein junges Paar zu sehen. Das Exit-Rätselspiel um den "Raub auf dem Mississippi" lösen trotz Trennung alle Mitspieler gemeinsam.

Bilder wie diese posten Hobbyspieler und Verlage derzeit in sozialen Medien. Die Corona-Krise trübt die Spielfreude offenbar nicht. Im Gegenteil – im Onlinehandel ist die Nachfrage nach Gesellschaftsspielen sprunghaft angestiegen. "Das sind Dimensionen, die wir vorher nicht erlebt haben", sagt Frank Surholt, Pressesprecher des Versandhändlers Otto (Hamburg). Eine solche Masse an Bestellungen kenne man sonst nur vom Weihnachtsgeschäft. Auch bei Amazon befinden sich Gesellschaftsspiele wie Exit derzeit in der Liste der meistverkauften Spielzeuge, neben jahreszeittypischen Outdoor-Spielwaren wie Straßenmalkreide oder Gummi­twist. Gehören Brett- und Kartenspiele zu den Gewinnern der Corona-Krise?

Alles über das Coronavirus und seine Folgen für Brandenburg und Berlin in unserem Corona-Blog.

"Die Leute suchen jetzt nach Dingen, die sie gemeinsam zu Hause machen können", sagt Harald Schrapers, Jury-Vorsitzender für den Preis "Spiel des Jahres". Für Schrapers ist nun die ideale Zeit, um mit der Familie Brettspiele zu spielen.

Bei den Verlagen kann man sich über die hohe Nachfrage nicht ungetrübt freuen; bedrohen doch die Schließungen im Einzelhandel, mitten im Ostergeschäft, die Existenz vieler Spielehändler. Der Kosmos Verlag mit Sitz in Stuttgart hat auf seiner Webseite Händler aufgelistet, die Liefer- oder Abholdienste anbieten. "Mittel- und langfristig ist der stationäre Handel sehr wichtig für die Spieleszene und uns", sagt Heiko Windfelder, Verlagsleiter Spielware bei Kosmos. Der Onlinehandel könne das nicht auf Dauer auffangen.

Hygienevorschriften belasten Produktion und Testgruppen

Auch die Entwicklung von Neuerscheinungen steht vor Problemen: "Sie brauchen permanent Testgruppen", sagt Windfelder. Diese seien für die Redaktion aufgrund des Kontaktverbots schwierig zu organisieren.

Auch in Oberschwaben sieht man die Situation mit Sorge. "Ravensburger ist wie viele andere Unternehmen von Zulieferern abhängig, die in der Corona-Krise unter Druck geraten", sagt Sprecher Heinrich Hüntelmann. Verschärfte Hygienemaßnahmen und neue Schichtpläne belasteten die Produktion. "Wir rechnen mit wirtschaftlichen Einbußen in der Corona-Krise, auch wenn die Nachfrage noch so erfreulich ist", sagt Hüntelmann.

Dennoch: Die Krise trifft auf eine Branche, die sich seit Jahren auf Wachstumskurs befindet. "Spielen boomt insgesamt", sagt Hermann Hutter, Vorsitzender des Branchenverbandes Spieleverlage e.V.. Ein Besuch auf der "Spiel" in Essen, der weltgrößten Messe für Brett- und Kartenspiele, zeigt die Vielfalt des Marktes. Die Produkte sind schon lange nicht mehr allein dazu da, Kindern die Zeit zu vertreiben. Das Augenmerk richtet sich zunehmend auf junge Erwachsene von 15 bis 35 Jahren: als leichtes Partygame oder abendfüllendes Kennerspiel, das auch mal 80 € aufwärts kostet.

Kooperative Brettspiele liegen im Trend

Statt schlichter Optik wie bei "Mensch ärgere dich nicht" überbieten sich viele der mehr als 1000 Neuerscheinungen pro Jahr mit aufwendiger Gestaltung. Inhaltlich und strategisch sind die Spiele komplexer geworden und greifen auch ernste Themen auf. Im Trend liegen kooperative Brettspiele, bei denen man gemeinsam ein Ziel erreicht.

Bei einem der erfolgreichsten kooperativen Kennerspiele der vergangenen Jahre, "Pandemic Legacy", geht es ausgerechnet um globale Seuchen; die Spieler haben 12 Partien Zeit, um deren Ausbreitung gemeinsam zu bekämpfen. Die Handlung entwickelt sich wie bei einer Fernsehserie, jede Partie hat Folgen für die nächste. Sind die Aufgaben erfolgreich erfüllt, öffnen die Spieler ein Päckchen mit Erweiterungen, die das Spielbrett verändern.

Wer sich normalerweise mit Freunden zum Spielen solcher aufwendiger Brettspiele trifft, dem bleibt nun die Videokonferenz – oder, sein häusliches Umfeld für das Hobby zu gewinnen. "Es gibt so viele gute Spiele, die sofort jeden begeistern", sagt Spielekritiker Schrapers. Er hofft, dass viele Menschen gerade Gesellschaftsspiele entdecken – und nach Corona daran festhalten. "Ich glaube nicht, dass die Brettspiele zu den Krisenverlierern zählen werden."

Wachstum um mehr als 50 Prozent

Schlagwörter

Leserforum

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte oben rechts an. Falls Sie noch keinen Login haben, registrieren Sie sich bitte.

Alle Leserkommentare geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen des Autors wieder und sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte übernimmt die Redaktion keinerlei Gewähr.

Ihr Kommentar zum Thema

Kommentartitel
Name
(öffentlich sichtbar)
Email
(wird nicht veröffentlicht)
© 2020 MOZ.de Märkisches Medienhaus GmbH & Co. KG