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Gauck beklagt „Unkultur des Verdrusses“

Bundespräsidentschaftskandidat Joachim Gauck.
Bundespräsidentschaftskandidat Joachim Gauck. © Foto: dpa
12.06.2010, 17:39 Uhr
Rostock (DPA) Joachim Gauck ist zurück in seiner Geburtsstadt Rostock. Dort, wo seine theologische und politische Karriere begann. Sichtlich aufgeräumt spricht der Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten, für das er von SPD und Grünen ins Rennen geschickt worden ist, am Samstag über den Stand der Einheit - 20 Jahre nach der Wende, die er als führendes Mitglied der DDR-Bürgerrechtsbewegung mitgeprägt hat.

Gauck spricht klar, seine Worte in der Universität vor rund 450 Stipendiaten des Deutschen Akademischen Austauschdienstes werden aufs Genaueste unter einem Gesichtspunkt abgewogen: „Kann der das überhaupt?“ Der 70-Jährige lässt in den gut 90 Minuten im Hörsaal kaum Zweifel an seiner Befähigung aufkommen.    Seinen Zuhörern, vor allem denen aus Afrika, Asien und Südamerika, müsse Deutschland wie eine Oase der Ruhe vorkommen, sagt Gauck. „Aber die Deutschen wissen davon wenig.“ Bei vielen sei das Lebensgefühl nicht auf dem wirtschaftlichen oder demokratischen Niveau ihres Landes angekommen. „Deutsche lieben es, betrübt zu sein. (...) Das ganze Land lebt häufig von einer Unkultur des Verdrusses“ - als Äquivalent des ungeheuren Reichtums. „Aber Glück, das nur materiell daherkommt, erlöst nicht“, betont Gauck. In diesen Minuten ist ihm anzumerken, dass er einst Pfarrer war.    Deutschland sei in einem Stadium der Verzagtheit, noch „fremdeln“ viele Ostdeutsche genauso wie viele Osteuropäer. Es dauere seine Zeit, bis sich die von Diktatur geprägten Staaten mit den etablierten Demokratien des Westens zusammenfügten. „Als wir „das Volk“ waren, waren wir stark“, sagte Gauck in Erinnerung an die Wendezeit. Aber wenn Starksein Mühe mache, gingen wieder einige zurück in das Lager der Ohnmächtigen. „Der Stolz von ‚89/‘90 lebt nicht mehr in uns.“ Das sei auch deutlich an der geringen Wahlbeteiligung abzulesen.    Als früherer Leiter der Stasi-Unterlagenbehörde ist Gauck ein intimer Kenner der Befindlichkeiten zwischen Ost und West. In der DDR-Diktatur sei die Lebensmaxime gewesen: „Beuge dich, sei gehorsam.“ Er wirbt deshalb um Verständnis für die Situation der Menschen im Osten, bei denen die Diktatur tiefe Spuren in den Seelen hinterlassen habe.    Gauck sieht Deutschland als Übergangsgesellschaft, in der sich zwei Gruppen gegenüberstehen. Einerseits jene Menschen, die ins Lager der Mächtigen eingetreten sind - eine „aus dem kleinen Osten“ regiere gerade „das große Deutschland“. Auf der anderen Seite stehe die große Gruppe, die den Weg in die politische oder ökonomische Ermächtigung noch nicht geschafft hätten. Sie verharrten in der Zwischenform des Geführtwerdens und des Selbst-Engagements. Gauck sagt von sich, dass er schon immer Menschen ermutigen konnte, damit sie sich nicht von Angst regieren ließen. Man könne auf Angst reagieren, indem man flüchte oder standhalte - „ich bin für Standhalten“.    Nur zu Beginn seiner Rede spricht Gauck über seine Rolle als Kandidat. Er weiß, seine Chancen sind angesichts der Mehrheitsverhältnisse in der Bundesversammlung „überschaubar“ und „eher begrenzt“. Aber er erlebe gerade eine Welle der Ermutigung. Auch Union und FDP, „die die Mehrheiten verwalten“, seien in einen ernsten Prozess des Nachdenkens geraten. „Also, da schau‘n wir mal“, zitiert er Franz Beckenbauer unter dem Gelächter der Studenten.

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