Auf den am Coconat in Klein Glien verlegten Bahngleisen steht nun ein alter S-Bahn-Waggon. Nach mehrstündiger Fahrt via Schwerlasttransporter kam ein tonnenschwerer historischer Berliner S-Bahn-Wagon auf dem Gutshof des Coconat - Ort für Coworking und Coliving - an. Dort wurde er mittels Kränen erfolgreich auf sein frisch montiertes Gleisbett gestellt. Das spektakuläre Ereignis wurde von zahlreichen Schaulustigen begleitet. Vorbeifahrende hielten an, Ortsansässige hatten es sich mit Campingstühlen und Kaffee bequem gemacht, um das Spektakel zu verfolgen. Millimetergenau musste der Michendorfer Krandienst GmbH die Gurte anpassen, damit die Bahn beim Anheben im Gleichgewicht blieb. Das nahm einige Stunden in Anspruch. Aber schließlich konnte unter großem Beifall der Anwesenden der Waggon auf das Gleis gesetzt werden.

Waggon dem Verein Historische S-Bahn e.V.  Berlin abgekauft

Der Waggon gehört zum Prototyp der Bauart Stadtbahn, die noch bis 1997 im Einsatz war. Als Berlin sich 1921 zur zweitgrößten Metropole der Welt gemausert hatte, fuhren durch die Stadt noch Dampflokomotiven. Damals wurden elf Millionen Reichsmark in Probeversuche mit elektrischen Zügen investiert. Schließlich wurden 1268 Waggons in Auftrag gegeben, für die damalige Zeit eine beachtliche Zahl. Zunächst stellte man acht Waggons als Prototypen her. Einer davon steht nun in Klein Glien.
Kleinere Schäden durch den Krieg konnten behoben werden. Nach dem Krieg endete die S-Bahn in Wannsee. Sie wurde jedoch von den Westberlinern boykottiert, da die Bahn weiterhin von der ostdeutschen Reichsbahn betrieben wurde – ein Novum zu dieser Zeit. Kurz vor dem Mauerfall wurden diese Züge ausgemustert, da hatte der Waggon seit seiner Fertigung 1927 etwa fünf Millionen Kilometer zurückgelegt. Die Waggons gingen in den Besitz des Vereins Historische S-Bahn e.V.  Berlin über, der Triebwagen steht seit 2006 im Deutschen Museum in München. „Wir sind froh, dass für den Waggon hier eine neue Zukunft gefunden wird“, so der Vereinsvorsitzende Robin Gottschlag. Sogar ein altes Betriebsbuch wurde von einem pensionierten Mitarbeiter der S-Bahn zusammengestellt und überreicht.

Die Bürgermeister Roland Leisegang und Marco Beckendorf bei der Ankunft zugegen

Auch Roland Leisegang, Bürgermeister von Bad Belzig, und Marco Beckendorf, Bürgermeister der Gemeinde Wiesenburg/Mark, freuten sich über die Ankunft des Waggons. Sie sehen das Coconat als Schmelztiegel zur Entwicklung neuer Projekte für Zukunftsfelder. Das Smart-Village-Projekt sei dabei wie die Spinne im Netz, die versucht, alle Fäden zusammen zu halten, so Leisegang. „Dabei muss nicht alles perfekt aussehen“, ergänzt Marco Beckendorf. „Dieser morbide Charme kommt oftmals viel besser an.“

Der Waggon für das Ziel einer nachhaltigen Mobilität - auch auf dem Land

So schön und nachhaltig eine wirkliche Zuganbindung wohl auch wäre, diese wird ein Traum bleiben. „Das Projekt Heim[at]office von Neuland 21, welches sich um ortsungebundenes Arbeiten kümmert, hat 20.000 Euro Investitionsmittel zur Verfügung“, erklärt Janosch Dietrich den Werdegang der Beschaffung des Waggons. Man konnte sich mit Ideen bewerben und fand den Gedanken mit einem Waggon passend für das Ziel einer nachhaltigen Mobilität. Durch die weitreichende Vernetzung des Coconat und Anfragen an die verschiedensten Leute wurde der Verein Historische S-Bahn aus Berlin auf die Idee aufmerksam und bot den Prototyp der Berliner S-Bahn zum Kauf an. Das Coconat hat gerade das Nachbargrundstück erworben, wo die dortigen Hühnerställe als digitale Arbeitsplätze für Einheimische ausgebaut werden sollen. Man fand so, dass der Waggon sowohl ein toller Blickfang im Eingangsbereich, als auch als Abgrenzung wäre. Auch soll der Waggon ausgebaut werden mit Arbeitsplätzen, Kaffeeecke, Sitzecken und anderem, aber das 50er Jahre-Design bleibt erhalten.

Deutsche Bahn half bei der Anreise des 26 Tonnen schweren Waggons

„Als wir die Zusage für den Waggon hatten, begann die Überlegung, wohin damit. Immerhin wiegt er 26 Tonnen“, schmunzelte Janosch Dietrich. Also blieb nach Absprache mit Architekt und Statiker nichts anderes übrig, als ein Gleis verlegen zu lassen. Die Deutsche Bahn war sofort bereit, die Arbeit zu einem annehmbaren Preis zu übernehmen. Und nun steht er endlich und die Ausbauarbeiten können in Angriff genommen werden.

Felix Hartenstein, neuer Smart-City-Projektleiter für Bad Belzig vorgestellt

Der besondere Tag wurde gleichzeitig dazu genutzt, den neuen Smart-City-Projektleiter für Bad Belzig, Felix Hartenstein,  vorzustellen. „Ich komme mir gerade vor, als würde ich auf einen großen, rollenden ICE aufspringen“, sagte er in seinen Begrüßungsworten. Jetzt müsse er sich erst mal einarbeiten und alle Projekte kennenzulernen und zu verstehen. Zu seiner Freude wird es hinter dem Bad Belziger Rathaus ein kleines Büro für Smart City geben. „Ich hoffe, dass die Leute nicht nur vorbeigehen, sondern auch hereinkommen und mit uns reden“, so Hartenstein.
Der 40-Jährige stammt aus Berlin, hat Volkswirtschaft studiert und im Bereich Stadtentwicklung gearbeitet. Bis November 2020 hat in einem Forschungsprojekt der TU Dresden gearbeitet. In diesem ging es um die Frage, wie die „Smart City Charta“ auf kommunaler Ebene umgesetzt werden kann. „Dieser Leitfaden war jedoch sehr blümerant“, schmunzelt Felix Hartenstein. Man könnte, man müsste, man sollte... Kurz nach seinem Ausscheiden aus dem Forschungsprojekt kam die Stellenausschreibung für Smart City. Jetzt freut sich Felix Hartenstein, dass er das, was er theoretisch erarbeitet hat, praktisch in die Tat umsetzen kann.