Der Belziger Otto Böttche geriet 1914 zu Beginn des Ersten Weltkrieges in russische Gefangenschaft. Während dieser Zeit lernte er die russische Sprache. Ende 1918 kam er aus Wladiwostok zurück. Seine Enkeltochter Rut Ritter erzählt: „Er war Maurer und arbeitete während des Zweiten Weltkrieges bei einem Bauunternehmen in Belzig.

Arbeitsplatz am Gefangenenlager im Grünen Grund

Sein Arbeitsplatz befand sich unmittelbar am Zaun des Gefangenenlagers im Grünen Grund. Dort stand seine Baubude, in welcher sein Werkzeug untergebracht war. Mit einem Sonderausweis durfte er das Lager betreten. Meine Großmutter brachte ihm täglich das Mittagessen, in den Sommerferien durfte ich sie begleiten. Großvater erhielt dann die Erlaubnis, drei Russinnen für Arbeiten auf seinen Wiesen mitzunehmen.

Drei Mädchen im eigene Heim versorgt

Diese jungen Mädchen brachte er mit nach Hause und führte mit ihnen lange Gespräche in ihrer Muttersprache. Leider konnte ich von der Unterhaltung nichts verstehen. An Katja, die aus der Ukraine stammte, kann ich mich gut erinnern. Meine Großmutter sorgte dafür, dass die Mädchen reichlich zu essen bekamen - was für sie in jenen Jahren und bei der spartanischen Verpflegung im Lager mehr als dringlich war.“

Otto Böttche bewies Mut und menschliche Größe

Otto Böttche gehörte damals zu den Belzigern, die Mut und menschliche Größe bewiesen - trotz der Gefahr, die ihnen bei Bekanntwerden gedroht hätte. Im druckfrisch erschienen Teil 4 der Reihe „Schicksale“ - einer Dokumentation über das Zwangsarbeiterlager Roederhof in Belzig - ist erstmals auch von mutigen Belzigern wie Otto Böttche zu lesen.
„Wir hoffen, mit diesem Kapitel Menschen zu erreichen, die uns noch von den Geschehnissen im Lager Roederhof und in der gleichnamigen Munitionsfabrik erzählen können. Letztere war immerhin nicht nur Arbeitsstätte für Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene aus dem Lager, sondern auch für Menschen aus der Stadt und den umliegenden Orten. Noch immer sind viele Fragen offen“, erläutern Bärbel Kraemer und Inge Richter.

Bärbel Kraemer und Inge Richter brachten Fortsetzungsband zu Papier

In den vergangenen sechs Monaten haben die beiden Frauen - 19 Jahre nach Erscheinen des ersten Teils der „Schicksale“-Reihe - den Fortsetzungsband der Druckschrift erarbeitet. Auf offene Fragen gelang es, Antworten zu finden.
„Im 2017 erschienenen Band 3 hatten wir im Anhang eine Namenliste aus dem Totenbuch der Katholischen Kirche abgedruckt“, erzählt Inge Richter. Darin enthaltend die Namen von Aluschka Lawerenko und Eugen Obuchowa. Einige Zeit nach der Buchvorstellung erinnerte sich eine Bad Belzigerin an diese Namen, vermittelte weitere Kontakte und half somit, dass Schicksale der kleinen Aluschka und des kleinen Eugen - beide Kinder wurden nicht einmal ein Jahr alt - aufzuklären.

„Schicksale“ - auf 110 Seiten

110 Seiten umfasst der neue Fortsetzungsband der Reihe „Schicksale“. Darin enthaltend auch die Briefe, die der Förderkreis Roederhof aus Anlass des 75. Jahrestages der Befreiung von Nachfahren der im Lager im Grünen Grund inhaftieren Frauen erhielt. Eigentlich wollten einige von ihnen am traditionellen Gedenken am 3. Mai 2020 teilnehmen. Bedingt durch die Corona-Pandemie musste dasselbe jedoch abgesagt werden. Das Gedenken wurde in dieser Folge ein stilles Gedenken. Nur Bürgermeister Roland Leisegang und die Vorsitzende des Förderkreises Roederhof, Inge Richter, legten gemeinsam am Mahnmal im Grünen Grund ein Gebinde nieder. Weitere Bürger der Stadt folgten ihnen und legten unabhängig davon Blumen nieder. „Bedingt durch die Pandemie musste dieser Tage auch die online geplante Buchpräsentation abgesagt werden“, ergänzt Bärbel Kraemer.

Teil 4 für eine 3-Euro-Spende erhältlich

In den Handel abgegeben werden konnte die über den Lokalen Aktionsplan „Hoher Fläming“ aus dem Bundesprogramm „Demokratie Leben“ geförderte Druckschrift indes noch rechtzeitig.
Das Buch „Schicksale“ Teil 4 ist gegen eine Spende von drei Euro in der Touristinformation, in der Buchhandlung Ritter und im Infocafé „Der Winkel“ erhältlich. Inge Richter fügt hinzu: „Die Klassensätze, die der Förderkreis den Schulen der Stadt zur Verfügung stellt, werden im neuen Jahr übergeben.“