Im Sommer 1926 ging diese Postkarte - darstellend das Gasthaus von Karl Sperfeld in Jeserig bei Wiesenburg - auf Reisen. Die Empfänger derselben lebten in Berlin. Der Schreiber des Kartengrußes befand sich wiederum auf der Durchreise und hatte für eine Nacht Quartier im Gasthof genommen. Am Tag zuvor war er durch Belzig und Raben gekommen und wollte nunmehr weiter nach Staßfurt reisen. Ob er bei seiner Tour durch den Fläming in Jeserig auch Heidelbeerpflückern begegnet war? Gut möglich. Immerhin war der Gasthof Sperfeld damals bei Heidelbeerpflückern und Pilzsuchern aus den großen Städten eine gefragte Adresse. Letztere quartierten sich zumeist gleich über mehrere Tage dort ein. Erzählungen zufolge soll der Keller der Gastwirtschaft während der Heidelbeersaison zugleich als Kühllager für die geschmackvollen blauen Waldbeeren genutzt worden sein.

Sommer im Zeichen der Heidelbeere

In der Juniausgabe des „Heimatfreundes“ von 1956 widmet der Belziger Lehrer und Chronist Gerhard Hinze der beginnenden Heidelbeersaison einen Aufsatz. Er schreibt: „Schon in früheren Zeiten war das Walderdbeer- und Heidelbeerpflücken eine beträchtliche Einnahmequelle der Brandtsheidebewohner. So bekam man um 1880 für das Liter Heidelbeeren 13 bis 15 Pfennig. Für die Schulkinder gab es in dieser Zeit besondere Heidelbeerferien, die jährlich bei der Landesregierung beantragt werden mussten. Jeder Heidelbeerpflücker musste vom zuständigen Förster einen Berechtigungsschein für das Sammeln von Heidelbeeren und Pilzen für drei Mark erwerben, wenn er nicht des Waldes verwiesen werden wollte. Erst seit einigen Jahren hat man diese Einrichtung abgeschafft.

‚Heelebeern - der Mann von Seern!‘

Händler kamen abends in den ‚Busch‘ und kauften gleich an Ort und Stelle die Heidelbeeren auf, um sie in den umliegenden Städten zu verkaufen. Ein Händler aus dem nahen Serno zahlte besonders gute Preise, deshalb wurden zur Abendzeit die Kinder mit der Suche nach dem Sernoschen Handelswagen beauftragt. So entstand der Ruf: ‚Heelebeern - der Mann von Seern!‘, der damals wohl gern von den geschäftstüchtigen Händlern übernommen wurde und heute von den Kindern noch gerufen wird. Bis zum Zweiten Weltkrieg fuhren in dieser Zeit etliche Familienväter in die Stadt.

Städter in den Flämingwäldern

Mit dem Rufe: ‚Heidelbeeren‘ zogen sie in einen großen Wagen, voll mit Heidelbeeren und Pilzen (Pfifferlinge, Steinpilze, Grünlinge, Hahnenkämme) beladen, durch die Straßen von Dessau, Zerbst und Magdeburg, ja bis nach Halberstadt und Wernigerode reichte ihr Handelsgebiet. In den Kriegs- und Nachkriegsjahren kamen tausende von Städtern in die Flämingwälder, um die karge Speisekarte etwas zu verbessern. Heidelbeermus, Heidelbeerkompott, Heidelbeerkuchen und Heidelbeerwein waren und sind noch heute geschätzte Kostbarkeiten.“

Sonderhalte für die Sammler

Die Heidelbeer- und Pilzsammler  reisten wiederum vielfach mit der Bahn an. Sie kamen auf den Bahnhöfen in Wiesenburg, Medewitz oder Borne an. Lange Zeit soll es auf freier Strecke sogar Sonderhalte für die Sammler gegeben haben – jeweils nach Absprache mit dem Zugpersonal. Man fuhr schließlich mit der von den Heidelbeer- und Pilzsammlern als  „Heidelbeerbahn“ bezeichneten Eisenbahn in den Fläming.