Von der Orgelempore bis in den Saal der Niemegker Kirche ist ein Höhenunterschied von mehr als sieben Metern zu überwinden. Wie viele Treppenstufen damit verbunden sind, haben die Orgelbauer der Berliner Orgelbaufirma Karl Schuke, die dieser Tage wieder in Niemegk anzutreffen waren, nicht gezählt.
Warum auch. Dank einer mobilen Hebebühne, die von der ortsansässigen Dachdeckerfirma Bernd Lutsch in der Kirche aufgestellt wurde, blieb Orgelbaumeister Tobias Herold und seinem Kollegen, dem Orgelbauer und Tischler Leon Lefevre, ein andauernder Treppenlauf mit kostbarer und schwerer Last auf den Schultern erspart.
Und so konnten die von ihnen für den Abtransport in die Werkstatt ausgebauten Orgelpfeifen - die längsten waren rund fünf Meter lang - wie von Zauberhand mittels Hebebühne von der Orgelempore herabschweben.

Restaurierung bis Mitte 2021

Am Donnerstag wurde das kostbare Gut dann mit einem LKW abgeholt. Für Pfarrer Daniel Geißler war damit ein besonderer Moment verbunden. Glücklich und stolz zugleich konnte er verkünden: „Der letzte Bauabschnitt an unserer Orgel beginnt.“
Mitte des nächsten Jahres soll das Werk vollendet sein und die Niemegker Kirchenorgel nicht nur in altem Glanz erstrahlen, sondern auch erklingen! Genau so, wie ihr Schöpfer - der Niemegker Orgelbaumeister Wilhelm Baer - sie in der Mitte des 19. Jahrhunderts erschaffen hatte.

Größte Orgel im Landkreis Potsdam Mittelmark

Bis dahin muss das 1853 erbaute Instrument, welches zugleich das größte im Landkreis Potsdam-Mittelmark ist, jedoch nicht schweigen. „Die Orgel ist weiter bespielbar“, so Tobias Herold. Er erklärt, dass nur die Orgelpfeifen und Register, die über das Pedalwerk gespielt werden - also mit den Füßen - derzeit nicht nutzbar sind. Damit verbunden werden auch zig kleine Winkel, Wellen, Abstrakte und Windladen, die hinter dem Orgelgehäuse verborgen und für das Auge nicht sichtbar sind, überarbeitet.
Vor dem Abtransport der 189 Orgelpfeifen stand natürlich der Ausbau. Eine Arbeit, die fast drei Tage in Anspruch nahm. In den kommenden Monaten werden sie gründlich gereinigt und aufgearbeitet. Einige müssen sogar nach historischer Vorlage neu gebaut werden. In diesem Zusammenhang erhält die Niemegker Orgel ihre Posaune 16 Fuß zurück.

Besonderheit an der Niemegker Orgel

Tobias Herold erklärt, dass nur wenige Orgeln mit einem solchen Register ausgestattet sind und dass Orgelbaumeister Wilhelm Baer nur ein einziges Mal in seiner Karriere eine solche Posaune baute. Nicht ohne Grund für die Niemegker Kirche. „Er wohnte gegenüber und wollte seiner Heimatstadt wohl etwas ganz besonderes schenken. In dieser Orgel steckt sehr viele Liebe und Herzblut“, so der Orgelbaumeister weiter. Lediglich der so genannte „Stock“ im Orgelgehäuse ist noch vorhanden. Weshalb auch die Posaune nachgebaut werden muss.
Beim Bau inspirieren ließ sich Baer von Orgeln, die der von ihm verehrte Orgelbauer Joachim Wagner geschaffen hatte. Eine davon steht in der Jüterboger Liebfrauenkirche. „Wagner wird auch als der märkische Silbermann bezeichnet“, so Herold weiter.

Detektivarbeit für Restaurierungsvorbereitung

Neben der Posaune bekommt die Niemegker Orgel ein von Baer ebenfalls eingebautes Violinenregister zurück. Auch diese Pfeifen müssen komplett nachgebaut werden. Trotz der vorhandenen Pläne ist dafür weitere Detektivarbeit nötig - wie schon bei der Restaurierung der Spieltischtüren während eines vorangegangenen Bauabschnittes. Fündig wurden die Orgelbauer unter anderem in der Dahnsdorfer Kirche, in der ebenfalls eine Baer Orgel steht. Mit einem Violinregister, das wie die Posaune in den 1950er Jahren in der Niemegker Orgel ausgebaut wurde. Damals hatte die Gemeinde Gelegenheit, die Kirchenorgel instand setzen zu lassen - nachdem Niemegk in den letzten Kriegstagen des Zweiten Weltkrieges unter Beschuss gelegen hatte und die Kirche samt Orgel in Mitleidenschaft gezogen worden war. Die damals erfolgten Arbeiten führten jedoch zu einer starken Veränderung der Klangfarbe, die jetzt mit der 250.000 Euro teuren Rekonstruktion wieder rückgängig gemacht wird.