Besuchermagnet: Kolonisten-Kaffee in Neulietzegöricke immer beliebter und bald größer
Ganz klassisch Kaffee und Kuchen
Die Tür geht auf. Laufkundschaft. Ein paar Stücke Kuchen zum Mitnehmen. Und schon im nächsten Augenblick treten neue Kunden ein. Man grüßt sich. „Wir müssen mal wieder schauen, wie es Ihnen so geht“, sagt eine ältere Dame. Kurz darauf nehmen Sibylle Bodenhagen, 72, aus Berlin und ihr Partner Horst Mielke, 91, der ursprünglich aus Eisenhüttenstadt stammt, am Fenster Platz. Sie kämen öfters spontan ins Oderbruch. Und wenn, dann steht ein Besuch im Kolonisten-Kaffee immer auf der Agenda. Sie würden immer RBB Brandenburg schauen, erzählt Mielke, und da seien sie in einer Fernsehsendung vor ein paar Jahren auf das Café aufmerksam geworden. Bodenhagen wirft ein: „Wir mussten unbedingt hierher und uns das angucken.“ Vor ihnen stehen Mohnkuchen und Apfel-Streusel – mit extra viel Schlagsahne. „Wir futtern uns durch“, sagt Bodenhagen und lächelt.
Gleich hinter ihnen, in der Sofa-Ecke, haben es sich Melanie Baier, 36, aus Falkenberg und ihre Mutter aus Fredersdorf gemütlich gemacht. Baier ist gerade mit dem Stillen ihrer Tochter fertig geworden: „Immer wenn Mama da ist, fahren wir hier zum Café. Der Kuchen ist das allerbeste, die Besitzerin immer nett.“ Baier weiß auch um die Popularität des Cafés über die Grenzen des Oderbruchs hinaus: „In Berlin ist es ein heißer Tipp.“ Und doch will Herrlich-Gryzan es hier ganz normal, ganz traditionell halten. „Ich lebe hauptsächlich von Rentnern, von unseren Rentnern.“ Lesungen oder Liederabende wollte sie von Anfang an nicht. „Ich bin keine abgehobene Berlinerin, die mit solchen Spleens kommt. Damit verprellst du unsere Leute. Die wollen ganz normal nur kommen, ein bisschen Kaffee und Kuchen, ein bisschen schnattern. Und abends bin ich echt zufrieden, wenn um 18 Uhr der Hammer fällt.“ In der Saison ist sie vor fünf Uhr morgens im Geschäft, backt 12 bis 16 Kuchen pro Tag.
Mit Wehmut in der Stimme erzählt Herrlich-Gryzan, dass sie schon lange nicht mehr zum Unterhalten mit den Gästen komme. Einzige Ausnahme: ihre Stammgäste. Die kämen jedes Wochenende, aus der Umgebung, aus Berlin, sogar aus Bad Saarow und Fürstenwalde. Auch an diesem Tag bleibt Zeit für einen kleinen Plausch mit Brunhilde Vogt aus Schönow und ihrem Cousin Richard Lange aus Alttrebbin. Die beiden haben an ihrem Stammplatz in der Mitte des Cafés Platz genommen. Die 86-Jährige und der 85-Jährige genießen ihre Café-Aufenthalte, nehmen oft Enkel und Urenkel mit. Sonnabends kommt es zum Wiedertreffen und Austauschen mit anderen Stammgästen. Viele andere Möglichkeiten hätten sie nicht. „Hier ist ja ringsum nichts“, ergänzt Lange. „Zeit haben wir, da kann man ein bisschen das Rentnerleben leben.“ Martina Herrlich-Gryzan steht hinter der Kasse und ruft zum Tisch rüber: „Na, verraten sie alles?“ Vogt lacht und antwortet: „Wir können nichts Schlechtes sagen, meine Liebe.“ Wie viele Gäste genießt Lange vor allem den Kuchen. Der sei „nicht so süß wie in den Backstuben.“ Herrlich-Gryzan backt extra mit wenig Zucker. Sie weiß, was ihr schmeckt und das schmecke auch ihren Gästen. Ihre Kuchen bestückt sie saisonal aus dem Garten, beginnend mit Rhabarber, dann Erdbeeren, Sauerkirschen, Stachelbeeren und am Ende Pflaumen. Ihr Mann backt die berühmten Spritzkuchen des Cafés, die aufgrund des hohen Aufwands nur sonntags verkauft werden. Die Spezialität der Besitzerin sind Käsekuchen mit sämtlichen Toppings. „Klassisch ohne Boden und fluffig“, erklärt sie.
Der Name bleibt
Zwischen Ofen und Tresen hängt ein Bild von Friedrich dem Großen, das als Grundlage für das Logo des Kolonisten-Kaffees diente. „X-mal“ erkläre sie den Namen des Cafés, erzählt Herrlich-Gryzan. „Natürlich wird man drauf angesprochen. Dann erzähle ich Trockenlegung Oderbruch, der Alte Fritz…“ Friedrich der Große initiierte die Trockenlegung des Oderbruchs 1753, die eine Besiedelung ("Kolonisierung") der Region ermöglichte. Das heutige Neulietzegöricke wurde zum ersten Kolonistendorf. „Lietze Göricke“ kommt aus dem Wendischen und bedeutet so viel wie „kahle Hügel“. Noch gebe es drei Nachkommen der ersten Kolonisten-Familien im heutigen Dorf, darunter Martina Herrlich-Gryzan. Im Gebäude war früher die Schule untergebracht, viele schlugen dementsprechend einen Namen „Zur alten Schule“ vor, als die Planungen für das Café begannen. Das war Herrlich-Gryzan aber zu simpel. Doch „Kolonisten-Kaffee“ lässt aufhorchen, macht neugierig. Und deswegen bleibt der Name.






