Darmkrebsvorsorge
: „Kommen, bevor die Bauchschmerzen da sind“

Der März gilt seit 18 Jahren als Darmkrebsmonat. Doch Vorsorge-Darmspiegelungen nehmen nur wenige Versicherte wahr.
Von
Anett Zimmermann
Strausberg/Wriezen
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Vor einem Monitor: Dr. Christian Jenssen und Dr. Georg Bauer (r.) vom Krankenhaus Märkisch-Oderland haben Bilder einer Darmspiegelung herausgesucht, auf denen Polypen zu sehen sind, die bei der Vorsorge meist gleich mit entfernt werden.

Anett Zimmermann

„Vorsorge statt Nachsorge“ heißt es auf einer Infokarte, mit dem das Darmzentrum Märkisch-Oderland auf die Darmkrebs-Vorsorge aufmerksam macht. Das Gros der sogenannten Koloskopien wird in fünf Schwerpunktpraxen vorgenommen, deren Adressen dort neben den Rufnummern des Krankenhauses MOL zu finden sind.

Der Hinweis auf die ambulanten Praxen ist den beiden Chefärzten am Krankenhaus Märkisch-Oderland Dr. Georg Bauer und Dr. Christian Jenssen sehr wichtig. Schließlich sind diese Teil des seit neun Jahren bestehenden Darmzentrums Märkisch-Oderland. In diesen Praxen werden zudem die meisten der Vorsorge- und therapeutischen Darmspiegelungen vorgenommen. 2018 seien es insgesamt etwa 6000 gewesen, davon fast 4500 in den ambulanten Praxen, sagt Georg Bauer. Der Chirurg will mit seinem Kollegen immer wieder Menschen ansprechen, sich für eine Vorsorge-Koloskopie anzumelden. Vor allem in diesen Tagen, gilt der März doch bundesweit als Darmkrebsmonat.

Jeder Siebte in Deutschland habe das Risiko, an Darmkrebs zu erkranken, macht Christian Jenssen deutlich. Das Tückische: Die meisten Erkrankten sind lange symptomfrei. „Viele Menschen haben Polypen im Darm, die sich zu einem Karzinom entwickeln können“, erläutert der Facharzt für Innere Medizin und Gastroenterologie. Würden die Polypen bei einer Vorsorge-Koloskopie entfernt, so sinke das Risiko einer Darmkrebserkrankung enorm. Durch Früherkennung und verbesserte Therapie sei die Sterblichkeit an Darmkrebs zwischen 1994 und 2014 um 39,2 Prozent zurückgegangen.

Dennoch, so Jenssen, sei die Hemmschwelle, sich einer Darmspiegelung zu unterziehen, hoch. Dabei hätten über 55-Jährige einen Anspruch auf diese Untersuchung und einige Kassen das Alter sogar abgesenkt, weil etwa zehn Prozent aller Darmkrebsfälle früher auftreten. „Das Beste ist, sich bei seiner Kasse zu erkundigen“, sagt Georg Bauer. Beide Ärzte haben sich einer solchen Untersuchung schon selbst unterzogen. „Natürlich ist die nicht schön und nimmt auch Zeit in Anspruch, aber danach rate ich immer, den Tag zu genießen, einen Ausflug zu machen und schön essen zu gehen.“ Auch Christian Jenssen weiß um die Gründe. „Da ist die Vorbereitung am Vortag, bei der der Darm gesäubert wird und man viel trinken muss. Hinzu kommt, dass wir uns entblößen müssen. Wenn wir Ärzte nachfragen, wird mitunter auch einfach Angst vor dem Ergebnis genannt.“

Die Folge: Nur wenige der Berechtigten nehme eine Vorsorge-Koloskopie in Anspruch. So sei in einer Studie des Gemeinsames Bundesausschusses, dem höchsten Gremium der gemeinsamen Selbstverwaltung im Gesundheitswesen, festgestellt worden, dass bei einem Modellprojekt 2014/2015 zwar 84 726 Versicherte im Alter von 50 bis 54 Jahren eine Einladung per Brief zu einer Vorsorge-Koloskopie bekamen, dieser aber nur 1,9 Prozent innerhalb eines Jahres folgten. Aber immerhin mehr Personen als ohne Anschreiben, so Jenssen und verweist darauf, dass es ab Juli entsprechende Einladungen an gesetzlich Versicherte durch die Krankenkassen geben wird. „Jeder hat eine Verantwortung für sich und für seine Gesundheit“, sagt er und wirbt, die Vorsorge wahrzunehmen. „Wir möchten, dass die Menschen zu uns kommen, bevor sie Bauchschmerzen haben“, sagt Georg Bauer.