Diskussion
: Tätowierer sehen Risiko bei EU-Verbot der Tattoofarben Blue15 und Green7

Die EU erwägt ein Verbot von Tattoofarben wegen Gesundheitsrisiken. Die Tätowierbranche sieht ein Risiko für unregulierte Alternativen und startet eine Online-Petition.
Von
Jacqueline Westermann
Bad Freienwalde
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  • Tätowierer Marco Gellert im Kurstadt Ink, einem Tattoo- und Piercing-Geschäft in Bad Freienwalde. Er sieht ein mögliches Verbot von Tätowierfarben kritisch.

    Tätowierer Marco Gellert im Kurstadt Ink, einem Tattoo- und Piercing-Geschäft in Bad Freienwalde. Er sieht ein mögliches Verbot von Tätowierfarben kritisch.

    Jacqueline Westermann/MOZ
  • Die EU debattiert ein Verbot der Pigmente Blau15 und Grün7, die in zwei Dritteln der weltweit gehandelten Tätowierfarben zu finden sind. Hier die Farbfläschen im Kurstadt Ink in Bad Freienwalde.

    Die EU debattiert ein Verbot der Pigmente Blau15 und Grün7, die in zwei Dritteln der weltweit gehandelten Tätowierfarben zu finden sind. Hier die Farbfläschen im Kurstadt Ink in Bad Freienwalde.

    Jacqueline Westermann
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„Dann“ ist, wenn die EU ein geplantes Tattoofarben-Verbot durchsetzt. Verboten werden sollen die Pigmente 74160 (Pigment Blue15) und 74260 (Pigment Green7). Zu Deutsch Blau15 und Grün7, ihrerseits Inhaltsstoffe in zwei Drittel der weltweit gehandelten Farben, die zum Tätowieren genutzt werden. Auf Anraten der Europäischen Chemikalienagentur ECHA hat die EU am Dienstag über ein mögliches Verbot beraten. Blau15 und Grün7 sollen gesundheitsschädigend, eventuell krebserregend sein.

Auf der Haut, unter der Haut

Gellert wendet ein: „Jeder Kunde, der sich tätowieren lässt, weiß, dass es ein Eingriff in den Körper ist und der Körper darauf reagiert.“ Seit seiner Jugend faszinieren ihn Tattoos. Beruflich sticht er seit zehn Jahren, seit sieben in Bad Freienwalde. Die aktuelle Diskussion würden seine Kunden auch mitbekommen. „Denen ist das egal. Hauptsache das ist bunt und sieht schön aus“, sagt der 46-Jährige. Diese Alles-egal-Haltung sehe er öfter, wenn er das Gespräch auf potentielle Gefahren in Farben lenkt. Viele dächten nicht an mögliche längerfristige Folgen: „Krebs tut erst in zehn Jahren weh.“

Ob Farben oder Tattoos gesundheitsschädlich oder gar krebserregend sind, ist wissenschaftlich nicht bewiesen. Auslöser für die aktuelle Debatte ist das Verbot dieser Pigmente in der Kosmetikindustrie.Blau15 ist schon in Haarfärbemitteln verboten, weil es die Haut für längere Zeiträume blau färbt. Wenn es schädlich auf der Haut ist, dann sicher auch unter der Haut? Ganz so einfach sei es nicht: Tätowieren in Deutschland wird seit 2008 durch die Tätowiermittel-Verordnung reguliert. Und die Kosmetikmittel-Verordnung wurde dieser beigefügt.

Hier ist aus Sicht der Tätowierer  der Haken: In einer Broschüre der German Tattoo Suppliers (Deutsche Tattoo Lieferer), verfasst von einem Trio aus Tätowierer, Umweltingenieur und Chemiker, heißt es, dass ein Vergleich der Auswirkungen von Kosmetikprodukten oder Tätowierungen nicht möglich sei, ohne wissenschaftlich belegt zu werden. Wissenschaftliche Studien gibt es kaum. So fehlen Erkenntnisse, „wieviel Tätowierfarbe tatsächlich beim Tätowierprozess in den Körper gelangt“. Und eine Blaufärbung der Haut, anders als beim Haare färben, sei beim Tätowieren erwünscht.

Tätowieren im Untergrund

Tätowierer-Verbände in Deutschland fordern eine „Positiv-Übersicht“, eine Auflistung der Pigmente, die wissenschaftlich untersucht und nachweislich unbedenklich sind. Sie wünschen sich eine verbesserte Reinigung der Pigmente, bevor diese in Tattoo-Farben Verwendung finden. Bisher ist das nicht geregelt. Gellert hat bei seinem Versand Glück. „Wenn in irgendeiner Farbe was gefunden wird, was gefährlich sein könnte – nicht was gefährlich ist, es reicht schon, sein könnte – dann kriege ich sofort eine Nachricht, kann die Farbe einschicken, bekomme das Geld wieder, fertig.“ Bei einem Farbenhersteller kam das viermal in einem Jahr vor. Gellert wechselte.

Die Tattoobranche  befürchtet bei einem Verbot von Blau15 und Grün7 vermehrtes illegales Verhalten. „Wenn solche Verbote kommen – die Hälfte der Studios macht zu, dann läuft man durch die Stadt und in jeder zweiten Wohnung hört man die Maschine brummen. Die Farben sind dann nicht geprüft, da hat keiner mehr Handhabe drüber, wenn alle heimlich irgendwo kaufen“, erklärt Gellert. Online läuft derzeit eine Petition, die den Deutschen Bundestag dazu auffordert, das Verbot zu verhindern.

Gellert, wie viele andere, wünscht sich gemeinsame Lösungen von Politik und Branche. Denn Regulierungen seien wichtig. Und Weiterbildung. Die gäbe es schließlich in allen Berufen. „Dann sollen sie uns doch einmal im Jahr zehn Stunden aufbrummen und irgendwo hinfahren und dann – Farbenkunde“, schlägt der 46-Jährige vor. Dann wüssten die Kunden genau, welche Tätowierer sich interessierten und kümmerten. „Wer nicht mitmacht, Gewerbe weg, fertig.“

Eine endgültige Entscheidung zum Verbot gibt es noch nicht. Die ECHA, die das Verbot empfohlen hatte, schlug außerdem eine zweijährige Übergangsfrist vor. Um Alternativen für die Branche zu finden.