Es ist ein ungewöhnliches Projekt: Bodenzeichen, ähnlich der Stolpersteine, aber temporär, erzählen virtuell und dennoch im öffentlichen Raum sichtbar von der Wendezeit in Berlin. Noch bis 9. Dezember läuft das Projekt, das unter www.aufbruch-herbst89.de näher beschrieben ist. Als Zeitzeugen daran mitgewirkt haben Sabine und Peter Rossa aus Altmädewitz. Damals Modedesignerin und Industrieformgestalter. Das Künstlerehepaar, das seit 1997 im Oderbruch lebt, hat noch genaue Erinnerungen an die bewegte Zeit vor 30 Jahren. Damals 46 und 48 Jahre alt, wohnten die Beiden in Friedrichshagen und hatten zwei Kinder im Alter von 14 und 18 Jahren. In der Pappelallee im Prenzlauer Berg befand sich das Atelier.
Frust ausgehalten
Als Künstler etabliert, stand – auch wegen der Umstände – eine Flucht nie zur Rede. Auch wenn sie die Varianten, die DDR zu verlassen, kannten. "Wir fanden, dass die Idee die bessere war. Nur, dass das versteinerte System eben nichts mehr an Veränderung zuließ." Deshalb hielten sie ihren Frust aus. Auch aus Angst vor der Konsequenz, wie das Ehepaar rückblickend berichtet.
Deshalb hatten sie, wie so viele andere im Herbst 1989, große  Hoffnung. Auf einen Aufbruch, einen Neuanfang. Deshalb nahmen beide auch an der Demonstration am 4. November teil. Und staunten. "Es waren so viele, alte und junge Menschen. Es war ein wunderbar sonniger Tag. Da kam im wahrsten Sinne des Wortes Licht in die Sache", erinnert sich Sabine Rossa. Es sei ein Gefühl da gewesen, dass das Starre des Regimes aufbrechen könnte. "Dass wir mitsprechen können, sich der Staat demokratisiert."
Ganz anders dagegen haben die beiden Holzkünstler den 9. November erlebt. Fast wie ein Abenteuer. Die historische Pressekonferenz haben sie am Fernseher verfolgt. Und auch den ganzen Tag über lief im Atelier das Radio. "Und dann dachten wir, wir stellen uns morgen an." Artig in die Schlange wie sonst nach Südfrüchten oder Nudossi. Doch es kam ganz anders. Und schon da hatten die Beiden das Gefühl: "Das wird etwas ganz Großes." Ein historischer Augenblick, der nicht nur das eigene Leben ändert. "Unser Sohn kam nach Hause und wollte seinen Personalausweis haben", erinnert sich Sabine Rossa. Furchtsam habe sie bei der Polizei angerufen. "Doch die meinten, sie wüssten von nichts." Um sich selbst ein Bild zu machen, fuhren Sabine und Peter Rossa gegen 20.30 Uhr in die Stadt. Zu Hause: ihre schlafende Teenager-Tochter. Am Brandenburger Tor kamen ihnen schon die ersten Westberliner entgegen. "Dann sind wir zur Invalidenstraße und haben das Auto abgestellt. "An der Grenze liefen die Leute im Gänsemarsch in den Westen. Und wir mit", erinnert sich Peter Rossa an den bedeutsamen Abend. Ohne ihre Ausweise auch nur vorzeigen zu müssen, gelangten sie in den Berliner Westen, wo die begeisterten Menschen ein Spalier für die Grenzgänger bildeten.
Doch dann wird beiden bewusst, dass sie ihre Tochter gerne bei diesem historischen Augenblick dabei hätten. Und sie treten unvermittelt die "Rückreise" an. Als sie gegen Mitternacht nun zu dritt im Auto sitzen, merken sie, wie die zuvor leere und fast geisterhaft wirkende Stadt sich füllt. "Auf einmal waren die Lichter wieder an und die Straßen gar nicht mehr verlassen", erinnert sich Peter Rossa. Und seine Frau ergänzt: "Die Stadt erwachte." Und das mitten in der Nacht. Gemeinsam schlugen sie sich dann zum Brandenburger Tor durch. Die beiden Eltern standen unten an der Mauer, die Tochter oben drauf.
Gefühl der Freiheit hält an
Frei fühlen sich die beiden Künstler noch immer. Auch ihr Empfinden für Gerechtigkeit hat sich damals entwickelt und weiter ausgeprägt. So findet man die beiden Mädewitzer unter anderem immer wieder bei den Gemeinderatssitzungen. In der Wendezeit sahen sie die Chance auf einen echten Neuanfang. "Die ersten Wahlen waren dann allerdings eine große Enttäuschung", sagen beide.